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Hinterland Hinterland-Bürgermeister vereint gegen Abschiebung
Landkreis Hinterland Hinterland-Bürgermeister vereint gegen Abschiebung
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13:00 03.02.2022
Riffat Shakir Adnan hat in der Schule schnell Anschluss gefunden und sich einen Freundeskreis aufgebaut. Seine Freunde und viele Mitstreiter hoffen nun, dass er nicht abgeschoben wird.
Riffat Shakir Adnan hat in der Schule schnell Anschluss gefunden und sich einen Freundeskreis aufgebaut. Seine Freunde und viele Mitstreiter hoffen nun, dass er nicht abgeschoben wird. Quelle: Privatfoto
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Bad Endbach

Riffat Shakir Adnan hat einen Lebenstraum. Er möchte hier bleiben – in Deutschland, im hessischen Hinterland. „Das ist meine Heimat“, betont der 21-Jährige aus Bad Endbach. Doch dem gebürtigen Somalier droht die Abschiebung. Seine letzte Chance ist die Härtefallkommission des Landes und ein positives Votum des Innenministers.

Den Kampf um ein Bleiberecht muss Riffat nicht allein austragen. Er erhält vielfältige Unterstützung. Freunde, Schule, Kirche, Sportvereine, Arbeitgeber und Politiker machen sich für ihn stark. Zu diesem Kreis gehört Gundula Preisig-Devic. Ihr ältester Sohn ist mit Riffat eng befreundet. „Er gehört für uns schon fast zur Familie. Deshalb ist es für mich selbstverständlich, ihn und seine Familie in dieser schweren Zeit zu unterstützen“, erzählt die Frohnhäuserin.

Seit einem Jahr hilft Gundula Preisig-Devic nun bereits Riffat bei seinem Bemühen, in Deutschland bleiben zu dürfen. Ende 2021 bringt sie einen Härtefallantrag auf den Weg. „Der sichert Riffat zumindest einen Abschiebeschutz zu“, erzählt die engagierte Mutter.

Rückblende: Im Januar 2014 gelingt es dem 13-jährigen Riffat, mit seiner Mutter sowie den beiden jüngeren Geschwistern nach einer Odyssee aus dem somalischen Krisengebiet zu fliehen und über Italien nach Deutschland einzureisen. Die Familie kommt nach Weidenhausen.

Über die Schule und den Fußball finden Riffat und sein Bruder Daud schnell Anschluss. Sie besuchen zunächst die Intensivklasse, lernen fleißig Deutsch. „Sie haben danach ganz entscheidend zur Willkommenskultur an der Europaschule beigetragen“, betont Oberstufenleiter Markus Wege. Die Brüder engagieren sich in dem vom Landkreis für junge Flüchtlinge ins Leben gerufenen Integrationsprojekt „Neustart“. Mit zehn anderen Schülern helfen die Brüder unbegleiteten Jugendlichen, die vor Krieg und Terror aus Eritrea, Somalia, Afghanistan und Syrien geflohen sind, in der neuen Umgebung Fuß zu fassen.

Ministerium sieht für Adnan in Tansania keine Gefahren

Eine große Leidenschaft von beiden ist der Fußball. Beim VfL Weidenhausen und in der Jugendspielgemeinschaft Obere Salzböde gehen sie anfangs ihrem Hobby nach. „Sie haben sich auf dem Fußballplatz und im Verein sehr schnell integriert und engagiert und die anderen Jugendlichen mit Einsatz und Teamfähigkeit über die Jahre immer sehr positiv beeinflusst“, lobt Betreuer Carsten Culmsee (Erdhausen).

Über den VfB Marburg, die Spielvereinigung Wacker Frohnhausen und die Sportfreunde Marburg kommt Riffat im Sommer 2021 zum FV 09 Breidenbach und gehört dort zum erweiterten Kader der Verbandsliga-Mannschaft.

