Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Hinterland Von der Tabakfabrik zur Immobilienfirma
Landkreis Hinterland Von der Tabakfabrik zur Immobilienfirma
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:29 23.03.2017
Werbung für die Rauch- und Kautabak-Fabrik in Marburg, deren Produkte weltweit gefragt waren. Die Perspektive des Bildes ist nicht stimmig. Das Schloss ist vom Innenhof aus zu sehen, wie das ­Foto unten zeigt. Privatfoto
Werbung für die Rauch- und Kautabak-Fabrik in Marburg, deren Produkte weltweit gefragt waren. Die Perspektive des Bildes ist nicht stimmig. Das Schloss ist vom Innenhof aus zu sehen, wie das ­Foto unten zeigt. Quelle: privat
Anzeige
Marburg

„Der Schwanhof ist heute ein Dienstleistungszentrum. Darauf sind wir stolz“, sagt Klaus-Peter Mülln, seit fast 20 Jahren Geschäftsführer der Stephan Niderehe & Sohn Gmbh, die die Immobilien auf dem Schwanhof besitzt, vermietet und verwaltet. Dort befinden sich zum Beispiel das Geburtshaus Marburg und ein Balletstudio. Im Schwanhof hat auch der international renommierte Marburger Orgelbauer Gerald Woehl seine Werkstatt und die Südstadtgemeinde ihre Vereinsräume.

Die Liste der Mieter – fast alles sind Dienstleister – ist lang, sie füllen den Platz mit Leben, sagt Mülln. Er spricht von „Kinder, Kunst, Gesundheit“, wenn er die Branchen auf dem Schwanhof zusammenfasst. Wer von der zur Schwanallee gerichteten Fassade in den großen Hof läuft, wird dieses Kommen und Gehen der Dienstleister und ihrer Kunden erleben. Spätestens im Sommer, wenn die Mieter gemeinsam ein großes Sommerfest anbieten, kommen hunderte von Marburgern auf diesen Hof. Was nicht jeder Marburger weiß: Dort, wo heute Kinder tanzen oder musizieren, war einst das Domizil der Marburger Tabakfabrik.

Familie seit eh und je in Familienbesitz

1817 gründete Stephan Niderehe im Marburger Stadtteil Weidenhausen die Tabakfabrik, die Kau- und Pfeifentabak produzierte. Damals war Rauchen schick, sagt Mülln. Der Handel florierte. Der Unternehmensnachfolger Peter Niderehe verlagerte die Produktion in den eigens dafür erworbenen Schwanhof und ließ dort Gebäude errichten. Tabak aus Marburg war bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs beliebt. In Spitzenzeiten arbeiteten mehr als 400 Beschäftigte in der Fabrik. 1894 soll die Firma vom Kaiserlichen Patentamt als erstes Unternehmen der Branche den Eintrag eines geschützten Warenzeichens erhalten haben.

War die Firma anfangs als offene Handelsgesellschaft geführt worden, beschloss die Inhaberfamilie 1884 den ersten Gesellschaftervertrag. Die Niderehes und ihre Angestellten fuhren mit Pferdegespannen zu ihrer Kundschaft, per Schiff wurden die Waren ins Ausland verschickt. Seit 1911 wurde die Firma als GmbH geführt. Nach Kriegsende 1945 wurde der gesamte Betrieb durch die amerikanische Besatzungsmacht beschlagnahmt, die Produktion wurde zunächst eingestellt. Ein Treuhänder führte die Firma dann unter dem Namen „Marburger Tabakfabrik“ weiter. 1948 übernahm die GmbH wieder die Firma, die Gesellschafter waren und sind bis heute Erben der Familie Niderehe. Doch in den 50ern florierte der Handel nicht mehr. Die Maschinen waren überaltert oder defekt.

Mit der Mode, Zigarette 
zu rauchen, kam das Aus

Das größte Problem für die Fabrik aber war der veränderte Konsum: Der Raucher zog die Zigarette der Pfeife und dem Kautabak vor. 1956 wurde der Betrieb eingestellt. Die Gesellschafter beschlossen, die GmbH dennoch weiterzuführen. Der Zweck war nun die Verwaltung und Vermietung des denkmalgeschützten Geländes. Insbesondere in den vergangenen 17 Jahren habe die Erbengemeinschaft zwei Millionen Euro in die Sanierung des Geländes investiert, sagt Mülln. Weitere Bauvorhaben sind in Planung: Die Renovierung der Außenfassaden zur Schwanallee hin sowie die Modernisierung der Brandschutzanlage.

Am Sonntag feiern die sechs Gesellschafter, die mittlerweile verstreut in ganz Deutschland leben, mit einem Festakt im Rathaus das Firmen-Jubiläum. Die Marburger Öffentlichkeit ist beim Sommerfest am 25. Juni auf dem Schwanhof eingeladen, um das historische Gelände und die mehr als 30 Dienstleister und Unternehmen mit insgesamt mehr als 100 Mitarbeitern kennenzulernen.

von Anna Ntemiris