Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Hinterland Rottenfußer: „Dabei bin ich gar kein Streber“
Landkreis Hinterland Rottenfußer: „Dabei bin ich gar kein Streber“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:56 17.11.2019
Freuen sich über „ihren“ bundesbesten Azubi, Tobias Rottenfußer (vorn): Gerd Hackenberg (von links), Markus Balzer, Ulrike Bonacker und Mirjam Fiedler.  Quelle: Iris Baar
Angelburg

Rottenfußer wird mit weiteren Bundesbesten kommenden Monat in Berlin ausgezeichnet. Auf die Moderatorin Barbara Schöneberger freut er sich schon. Und auf die Trophäe, die ihm am 9. Dezember in Berlin beim Festakt der Industrie- und Handelskammer die Bundesbildungsministerin Anja Karliczek überreichen wird.

Dass am Ende seiner Ausbildung solch ein Erfolg steht, war für den 28-Jährigen, der beim Unternehmen Christmann + Pfeifer in Angelburg gelernt hat und inzwischen übernommen wurde, nicht von Anfang an klar. Denn nach seinem Abitur im Nachbarkreis Siegen-Wittgenstein kam für Tobias eine Ausbildung zuerst nicht infrage. Der gebürtige Schwabe begann ein Studium in Siegen als Bauingenieur.

„Mathe und Technik haben mich schon immer interessiert. Mein erstes Auto habe ich selbst TÜV-fertig gemacht“, erzählt er. „Doch ich merkte bald, dass mir das Studium viel zu theoretisch war.“ Tobias begann sich umzuschauen und bewarb sich schließlich nach vier Semestern bei Christmann + Pfeifer Engineering. Ein Glücksgriff, wie sich bald herausstellte.

Hintergrund

Die besten Auszubildenden des Jahres 2019 aus der IHK-Region Lahn-Dill und aus Hessen stehen fest: Von den mehr als 21.000 Prüfungsabsolventen in Hessen erreichten 295 Azubis in ihrer Prüfung exzellente Ergebnisse, davon 89 Landesbeste. 19 Auszubildende aus Hessen sind sogar Bundesbeste geworden. In der IHK-Region Lahn-Dill waren es knapp 1.200 Absolventen, darunter 58 mit der Note 1 – hiervon 4 Landesbeste und ein Bundesbester.
Die Industrie- und Handelskammern sind die einzige Organisation im deutschen Bildungssystem, die bundesweit einheitliche schriftliche Prüfungen organisiert und damit eine flächendeckende Vergleichbarkeit ihrer Abschlüsse ermöglicht.

„Natürlich musste er bei uns durch das klassische Auswahlverfahren – wie alle Bewerber“, erzählt Personalleiterin Ulrike Bonacker. Tobias absolvierte also einen Test, dann diverse Vorstellungsrunden. Doch schnell sei klar geworden, dass der 28-Jährige genau das mitbrachte, was bei Christmann + Pfeifer gefragt war. Der Studiumabbruch stellte sich dabei nicht als Problem, sondern – im Gegenteil – als Vorteil heraus: „Wir nehmen gerne Auszubildende mit erster Lebenserfahrung. Tobias hatte seine ersten Erfahrungen gemacht, wusste, was er will und hatte gute Noten in seiner Studienzeit erzielt“, fasst Ulrike Bonacker zusammen. 

Und so bekam Tobias den Zuschlag und begann seine Ausbildung als Technischer Systemplaner. Und nicht nur das: Kurz nachdem er seine Ausbildung aufgenommen hatte, bekam er einen Anruf von Geschäftsführer Markus Balzer, der ihm vorschlug, seine dreijährige Ausbildungszeit um ein Jahr zu verkürzen. „Da er schon vier Semester Studium hinter sich hatte, war diese Möglichkeit gegeben, und wir haben das für machbar gehalten“, so der Chef. Er behielt recht. Es war für Tobias Rottenfußer nicht nur machbar, die Ausbildung in zwei Jahren zu absolvieren, er schaffte sie auch als Bundesbester mit 99 von 100 möglichen Punkten.

Tobias ist nicht der erste Bundesbeste in der Firma

„Dabei bin ich überhaupt kein Streber, in der Schule hatte ich durchaus nicht überall Einsen“, sagt Tobias. „Aber er ist sehr zielorientiert“, meint seine Ausbilderin Mirjam Fiedler, die ihn während der zwei Jahre im Unternehmen betreut hat. 

Eine gute Ausbildungsbetreuung mit Kontinuität, denn: Tobias ist nicht der erste bundesbeste Azubi, den das Unternehmen hervorgebracht hat. „2007 hatten wir bereits einen Bundesbesten, dazwischen dann zweimal Landesbeste“, erzählen Mirjam Fiedler und Ulrike Bonacker nicht ohne Stolz. Am Standort des Unternehmens in Angelburg wird viel ausgebildet: Im Baubereich (200 Mitarbeiter) sind derzeit 14 Azubis und 5 duale Studenten beschäftigt.

Stolz ist auch Tobias: „Als der Brief aus Berlin kam, habe ich mich riesig gefreut“, sagt er, der neben seinem Beruf noch ehrenamtlich bei der freiwilligen Feuerwehr in seinem Wohnort Lixfeld engagiert ist. Ein gesellschaftliches Engagement, das Christmann + Pfeifer gerne mitträgt: „Es könnte ja auch mal bei uns brennen“, sagt Geschäftsführer Markus Balzer.

Für Gerd Hackenberg, zuständig bei der IHK Lahn-Dill für Aus- und Weiterbildung, ist Tobias Rottenfußer ein Beispiel dafür, dass das Studium nicht immer die erste Wahl sein muss: „Ich appelliere an alle Studienanfänger, die nicht glücklich mit ihrer Wahl sind, sich jetzt noch auf einen Ausbildungsplatz zu bewerben. Es gibt noch immer freie Stellen und man kann oft in das schon laufende Ausbildungsjahr hineinrutschen.“

von Iris Baar