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Hinterland Heimliche Aufnahme in der Dusche
Landkreis Hinterland Heimliche Aufnahme in der Dusche
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17:57 19.06.2020
In den Duschräumen der Frauenmannschaft im Vereinsheim des SSV Bad Endbach/Günterod wurden heimlich Videoaufnahmen angefertigt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Quelle: Sascha Valentin
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Bad Endbach

100 Jahre alt wird der SSV Endbach/Günterod in diesem Jahr. Doch auf das Jubiläum fällt ein Schatten. Heimliche Filmaufnahmen im Duschraum der Frauenmannschaft haben den Verein erschüttert.

Die Staatsanwaltschaft Marburg ermittelt. Mehrere sichergestellte Speichermedien wurden ausgewertet, sagt Presse-Staatsanwalt Timo Ide auf Anfrage.

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Derzeit werden noch Zeugen vernommen, so Ide weiter. In ein bis zwei Monaten könnte das Ermittlungsverfahren wegen des „Verdachts der Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen“ abgeschlossen sein.

Öffentlich wurde der Verdacht auf die illegalen Filmaufnahmen durch ein anonymes Schreiben im Briefkasten eines Medienhauses. Im Oktober 2019 entdeckten die Fußballspielerinnen des SSV Endbach/Günterod demnach eine Kamera im Duschraum des Sportheims Bad Endbach, bestätigt Ramona Kühlborn. Kühlborn ist Schriftführerin im Vorstand und zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit.

Keine Hinweise auf betroffene Kinder

Der Vorstand habe nach dieser Entdeckung bei der Kriminalpolizei in Marburg umgehend Anzeige erstattet. Der Verdacht richtet sich gegen ein Vereinsmitglied, die Polizei stellte bei ihm mehrere Speichermedien sicher, bestätigt die Staatsanwaltschaft Marburg. Mit dem Mann habe man vereinbart, die Mitgliedschaft ruhen zu lassen, bis die Ermittlungen abgeschlossen seien, so Kühlborn.

„Wir müssen jetzt abwarten, ob ihm das nachzuweisen ist. Erst wenn wir alles in der Hand haben, können wir über Konsequenzen entscheiden.“ Seine Schlüssel und den Verein betreffende Unterlagen habe der Tatverdächtige dem Vorstand übergeben.

Mit den Jugendleitern und allen, die in irgendeiner Form von dem Vorfall betroffen sein könnten, seien Gespräche geführt worden. „Das Kindeswohl ist uns sehr wichtig“, betont Kühlborn. Es hätten sich jedoch keine Hinweise auf Vorkommnisse ergeben, Rückfragen von besorgten Eltern seien beim Verein nicht eingegangen.

„Anfragen werden vertraulich behandelt“

Hinweise darauf, ob auch Kinder und Jugendliche heimlich gefilmt worden seien, habe der Vereinsvorstand nicht, so Kühlborn auf Nachfrage. Da müsse man den Ausgang der Ermittlungen abwarten. „Ich stehe als Ansprechpartnerin des Vereins zur Verfügung, wenn Betroffene Beratungsbedarf haben, und biete Hilfe an, wenn es um die Vermittlung von therapeutischer Betreuung geht“, sagt Ramona Kühlborn.

„Natürlich werden Anfragen vertraulich behandelt.“ Bislang sei der Wunsch danach aber weder vonseiten der betroffenen Frauen noch von Eltern an sie herangetragen worden. Sie sei auch nicht gezielt an die betroffenen Frauen herangetreten, erläutert Kühlborn.

„Das ist so ein privater Bereich. Das sollte jeder für sich selbst entscheiden. Aber wenn jemand Hilfe gebraucht hätte, wäre ich da gewesen.“ Kühlborn weiter: „Wir haben uns vom Hessischen Fußballverband coachen lassen, wie wir vorgehen sollen.“ Dort sei man auf den Landessportbund Hessen verwiesen worden.

Vertrauen hat gelitten, Druck war hoch

„Das ist keine schöne Zeit für unseren Verein“, stellt Kühlborn fest. Das Vertrauen habe gelitten, das Sicherheitsgefühl Schaden genommen. „Der Druck ist immens hoch gewesen.“

Durch viele Gespräche sei der Zusammenhalt wieder gestärkt worden. Alle hätten die Vorkommnisse „erst einmal verdauen müssen“, schildert Kühlborn die Stimmung beim SSV Endbach/Günterod. Die Haltung sei: „Das trifft uns jetzt hier alle, und wir müssen sehen, wie es weitergeht.“

In unterschiedlicher personeller Besetzung habe der Verein eine Durchsuchung aller Räumlichkeiten im Sportheim in Bad Endbach vorgenommen. Dabei sei es wichtig gewesen, dass zuvor von dem Fund in der Frauendusche nichts nach außen gedrungen sei, beschreibt Kühlborn das Vorgehen. Lampen seien abgeschraubt, alles kontrolliert worden. Kühlborn: „Es wurden hierbei keine weiteren elektronischen Geräte gefunden.“

Günteroder Gebäude wohl nicht betroffen

Die Sicherheitsmaßnahmen seien seitdem verbessert worden. Blickdichte Folien wurden an die Fenster der Kabinen angebracht. Es sei zudem gewährleistet, dass die Umkleideräume abgeschlossen werden können, Schlösser für „relevante Zugangsbereiche“ wurden ausgetauscht. Sie sei regelrecht erschüttert, welche technischen Möglichkeiten es gebe, um Menschen heimlich zu filmen, berichtet Kühlborn.

