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Hinterland Therme-Mitarbeiter helfen pflanzen
Landkreis Hinterland Therme-Mitarbeiter helfen pflanzen
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18:48 03.05.2020
Thermenmitarbeiter forsten am Würgeloh auf – Sabine Klein hat sich dafür entschieden, beim Baumpflanzen mitzuhelfen. Der Zustand des Waldes schockiert sie. Quelle: Foto: Sascha Valentin
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SCHLIERBACH

Auf die Gemeinden im Hinterland kommt bei der Aufforstung des Waldes in den nächsten Jahren eine Mammutaufgabe zu. Sascha Bodamer-Greis, Revierförster in Bad Endbach, spricht beim Zustand des Waldes sogar von einer „Katastrophe, wie es sie in den vergangenen 100 Jahren nicht gegeben hat“. Mehrere Faktoren sind dafür verantwortlich. Da sind zum einen die viel zu trockenen und heißen Sommer der beiden vergangenen Jahre, erklärt Bodamer-Greis. Der Wassermangel stresse die Bäume und führe dazu, dass sie anfälliger für Schädlinge wie etwa den Borkenkäfer sind. Der könne sich deswegen besonders leicht ausbreiten und trage seinen Teil zum Baumsterben bei.

Leider deute auch das Wetter im April darauf hin, dass es wieder einen zu trockenen Sommer gibt. Damit steigt laut dem Förster auch die Gefahr, dass das dünne Kapillarsystem im Waldboden, durch das das Wasser fließt, immer mehr austrocknet und seiner Funktion nicht mehr nachkommen kann. Neben der trockenen Witterung und dem Käferbefall hat aber auch das Orkantief „Friederike“ im Februar dem Wald enorm zugesetzt.

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Alles zusammengerechnet muss allein im Bad Endbacher Wald eine Fläche von rund 34 Hektar aufgeforstet werden, erklärt Bodamer-Greis. „Und das wird aller Wahrscheinlichkeit nach noch nicht das Ende der Fahnenstange sein, wenn es dieses Jahr wieder so trocken wird.“

Bürgermeister Julian Schweitzer (SPD) ist sich des Ernsts der Lage durchaus bewusst. „Die Jahre, in denen wir Geld mit dem Wald verdient haben, sind jetzt erst einmal vorbei. Nun sind wir es ihm auch schuldig, ordentlich zu investieren“, betont er. Das Problem dabei: Eine Waldrücklage wie nach Orkan Kyrill in 2007 gibt es in Bad Endbach nicht mehr. Damit müssen die Kosten für die Aufforstung aus dem laufenden Haushalt finanziert werden.

Welche Summen dabei zu erwarten sind, hat Bodamer-Greis nun zu Beginn der Aufforstung in der Gemarkung Würgeloh oberhalb Schlierbachs deutlich gemacht. Für die sechs Hektar, die dort neu angepflanzt werden müssen, entstehen Kosten in Höhe von rund 20  000 Euro. Bei einer Gesamtfläche von 34 Hektar kommen also über 110  000 Euro zusammen. „Dabei handelt es sich ausschließlich um die Kosten für die Bäume und den Verbissschutz“, verdeutlicht Bodamer-Greis. Letzterer sei nötig, weil in den Waldlagen erhöhter Druck durch das Wild herrsche, das die jungen Bäume verbeißt.

Wäre das nicht der Fall, hätte man auch mehr auf eine natürliche Verjüngung des Waldes setzen und dadurch Kosten sparen können. So macht der Schutz der jungen Bäume rund ein Drittel der Kosten aus. Und die Personalkosten sind in dem Preis auch noch nicht berücksichtigt.

Zumindest, was das angeht, kommt der Gemeinde die derzeitige Situation aufgrund der Corona-Beschränkungen zugute. Denn die Mitarbeiter der Lahn-Dill-Bergland-Therme, die weiterhin geschlossen bleibt, helfen nun mit, die Bäume anzupflanzen.

„Wir geben ihnen die Möglichkeit, wenn ihre Überstunden- und Urlaubskontingente erschöpft sind, auf freiwilliger Basis zu helfen, damit sie mit ihren Stunden nicht ins Minus rutschen“, erklärt Schweitzer. Auf diese Weise könne auch Kurzarbeit als mögliche Maßnahme während der Krise weiter hinausgezögert werden.

Die Resonanz auf seine Anregung ist immens. Nicht nur die Mitarbeiter der Therme, sondern auch solche aus der Verwaltung hätten sich bereiterklärt, bei der Aufforstung mitzumachen. Selbst von Privatpersonen und Firmen habe es Rückmeldungen gegeben, dass sie helfen oder spenden wollen, erzählt Schweitzer.

„Am Zustand des Waldes sind wir alle ein bisschen schuld. Deswegen sollten wir jetzt auch helfen, daran etwas zu ändern“, betont Sabine Klein. Die Thermen-Mitarbeiterin hilft seit Mittwoch vergangener Woche, Bäume auf dem Würgeloh zu setzen. Der Anblick der kahlen Flächen im Wald und der vielen toten Bäume schockiert sie: „Den Leuten ist vielleicht gar nicht bewusst, wie schlimm das hier aussieht. Die sollten sich das wirklich mal selbst anschauen. Vielleicht würden dann noch mehr mithelfen.“

Douglasie kommt mit Temperaturen eher zurecht

Aufgrund der geltenden Kontaktbeschränkungen kann freilich nur eine geringe Zahl an Helfern auf einmal auf einer Fläche eingesetzt werden. Förster Sascha Bodamer-Greis geht aber davon aus, dass auch die Laien bis zu 300 Bäume am Tag auf den entsprechend vorbereiteten Flächen setzen können.

Als Baumart kommt auf dem Würgeloh übrigens Douglasie zum Einsatz – vor allem, weil sie mit den Temperaturen besser zurechtkomme, sagt Bodamer-Greis. Denn es sei zu befürchten, dass die extremen Wetterlagen weiter zunehmen.

Julian Schweitzer denkt indes aufgrund der großen Resonanz auf seinen Aufruf zur Hilfe beim Setzen der Bäume darüber nach, im Herbst, wenn die Kontaktbeschränkungen hoffentlich vorüber sind, eine große Pflanzaktion mit den Bürgern zu starten. „Vielleicht richten wir sogar eine Art Bürgerwald ein“, betont er. Fest steht allerdings auch, dass es allein mit dem Pflanzen der Bäume nicht getan ist. „In den nächsten zwei bis drei Jahren wird zusätzliche Arbeit auf uns zukommen“, sagt Andreas Beer, in der Gemeindeverwaltung verantwortlich für den Forstbetrieb. Dann müssten die Flächen um die Bäume zum Beispiel von Brombeeren freigeschnitten werden, damit diese das Wachstum nicht behinderten. Hilfe werde also immer gebraucht.

Von Sascha Valentin

03.05.2020
01.05.2020
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