Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Hinterland Stichwahl: Kremer gegen Wolfgram
Landkreis Hinterland Stichwahl: Kremer gegen Wolfgram
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:30 04.11.2020
Gehen in drei Wochen in die Stichwahl: Robert Wolfgram (links) und Peter Kremer. Quelle: Nadine Weigel
Anzeige
Gladenbach

Von Beginn der Stimmenauszählungen an liegt der parteilose Bürgermeister Peter Kremer am Sonntagabend in Front. Nach der Auszählung von zwei Wahllokalen erst mit mehr als 60 Prozent, bei drei Wahllokalen dann 57 Prozent; und als um 18.33 Uhr 18 von 23 Wahlbezirken ausgezählt sind, liegt Kremer immer noch vorn, allerdings nur noch mit rund 48 Prozent der Stimmen. Hartnäckigster Verfolger ist der unabhängige Kandidat Robert Wolfgram, der 25 Prozent der Stimmen auf sich vereint. Gregor Hofmeyer von den Grünen und der von den Freien Wählern unterstützte Anton Enes sind zu diesem Zeitpunkt mit jeweils rund 13 Prozent der Stimmen abgeschlagen.

Doch noch liegen die Zahlen aus den großen Wahlbezirken nicht vor und auch das Ergebnis der rund 1 500 Briefwähler ist unbekannt. Zehn Minuten später stehen nur noch die Ergebnisse der Briefwahl aus.

Anzeige

Nach dem Auszählen der 21 Wahllokale weist Kremer 1 463 Stimmen auf, was 47,87 Prozent entspricht, und Wolfgram liegt mit 742 Stimmen bei 24,28 Prozent. Aber noch sind die rund 1 500 Stimmen der Briefwähler zuzuordnen. Wolfgram könnte den Amtsinhaber gar noch überholen oder Kremer auf mehr als 50 Prozent der gültigen Stimmen kommen und somit im ersten Wahlgang den Sieg davontragen.

Um 18.56 Uhr steht dann fest, was sich andeutete: Es gibt eine Stichwahl zwischen Peter Kremer und Robert Wolfgram. Kremer erhält rund 650 Stimmen der Briefwähler, Wolfgram rund 300. Kremer verpasst um 1,5 Prozent die direkte Wiederwahl, erhält aber doppelt so viele Stimmen wie Wolfgram. Die Verlierer des Abends sind Gregor Hofmeyer und Anton Enes.

Beide eint die Enttäuschung über die Wahlbeteiligung, die 46,17 Prozent beträgt. Er habe gehofft, bei einer höheren Wahlbeteiligung besser abzuschneiden, bekennt Enes, spricht von einem guten Ergebnis für sich und davon, Erfahrung „fürs nächste Mal“ gesammelt zu haben. Er lässt seinen künftigen politischen Werdegang zwar offen, zeigt sich aber über die Unterstützung der Freien Wähler zufrieden.

Hofmeyer gibt zu, enttäuscht zu sein. Er habe das Etappenziel Stichwahl nicht erreicht, gewinnt dem Ergebnis aber auch positive Seiten ab: „Die Grünen-Kennziffer ist zweistellig.“ Ein persönlicher Gewinn sei für ihn, „viel über die Stadtteile gelernt und auch gesehen zu haben“. Diesen Input will er für seine politische Arbeit in der Stadtverordnetenversammlung nutzen – „hoffentlich auch über die Kommunalwahl im nächsten Jahr hinaus“. „Sehr zufrieden“ ist Hofmeyer mit der Unterstützung der Gladenbacher Grünen, des Kreis- und des Landesverbandes.

Corona sorgt für Gleichheit

Niemand verliert, sondern jeder macht eine „wahnsinnige Erfahrung und stärkt die eigene Persönlichkeit“, meint Peter Kremer. Es hätte ihn gefreut, aber er wäre auch überrascht gewesen, hätte es gleich im ersten Wahlgang geklappt, bekennt der Amtsinhaber. „Es war schwierig“, sagt Robert Wolfgram, wie Kremer ebenfalls unabhängiger Kandidat; aber er habe gehofft, in die Stichwahl zu kommen, und sieht sich durch das Gesamtbild bestätigt.

Nun geht es drei Wochen im Wahlkampfmodus weiter, der nach Ansicht von Wolfgram bisher „sehr ruhig war“. Das Corona-Virus habe halt sehr viele Veranstaltungen und Gespräche sowie auch die Podiumsdiskussionen verhindert, meint Hofmeyer, aber auch: „Die Bedingungen waren für alle gleich.“ Während Wolfgram meint, dass der Amtsinhaber einen kleinen Bekanntheitsbonus habe, trauert Kremer etwas den vereitelten Podiumsdiskussionen nach. „Da hätten politisch Interessierte den Kandidaten auf den Zahn fühlen können.“

Kremer will nun „weiter auf die Straße gehen“, Menschen ansprechen, obwohl die Bedingungen wegen Corona „eher schwieriger werden“. Die Menschen hätten Angst vor Kontakten, weshalb er das Werben in den sozialen Medien intensivieren will. Der derzeitige Amtsinhaber rechnete aufgrund der Corona-Lage am 22. November „mit noch mehr Briefwählern“.

Auch Wolfgram fragt sich, welche Auflagen wohl noch kommen. Er will deshalb verstärkt versuchen, die Wähler übers Internet sowie die sozialen Medien zu erreichen und die älteren Menschen, die nicht im Internet unterwegs sind, natürlich auch über die Tageszeitung. Aber der Herausforderer ist auch optimistisch: „Wer eine Veränderung will, hat noch mal die Chance.“

Standpunkt

Ein sauberer Wahlkampf

Sauber. Das beschreibt den Wahlkampf um das Gladenbacher Bürgermeisteramt am besten. Vier Kandidaten, die sich respektieren, nicht anfeinden, sondern mit ihren Argumenten zu überzeugen versuchen und sich beim Plakatieren unterstützen. Und selbst in der Stunde der Niederlage zeigen die Unterlegenen Größe. Die Bedingungen waren für alle gleich, betont einer, eventuell eine höhere Wahlbeteiligung hätte den Gegenkandidaten mehr genutzt, meint der andere. Ist diese mit 46,17 Prozent nun schlecht oder gerade wegen der Corona-Pandemie gut? Beide bleiben auch fair, indem sie keine Wahlempfehlung aussprechen. Wer von den Stichwahlkandidaten die Sympathien der Wähler gewinnt, deren Kandidaten aus dem Rennen sind, bleibt ebenso offen wie die Höhe der Wahlbeteiligung am 22. November trotz Corona.  

Von Gianfranco Fain

Burgermeisterwahl_Gladenbach_4spx184137_1020_S2_RZ (212 kB)