Der Vorstand geht bislang davon aus, dass sich die illegalen Filmaufnahmen auf das Vereinsheim in Bad Endbach beschränken und nicht auch die Räume in Günterod betreffen. Bereits im Herbst formulierte der Vorstand eine schriftliche offizielle Erklärung, die Vereinsmitgliedern an die Hand gegeben wurde. Darin wird die heimliche Videoaufnahme bestätigt und auf die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens verwiesen. „Uns war wichtig, dass alle wissen, was wir aus rechtlicher Position sagen dürfen“, so Kühlborn.

Vorfall ist kein Einzelfall

In der Erklärung, die der Redaktion vorliegt, steht unter anderem: „Von einer namentlichen Nennung der Person nehmen wir an dieser Stelle Abstand vor dem Hintergrund des laufenden Ermittlungsverfahrens, deren Persönlichkeitsrechte sowie der bis zum Abschluss des Verfahrens geltenden Unschuldsvermutung.“

Bad Endbach ist kein Einzelfall. Vier bis fünf Fälle von heimlichen Videoaufnahmen in der Dusche sind Angelika Ribler bisher in ihrer 20-jährigen Tätigkeit bei der Sportjugend Hessen untergekommen. Die Referentin für Kindeswohl im Sport kennt den Fall aus dem Hinterland. „Ich berate Sportvereine in schwierigen Situationen“, erläutert Ribler.

Sportjugend berät Vereine

„Der Schock sitzt tief, wenn so in den intimsten Bereich eines Menschen eingetreten wird“, sagt die Psychologin. Ribler arbeitet mit Fachberatungsstellen wie Pro Familia oder dem Kinderschutzbund zusammen. Wichtig sei, die Betroffenen zu begleiten. Wenn sich Vereine an die Beratungsstelle der Sportjugend wenden, beleuchtet Ribler gemeinsam mit diesen die Situation.

Welche Informationen liegen vor? Wurden die Betroffenen mit der nötigen Sensibilität informiert, damit es nicht zu weiteren Schäden kommt? Gibt es einen Tatverdächtigen? Sind rechtliche Schritte einzuleiten? Wie werden die Vereinsmitglieder über den Vorfall in Kenntnis gesetzt? „Da können Sie als Vereinsvorstand ja nicht einfach nur eine Rundmail rumschicken“, sagt Ribler.

„Wir wollen eine lückenlose Aufklärung“

Von zentraler Bedeutung sei der Umgang mit den Betroffenen – „sie stehen im Mittelpunkt“. Der Vorstand des SSV Endbach-Günterod sei mit dem Fall der heimlichen Aufnahmen in der Dusche „sehr professionell“ umgegangen, lobt Ribler.

Ramona Kühlborn ist erstaunt, dass ausgerechnet jetzt ein anonymes Schreiben vorliegt, das auch die breite Öffentlichkeit über den Vorfall informiert. Seit der Winterpause sei nach ihrer Wahrnehmung wieder Ruhe im Verein eingekehrt gewesen. Es sei ja im Verein bekannt, dass Polizei und Staatsanwaltschaft ermittelten und die Ermittlungen noch nicht abgeschlossen seien. Kühlborn betont: „Wir wollen eine lückenlose Aufklärung.“

Abwägung der Rechte

Wie viel Transparenz sollen Vereine schaffen, wenn es zu Vorfällen wie beim SSV Endbach/Günterod kommt? Einen Königsweg gibt es für den Deutschen Olympischen Sportbund dabei nicht.

Ulrike Spitz, Pressesprecherin und Ressortleiterin Medien- und Öffentlichkeitsarbeit, sagte dazu auf Anfrage: „Jeder Fall ist anders gelagert. Im Hinblick auf die kommunikative Begleitung des Vereins bei möglichen Straftaten muss auch der Stand der Untersuchung beziehungsweise Ermittlungen berücksichtigt und sorgfältig zwischen unterschiedlichen Interessen und Schutzgütern abgewogen werden.

Zu diesen zählen unter anderem die Persönlichkeitsrechte der möglichen Opfer, aber auch entsprechende Rechte des vermeintlichen Täters.“

Von Regina Tauer

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