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Hinterland Stalker muss 15 Monate hinter Gitter
Landkreis Hinterland Stalker muss 15 Monate hinter Gitter
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15:59 03.09.2020
Ein Mann hat nach Überzeugung des Gerichts eine Frau jahrelang gestalkt – Szene nachgestellt. Quelle: Thorsten Richter
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Biedenkopf

Ein Jahr und drei Monate Haft hat das Biedenkopfer Amtsgericht gegen einen 49-jährigen Mann aus der Gemeinde Lahntal verhängt. Er hatte eine 27-jährige Dautphetalerin über mehrere Jahre hinweg gestalkt.

Anlass, die Strafe zur Bewährung auszusetzen, sah Richterin Maja Schlenzig nicht. Sie folgte damit dem Antrag der Staatsanwältin, die nach Vernehmung von sechs Zeugen dem Angeklagten unmissverständlich klar machte, „nichts zu Ihren Gunsten zu finden, aber vieles, was Sie belastet“.

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Vor allem die Hartnäckigkeit, mit der er seinem Opfer immer wieder nachgestellt habe, lasse für sie keine Bewährung in Frage kommen. Alles begann 2012, als die damals 19-Jährige einen Ferienjob bei einer Wolfgrubener Firma übernahm und dort zusammen mit dem Angeklagten arbeitete. Irgendwann habe sie kleine Geschenke auf ihrem Auto gefunden und Nachrichten auf ihrem Arbeitsplatz, die nur von ihm stammen konnten, berichtete die 27-Jährige.

Später sei er ihr dann sogar nachgefahren, um herauszufinden, wo sie wohnt und habe dann auch Geschenke vor der Haustür abgelegt. Auch im Reitstall, in dem die junge Frau damals ihr Pferd stehen hatte, sei er „zufällig“ vorbeigekommen. Ab dem Sommer 2013 sei es dann besonders schlimm geworden, berichtete die Zeugin.

Seit 2014 bestand gerichtliches Kontaktverbot

Bis zu achtmal am Tag sei der Angeklagte vor dem Haus der Familie auf und ab gefahren – meist abends und sogar in der Nacht. Noch im selben Jahr erwirkte die Familie deswegen ein gerichtlich angeordnetes Kontaktverbot gegen den Lahntaler, nach dem dieser sich der Frau und dem Haus nicht mehr als 20 Meter nähern durfte.

Genützt habe es nichts. Die Belästigung sei weitergegangen, berichteten auch Mutter, Vater und Bruder des Opfers sowie zwei Nachbarn, die den Mann teilweise auch fotografiert hatten.

2014 verurteilte das Gericht den Mann dann zu einer Haftstrafe, weil er gegen das Kontaktverbot verstoßen hatte. Obwohl die Strafe zur Bewährung ausgesetzt war, musste der Lahntaler sie dennoch antreten, weil er gegen die Bewährungsauflagen verstieß.

Das Leben der Familie und vor allem ihrer Tochter habe sich durch diese Vorfälle in vielen Punkten verändert, bekräftigte die Mutter des Opfers in der Verhandlung. Nicht nur, dass ihre Tochter Angst habe, alleine aus dem Haus zu gehen – sie traue sich auch nicht, von zu Hause auszuziehen, weil sie stets damit rechne, dass er ihr in ihrer Wohnung auflauere, wenn sie dort alleine ist.

„Ich mache doch gar nichts“

„Er wird immer dreister und ich weiß ja nicht, zu was er noch imstande ist“, sagte die Tochter unter Tränen. Ihre Eltern und auch sie selbst hatten den Mann bereits mehrfach zur Rede gestellt. Doch dann habe der immer nur gegrinst und gesagt: „Ich mache doch gar nichts.“

Das passe auch zu dem Bild seines psychiatrischen Gutachtens über den Angeklagten, bestätigte der Sachverständige. Eine zwanghafte Persönlichkeitsstörung liege bei ihm nicht vor. Deswegen habe es auch keine Behandlungsbedürftigkeit gegeben, als der Mann schon einmal in eine psychotherapeutische Klinik eingeliefert wurde. Stattdessen charakterisierte der Gutachter den Angeklagten als äußerst harmoniebedürftigen Menschen, der unangenehme Dinge und Situation verdränge und von anderen gemocht und geschätzt werden wolle.

Gutachter hält Angeklagten für nicht gefährlich

Das Problem des Angeklagten sei die mangelnde Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinversetzen zu können. „Er versteht nicht, dass das, was er tut, dem Opfer und ihrer Familie Angst macht“, erklärte der Sachverständige. Vielmehr suche der Mann die Nähe seines Opfers, um der Frau zu zeigen, wie nett er doch eigentlich sei, in der Annahme, dass sie sich dann in ihn verlieben müsse, wenn sie das erkannt habe.

Immerhin schloss er aus, dass von dem Lahntaler eine Gefahr für die Frau ausgehe. Aggressives Verhalten passe nicht zu dieser Form des Stalkings. Ebenso schloss der Gutachter aber auch eine ambulante therapeutische Behandlung aus.

Nachdem der Mann sowohl gegen die Bewährungsauflagen und das Kontaktverbot verstoßen habe, als auch zu angesetzten Gesprächsterminen und selbst der Gerichtsverhandlung nicht erschienen war, gehe er nicht davon aus, dass er an den therapeutischen Sitzungen teilnehmen werde, sagte der Sachverständige.

Auch das war ein Grund dafür, warum Staatsanwaltschaft und Richterin von einer Bewährungsstrafe absahen, die Pflichtverteidiger Thomas Nonas für seinen Mandanten gefordert hatte.

Von Sascha Valentin