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Hinterland „Das steht in keinem Lehrbuch“
Landkreis Hinterland „Das steht in keinem Lehrbuch“
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18:58 25.07.2021
Zugführer Marcus Schneider und Ortsbeauftragte Yvonne Ozek berichten vom Einsatz der Biedenkopfer THW-Ortsgruppe in den Flutgebieten.
Zugführer Marcus Schneider und Ortsbeauftragte Yvonne Ozek berichten vom Einsatz der Biedenkopfer THW-Ortsgruppe in den Flutgebieten. Quelle: Foto: Mark Adel
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Biedenkopf

Sie versorgen andere Einsatzkräfte mit Strom, beseitigen Schutt und Trümmer, sie stehen in den Resten zerstörter Gebäude, in Schlamm und Verwüstung: Auch aus Biedenkopf sind Einsatzkräfte des Technischen Hilfswerks (THW) in die Hochwassergebiete ausgerückt, zum Teil inzwischen schon zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage.

Von Donnerstag bis Sonntag vergangener Woche war die Bergungsgruppe des Biedenkopfer Ortsverbandes in Ahrweiler. Die sieben Mitglieder seien beeindruckt vom Ausmaß der Zerstörung gewesen, sagt Zugführer Marcus Schneider.

„Es ist unvorstellbar für jemanden, der es nicht gesehen hat“, und auch die Fernsehbilder könnten die Katastrophe nur bedingt wiedergeben. „Zugleich sind wir aber auch auf große Dankbarkeit gestoßen.“

Schneider selbst war von Freitag bis Sonntag mit acht weiteren Einsatzkräften der Fachgruppe Elektroversorgung in Bitburg unterwegs. Dort sorgte das THW aus Biedenkopf dafür, dass die Pumpen anderer Einsatzkräfte mit Strom versorgt wurden. Das Gebiet war nicht ganz so stark betroffen wie die Region um Ahrweiler.

Erst kurz vor der verheerenden Katastrophe im Westen Deutschlands hatte das Biedenkopfer THW den Ortsverband in Frankenberg unterstützt, wo die Eder und Zuflüsse über die Ufer getreten waren – doch das war kein Vergleich zu dem, was danach an Ahr, Erft und in der Umgebung folgte. „Hochwassereinsätze an sich sind nicht ungewöhnlich“, sagt Schneider. Die Wucht, mit der das Wasser an Ahr, Erft und in der Umgebung wütete, war es hingegen schon. „Das Wasser kam in Windeseile, und fast so schnell war es wieder weg. Es blieb die Zerstörung.“

Alle THW-Helfer sind durch die Grundausbildung und weitere Lehrgänge mit den verschiedenen Aufgaben und Anforderungen vertraut. Doch kein Einsatz ist wie der andere, und auch in den vergangenen Tagen musste teilweise improvisiert werden: „Die Kameraden haben zum Beispiel eine provisorische Seilbahn über die Ahr gespannt, um eine Trinkwasseraufbereitungsanlage mit Rohwasser zu versorgen“, sagt Marcus Schneider. „Das steht in keinem Lehrbuch.“ Am Dienstag waren 115 von 118 Ortsverbänden des Landesverbandes Hessen/Rheinland-Pfalz, Saarland noch im Einsatz. Morgens war die Fachgruppe Elektroversorgung aus Biedenkopf mit sechs Helfern erneut aufgebrochen. Auch die Ortsbeauftragte Yvonne Ozek rechnet damit, dass der Ortsverband noch weitere Helfer schickt – etwa wenn Einsatzkräfte anderer Ortsverbände abgelöst werden müssen: „Ich gehe davon aus, dass noch Helfer gebraucht werden.“

Die Arbeit im THW sei so organisiert, dass die verschiedenen Gruppen problemlos miteinander arbeiten können, sagt Yvonne Ozek: „Das greift wie Zahnräder ineinander.“ Eine Helferin aus Biedenkopf ist noch als Laborantin in der besonders getroffenen Region Bad Neuenahr und Schuld im Einsatz, um mit weiteren Kräften die Trinkwasseraufbereitung zu organisieren.

Das seien die typischen THW-Aufgaben, sagt Yvonne Ozek: „Wenn nichts mehr da ist, bauen wir die erste Infrastruktur auf. Die Helfer sorgen also für Strom, beräumen, stellen die Trinkwasserversorgung sicher oder bauen provisorische Brücken.“ Solche Hilfe zu leisten, sei das, „warum wir im THW sind“, ergänzt Marcus Schneider.

Zu Hochwassereinsätzen ist das Biedenkopfer THW schon mehrfach bundesweit ausgerückt, etwa zu den Flutkatastrophen an Elbe und Oder. Einzelne Mitglieder waren auch an internationalen Hilfseinsätzen beteiligt. Eine Katastrophe wie vergangene Woche vor der Haustür ist eine neue Situation, doch nicht überraschend: Das THW sei mit Blick auf Unwettereinsätze in den vergangenen Jahren neu strukturiert und immer besser ausgestattet worden, vonseiten der Politik seien die Finanzmittel erhöht worden.

Anders als viele andere Einsatzkräfte sind die Biedenkopfer Helfer bislang nicht direkt mit Toten konfrontiert worden. Doch Zerstörung und Verzweiflung haben auch sie gesehen. Wie bei Polizei und anderen Hilfsorganisationen gibt es auch beim THW psychosoziale Fachleute, die für Gespräche zur Verfügung stehen. Und oft helfe auch die Kameradschaft, sagt Marcus Schneider. „Über belastende Situationen wird gesprochen.“ Doch es helfe auch zu merken, dass die Hilfe wirkt. „Man spürt die Dankbarkeit aus der Bevölkerung.“

Wenn eine herausfordernde Aufgabe erfolgreich bewältigt wurde, sei aber auch die Stimmung gut, was inmitten von Katastrophen für Außenstehende eventuell befremdlich wirken könne. „Das ist auch ein bisschen Seelenhygiene.“ Und bei aller Dramatik seien solche Einsätze auch gut für die Kameradschaft: „Wenn es vorbei ist, treffen sich die Gruppen hier, und dann wird erzählt. Das schweißt zusammen.“

Von Mark Adel

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