Riffat Shakir Adnan steht seit Sommer 2021 im Verbandsliga-Aufgebot des FV 09 Breidenbach. Quelle: Frank Schmidt

Nach dem Umzug nach Bad Endbach wirken die Geschwister in der Evangelischen Kirchengemeinde Bad Endbach mit – im Kindergottesdienst, bei Freizeiten und Veranstaltungen. Die Brüder bilden sich auch nach dem Realschulabschluss weiter. Riffat bewirbt sich nach der Fachhochschulreife mit dem Schwerpunkt Wirtschaft und Verwaltung erfolgreich um einen Ausbildungsplatz zum Sport- und Fitnesskaufmann im Gesundheitszentrum Marburg. Daud besucht die höhere Handelsschule, arbeitet in einer Druckerei und strebt im Sommer 2021 eine Ausbildung in einem Elektrobetrieb an. Dazu kommt es aber nicht.

Weil ihr Asylantrag abgelehnt ist und diese Entscheidung auch ein Verwaltungsgericht bestätigt, wird ihre Duldung aufgehoben. Die mittlerweile volljährigen Brüder sollen abgeschoben werden – auf die Insel Sansibar vor der Küste Ostafrikas. Denn das Land Hessen sieht beide als tansanische Staatsangehörige an. Der Grund: Bei der Einreise in Italien soll die Familie tansanische Pässe benutzt haben. Dass Riffat mittlerweile über die Botschaft in Berlin somalische Geburtsurkunden für sich und seine Mutter besorgt hat, stimmt die zuständige Behörde nicht um.

Was dann passiert, sorgt bei den Wegbegleitern der Familie Shakir Adnan für ungläubiges Kopfschütteln und große Verärgerung. „Das ist unvorstellbar, ich bin schockiert. Damit werden alle Integrationsbemühungen der Gesellschaft zerschlagen“, beschreibt Fußball-Betreuer Culmsee seine Gefühlslage.

Daud wird tatsächlich abgeschoben. Nach wochenlangem Gefängnisaufenthalt in Tansania kommt er dank des Einsatzes von Lee Cosmas Ndeiy aus Runzhausen wieder frei und findet bei dessen Sohn in dem ostafrikanischen Land eine Bleibe. Der 19-Jährige hat aber keine Papiere, da er nicht in der tansanischen Datenbank erfasst ist.

Im Wortlaut

Petition von Gundula Preisig-Drevic: „Ich bitte darum, Riffat Shakir Adnan aus dringenden persönlichen Gründen ein Aufenthaltsrecht in Deutschland zu gewähren. Das Verlassen des Bundesgebietes stellt für ihn angesichts seiner sehr erfolgreichen Integration in Deutschland und der fehlenden Perspektive im Abschiebeland (nicht das Herkunftsland der Familie), eine außergewöhnliche Härte dar.“

Riffat kann sich dem Zugriff der Polizei entziehen und taucht vorübergehend unter. Die Evangelische Kirchengemeinde Gladenbach gewährt ihm vom 9. September bis 4. Oktober Kirchenasyl. „Damit er wieder einen Rechtsstatus bekommt und somit auch wieder Anträge stellen kann“, erklärt Pfarrer Matthias Ullrich. Er hebt hervor, dass es sich die Gemeinde mit dem Kirchenasyl nicht einfach macht. „Wir greifen damit in ein eigentlich funktionierendes Rechtssystem ein, zu dem wir auch höchstes Vertrauen haben“, erzählt Ullrich.

Einzelfälle würden aber manchmal durch die Maschen rutschen und dann zu massiven Ungerechtigkeiten führen. Eine „inhumane Entscheidung“ wäre es aus seiner Sicht, wenn Riffat abgeschoben würde.

„Die Familie ist die Kernzelle der sozialen Gemeinschaft. Und die soll nun auseinandergerissen werden, nur weil jemand volljährig ist“, sagt der Pfarrer.

Für die Familie Shakir Adnan sei bereits ein großer Schaden entstanden, ebenso für die aufnehmende Gemeinschaft. „Wir haben Riffat als einen freundlichen, aufstrebenden, zugewandten Menschen kennengelernt, der gut und voll integriert ist und am Gemeindeleben teilgenommen hat. Weshalb will man Menschen abschieben, die eine Bereicherung und ein Gewinn für unsere Gesellschaft sind? Das ist nicht nachvollziehbar“, betont Ullrich.

