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Hinterland Kuschelnester für verletzte Kängurus
Landkreis Hinterland Kuschelnester für verletzte Kängurus
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09:50 23.01.2020
Antonia arbeitet in Römershausen hoch konzentriert an einem Stoffsäckchen für ein australisches Tierbaby. Foto: Michael Tietz
Antonia arbeitete in Römershausen hoch konzentriert an einem Stoffsäckchen für ein australisches Tierbaby.  Quelle: Michael Tietz
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Römershausen

Eine Milliarde Säugetiere, Vögel und Reptilien sollen laut Experten der Universität Sydney bei den Buschfeuern auf dem südöstlichen Kontinent ums Leben gekommen sein. Es gibt viele verletzte Kängurus, Koalas, Fledermäuse und Possums, die nun Hilfe benötigen. Wildtier-Auffangstationen sind restlos überfüllt. Dort fehlen Säckchen zum Wärmen und Wickeln von verwaisten Tierkindern.

Deshalb gründete sich die ­Facebook-Gruppe „Deutschland hilft Australiens Wildtieren!“. Ihr gehören Tierschützer rund um die Münchenerin Julia Sesto an. Die Gruppe verzeichnete innerhalb von nur einer Woche 18.000 Mitglieder aus dem gesamten Bundesgebiet.

Näh- und Strickvorlagen für die Stoffsäckchen sowie Anleitungen zum Versand der Handarbeiten veröffentlichte die Gruppe auf ihrer Facebook-Seite. Nach einem Aufruf von Animal Rescue Collective Craft Guild – einer Rettungsorganisation für Tiere – sind auf diese Weise rund 20.000 Decken, Beutel und Wickel für Tiere ohne Eltern entstanden. Diese ermöglichen auch eine bessere Heilung von Brandwunden.

Die Farben sind nebensächlich

Als die Römershäuserin Melanie Krämer-Kowallik von dieser Hilfsaktion erfuhr, stand für sie sofort fest: „Das unterstütze ich gerne.“ Mitstreiter findet sie sofort in ihren Nähkursen für Kinder und Erwachsene, die sie jede Woche in Römershausen anbietet. In ihrem Atelier misst und schneidet Krämer-Kowallik die Stoffe zu, die sie kostenlos für den besonderen Näheinsatz zur Verfügung stellt.

Lila, Rosa, Rot und Türkis – die Farben und Muster sind nebensächlich, es geht diesmal nicht um Schönheit. Sogar ein grüner Stoff ist dabei: „Der ist ja toll“, stellt Karolin aus dem Kindernähkurs fest, woraufhin Krämer-Kowallik hinzufügt: „Das sollte eigentlich mein Sommerkleid werden, jetzt werden es eben Känguru-Säckchen – die sind auch schön.“

Jedes Säckchen besteht aus vier Teilen, zwei kuscheligen und zwei aus Baumwolle. Die Kinder legen jeweils eines übereinander, stecken es mit Nadeln oder Klammern zusammen. Anschließend geht es an die Nähmaschinen. „Und bitte ganz sauber arbeiten, damit sich die Tiere nicht verletzen“, erklärt Krämer-Kowallik den Mädchen.

Die Fäden müssen entfernt werden

Jeder Beutel sollte möglichst mit nur einer Naht genäht werden. Zudem dürfen keine Kanten entstehen – und Fäden müssen entfernt werden, damit die Wildtiere nicht daran hängenbleiben. Für Kängurus haben die kuscheligen, wärmenden Säckchen noch zusätzlich kleine Stoffhenkel. „Damit es ein bisschen schaukelt, so als wenn das kleine Känguru noch im Beutel der Mutter wäre“, sagt die Römershäuserin.

Fünf Kilo Stoffsäckchen für Kängurus, Koalas, Flughunde und Possums steuern die Nähkurse aus Römershausen bei. Alle in Deutschland entstandenen Handarbeiten werden zu Sammelstellen in den Bundesländern gebracht.

Die hessische Sammelstelle befindet sich in Hasselroth im Main-Kinzig-Kreis. Von dort aus werden sie per Bahn zum Flughafen nach Frankfurt transportiert und anschließend auf die Reise nach Australien geschickt. Die Deutsche Bahn und die Lufthansa haben sich bereiterklärt, die Ware kostenlos auf den Kontinent im Südosten zu bringen. Ende Januar sollen die gesammelten Pakete verschickt werden.

Eine Herzensangelegenheit

Die jungen Tierfreunde im Nähkurs sprühen vor Motivation und Eifer. „Ich habe vier Tiersäckchen geschafft“, freut sich Malia. Auch Lea ist mit großer Begeisterung bei der Sache. „Das ist cool, dass wir das machen, weil wir den Tieren helfen können“, erzählt die junge Hobbynäherin. Für Liona ist es ebenfalls eine Herzensangelegenheit, die Aktion zu unterstützen: „Die Tiere sind in Not, es ist ein gutes Gefühl, helfen zu können“.

Sonst nähen die Mädchen Tischdecken, Loops, Handtaschen und jede Menge Klamotten. Auch wenn sie dieses Mal nichts Selbstgemachtes mit nach Hause nehmen, sind sie doch voll des Lobes. „Das hat großen Spaß gemacht“, sagt sich Hanna.

von Samuel Neumeister und Michael Tietz