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Hinterland Der Jugendschützer macht Schluss
Landkreis Hinterland Der Jugendschützer macht Schluss
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10:00 17.01.2022
Über 120 Gutachten zu Filmen und Serien hat Detlef Ruffert während seiner knapp 25-jährigen Tätigkeit bei der FSF verfasst und dadurch für bestimmte Altersfreigaben gesorgt.
Über 120 Gutachten zu Filmen und Serien hat Detlef Ruffert während seiner knapp 25-jährigen Tätigkeit bei der FSF verfasst und dadurch für bestimmte Altersfreigaben gesorgt. Quelle: Sascha Valentin
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Die nachfolgende Sendung ist für Zuschauer unter 16 Jahren nicht geeignet. Nach 22 Uhr weisen solche Einblendungen zu Beginn von Filmen und Shows immer wieder auf die Altersbeschränkung für das folgende Programm hin und geben Eltern damit Tipps, ob dieses für ihren Nachwuchs geeignet ist. Lange Zeit hat auch ein Hinterländer für die Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen (FSF) in Berlin aktiv an den Altersempfehlungen mitgearbeitet: Nach fast 25 Jahren hat Detlef Ruffert seine Tätigkeit als Prüfer bei der FSF zum Jahreswechsel niedergelegt. Während seiner aktiven Zeit hat der Steffenberger über 600 Prüfungen durchgeführt und mehr als 120 Gutachten zu Kino- und Fernsehfilmen, aber auch Dokumentationen und Shows erstellt – darunter etwa Klassiker wie „Der weiße Hai“ oder die Serie „Dexter“, aber auch Sendungen wie „Deutschland sucht den Superstar“ oder das Reality-Format „Love Island“.

„Es geht immer darum, den Zuschauern eine auf bestimmten ethischen Maßstäben beruhende Empfehlung zu geben, inwieweit sich die Sendung auf die Entwicklung ihres Kindes auswirken kann“, erklärt Ruffert, der vor der Gründung der FSF 1993 in seiner Funktion als Kreisjugendpfleger und späterer Geschäftsführer des Landesfilmdienstes Hessen bereits für die Freiwillige Selbstkontrolle Kino (FSK) tätig war.

Prüfungen laufen immer gleich ab

Mit dem Aufkommen des Privatfernsehens Anfang der 90er-Jahre sollte auch dafür eine Prüfinstanz eingerichtet werden, um die Programminhalte zu kontrollieren. „Anfangs war sogar eine staatliche Stelle dafür angedacht, aber dagegen haben sich die Sender gewehrt“, erinnert sich Ruffert. Stattdessen wurde schließlich eine freiwillige Selbstkontrolle eingerichtet, bei der die Sender vorab Formate einreichen konnten, um dafür bestimmte Altersfreigaben zu erhalten. Diese entscheiden darüber, zu welchen Uhrzeiten die Sendungen ausgestrahlt werden dürfen: Sendungen, die ab 12 Jahren freigegeben sind, dürfen etwa erst ab 20 Uhr gezeigt werden, solche mit einer Freigabe ab 16 Jahren sogar erst ab 22 Uhr. Die Prüfungen laufen immer nach demselben Schema ab, erzählt Ruffert: „Eine Kommission besteht aus fünf Prüfern, die sich dann gemeinsam die Filme und Serien anschauen und anschließend darüber diskutieren. Dabei geht es immer um drei für Kinder entwicklungsbeeinträchtigende Faktoren: Szenen, die Gewalt befürworten oder fördern, die übermäßige Angst erzeugen oder eine sozialethische Desorientierung begünstigen.“ Jedenfalls sei es nicht so, dass ein Film nur wegen Gewaltdarstellung automatisch eine höhere Altersfreigabe erhalte. Vielmehr komme es auf die Form dieser Darstellung an. Als Beispiel führt Ruffert die alten Bud-Spencer-und-Terence-Hill-Filme an.

Diese seien auch gewalttätig, aber die Darstellung werde ins Lächerliche gezogen und konterkariere daher die Wirkung der Gewalt. Ein anderes Beispiel ist die Dokumentation über F15-Kampfjets, der Ruffert und seine Kollegen nur eine Altersfreigabe ab 16 Jahren erteilt haben. „Ausschlaggebend dafür war, dass in dem Film ausschließlich gezeigt wurde, wie toll und heroisch es ist, einen solchen Kampfjet zu fliegen. Aber die Auswirkungen dieser Einsätze im Krieg wurden nicht erwähnt“, erklärt Ruffert.

Respektloser Umgang und abfälliges Verhalten

Sogar Dieter Bohlen mussten die Prüfer schon auf die Finger klopfen. Einer Folge von „Deutschland sucht den Superstar“ erlegten sie einen Schnitt auf, durch den ein besonders respektloser Umgang und abfälliges Verhalten des Pop-Titans aus der Sendung entfernt werden sollten.

Dabei habe es sich ganz klar um sozialethische Desorientierung gehandelt, sagt Ruffert. „Das ist immer dann der Fall, wenn Menschen abgewertet oder entwürdigt werden – zum Beispiel durch Bedienung bestimmter Rollenklischees oder sexuelles Verhalten. Solche Muster seien für die Entwicklung der Kinder besonders gefährlich, da sie ihnen ein falsches Bild der Realität vermittelten. Detlef Ruffert weiß aber auch, dass sich die medialen Gewohnheiten der Kinder und Jugendlichen in den vergangenen Jahrzehnten enorm gewandelt haben. Zombie-Filme etwa, die in den 1970er- und 80er-Jahren Angst und Schrecken verbreiteten, sorgten heute bei vielen Kindern bestenfalls noch für ein müdes Lächeln.

„In den 70ern haben zum Beispiel die Präsentation nackter Haut und eines Busens schon gereicht, um etwas als Pornografie einzustufen“, erläutert er. Heute gehöre das zur Alltagsdarstellung. Oder auch Steven Spielbergs „Der weiße Hai“, der 1985 mit einer Altersfreigabe von 16 Jahren eingestuft wurde. Knappe 35 Jahre später sah das bei dem Hai-Actioner „Meg“ mit Jason Statham ganz anders aus. Der wurde bereits ab 12 Jahren freigegeben.

Letztlich handele es sich bei den Altersfreigaben der FSF freilich nur um Empfehlungen, sagt Ruffert. Denn anders als etwa bei den öffentlichen Aufführungen in den Kinos könne zu Hause nicht überprüft werden, ob die Eltern dieser Vorgabe folgen.

„Dennoch halte ich es weiterhin für richtig und wichtig, dass es dieses Kontrollgremium gibt“, sagt der ehemalige Prüfer. In einer Zeit, in der Polizisten und Rettungskräfte angespuckt oder gar geschlagen werden und in der der Staat infrage gestellt wird, sei es wichtig, eine Instanz zu haben, die ethische Werte vorgibt und den Menschen dadurch Richtlinien aufzeigt. Sich daran zu orientieren, würde unserer Gesellschaft guttun.

Von Sascha Valentin

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