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Hinterland Die Tradition lebt
Landkreis Hinterland Die Tradition lebt
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16:00 18.10.2021
Die Kindertrachtengruppe aus Gladenbach übte vor ihrem Auftritt in der Hinterlandhalle schon mal draußen.
Die Kindertrachtengruppe aus Gladenbach übte vor ihrem Auftritt in der Hinterlandhalle schon mal draußen. Quelle: Fotos: Nadine Weigel
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Dautphe

Sie lebt – die Tradition im Landkreis Marburg-Biedenkopf. Das zeigte der Trachtentag, der nach coronabedingter Pause nun gestern wieder real in der Hinterlandhalle stattfand.

Jede Menge unterhaltsames Programm bot am Sonntag (17. Oktober) der Tag der Trachten in der Hinterlandhalle in Dautphe.  

„Kerle, wie schie, des mer wirrer hie sei derfe“ (Mensch, wie schön, dass wir wieder hier sein dürfen). Dieser Satz fiel gestern öfter, so groß war die Freude, das einzigartige Kulturgut wieder gemeinsam pflegen zu können. „Es soll ein Startschuss für unser Vereinsleben sein“, betonte Reiner Sauer, Bezirksleiter Mitte der Hessischen Vereinigung für Tanz und Trachtenpflege (HVT).

Doch den Startschuss des Trachtentages gab Matthias Ullrich mit einem außergewöhnlichen Mundart-Gottesdienst. Der „Perner“ (Pfarrer) aus Gladenbach warb augenzwinkernd dafür, Platt als Nationalsprache einzuführen, und klärte erst einmal ab, ob denn die Anwesenden Begrifflichkeiten wie „Schnatz“ (Zopftracht einer Frau), „Läwe“ (Dachgeschoss) und „Sodder“ (Gülle) noch kennen. Taten die meisten der Trachtenträgerinnen und Trachtenträger natürlich – bis auf einige der jüngeren Musikanten der Stadtkapelle Wetter. Aber die waren ja auch nicht zum Plattschwätzen da, sondern um mit ihrer Musik zu begeistern.

„Perner“ Matthias Ullrich machte in seiner Predigt deutlich, dass „nur dankbare Menschen glücklich sein können“ und plädierte dafür, sich an Albert Schweizers Credo zu halten: „Dankbarkeit heißt Ehrfurcht vor dem Leben zu haben.“

Versteckte Botschaften in den Bommeln

Dankbar zeigte sich auch Angela Paulus von der Fachgruppe Brauchtum und Trachten der HVT, dass so viele Trachtenträgerinnen und Trachtenträger nach Dautphe gekommen waren. Wunderschöne festliche Trachten, so weit das Auge reichte. „Jede Tracht hat ihre Besonderheit“, so Paulus, die mit dem diesjährigen Otto-Ubbelohde-Preisträger Klaus-Peter Fett, besser bekannt als „’s Anna“, einige besonders schöne Trachten und ihre Bedeutungen vorstellte.

Manchmal versteckten sich gar wichtige Informationen in so einer Tracht. „Pro Bommel ein Hektar Land“, erklärte Marina Schmidt lachend im Gespräch mit der OP und zeigte auf die roten Strumpfbänder, die ihre Begleiterinnen Marina Schmidt und Petra Wagner-Reitz um die Knie trugen. Daran befestigt: rote Bommeln. „Früher haben die Männer dann unter den Rock geschaut, um zu sehen, wie viel Hektar Land die Auserwählte wohl als Mitgift mitbringen würde“, erklärte Schmidt eine Besonderheit der Tracht des Breidenbacher Grundes.

Eine weitere versteckte Botschaft waren die Farben der Kopfbedeckung der Frauen – die auf dem Hinterkopf sitzenden „Stülpchen“. Waren sie rot, war die Frau noch ledig. Waren sie blau, war die Frau verheiratet.

„Es ist einfach eine faszinierende Tradition, die weiter gepflegt werden muss“, befand Elisa Zimmer. Die 19-Jährige gehört zu den vielen jungen Menschen aus Wollmar, die sich in der Trachtengruppe engagieren. Gleich zwei Kindergruppen haben die „Wollmarsche“, die wie so viele Engagierte in der HVT beweisen: Die Vergangenheit hat Zukunft.

Von Nadine Weigel