Während des Kirchenasyls wendet sich Gundula Preisig-Devic an den Petitionsausschuss des hessischen Landtages. Ihr Ziel: Riffat soll ein Aufenthaltsrecht gewährt werden. Mitte Dezember kommt jedoch die Absage aus Wiesbaden. Das Innenministerium teilt mit, dass „keine dauerhaften Abschiebungshindernisse“ festgestellt wurden. Die Behörde sieht „keine nachhaltige Integration in die Lebensverhältnisse im Bundesgebiet gegeben“. Bemängelt wird, dass Riffat keinen gültigen Pass vorgelegt hat.

Tansania bietet Riffat keinen Schutz

Nach Einschätzung des Ministeriums drohen dem 21-Jährigen „bei seiner Rückkehr nach Tansania keinerlei Gefahren für Leib, Leben oder Freiheit“. Das sehen Freunde und Unterstützer ganz anders. „Tansania bietet ihm keinen Schutz und keinerlei Perspektive, ein sicheres, gesundes, angstfreies und menschenwürdiges Leben zu führen – erst recht nicht in Zeiten der Pandemie“, sagt Wege.

Ende 2021 schreibt Gundula Preisig-Drevic deshalb an die Härtefallkommission des Landes (siehe Kasten unten), damit Riffat aus „dringenden persönlichen Gründen“ doch noch ein Aufenthaltsrecht bekommt. „Die Heimat für Riffat und seine Geschwister ist Deutschland. Sie haben ein Anrecht auf eine Zukunft ­ohne Angst. Ihre Integration in unsere Gesellschaft ist vorbildlich und bestimmt nicht alltäglich“, unterstreicht die Frohnhäuserin.

Auf die Einsicht der Härtefallkommission hoffen auch ihre Mitstreiter. Dazu gehören die beiden Bürgermeister Peter Kremer aus Gladenbach und Julian Schweitzer aus Bad Endbach. Die Gemeindevertretung der Kurgemeinde beschloss am Montag, die Petition (siehe Kasten oben) für Riffat Shakir Adnan zu unterstützen „und setzt sich auf allen möglichen Kanälen für sein Aufenthaltsrecht in Deutschland ein“, sagt Bürgermeister Schweitzer.

Härtefallkommission

Seit dem Jahr 2005 gibt es in Hessen die Härtefallkommission. Dem 23-köpfigen Gremium gehören Vertreter von Kirchen, Sozial- und Flüchtlingsverbänden, Ärzteschaft, Kommunen, Behörden, des Innen- und des Integrationsministeriums sowie Abgeordnete des Landtags an. Sie kommen in der Regel viermal im Jahr zusammen – das nächste Treffen ist für März angesetzt.

Die Kommission wird erst tätig, wenn eine Petition beim Landtag abgeschlossen wurde.

Die Kommission prüft, ob „dringende humanitäre oder persönliche Gründe“ vorliegen, die einem ansonsten ausreisepflichtigen Ausländer den weiteren Aufenthalt in Deutschland ermöglichen. Sie gibt eine Empfehlung ab, der der Innenminister aber noch widersprechen kann.

Im Gladenbacher Parlament steht das Thema heute Abend ab 19 Uhr im Großen Saal des Haus des Gastes auf der Tagesordnung. In der Gladenbacher geplanten Resolution heißt es: „Die Entscheidung, zwei Personen mit einer solchen Zuwanderungsgeschichte, einer äußerst gelungenen Integration und einer solch positiven Prognose auszuweisen, ist für uns nicht nachvollziehbar. Aus vollem Herzen unterstützen wir den Antrag auf ein Bleiberecht.“

Diesem Ansinnen pflichtet Gerd Schmidt vom FV Breidenbach uneingeschränkt bei: „Wir sind bestürzt und wären sehr froh, wenn Riffat bei uns bleiben könnte.“

So viel Einsatz und Zustimmung beeindrucken den 21-Jährigen: „Vielen Dank an alle für die große Hilfe“, sagt Riffat Shakir Adnan mit Tränen in den Augen. Nun hofft er auf eine positive Entscheidung.

Von Michael Tietz