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Hinterland So klappt die Integration von Azubis
Landkreis Hinterland So klappt die Integration von Azubis
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14:00 26.07.2022
Weso-Ausbildungsleiter Wolfgang Hoffmann (links) mit Sadeq Teymouri in der Ausbildungswerkstatt.
Weso-Ausbildungsleiter Wolfgang Hoffmann (links) mit Sadeq Teymouri in der Ausbildungswerkstatt. Quelle: Andreas Schmidt
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Gladenbach

Sadeq Teymouri steht an einem Schraubstock in der Ausbildungswerkstatt der Gießerei Weso in Gladenbach. Mit der rechten Hand führt er eine Feile, mit der linken gibt er Druck und Richtung vor. Hinter ihm steht Ausbildungsleiter Wolfgang Hoffmann, gibt dem Auszubildenden Tipps. „Das klappt doch schon super“, lobt er.

Sadeq Teymouri kam als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling aus Afghanistan nach einigen Umwegen im Hinterland an. Und begann vor einem Jahr mit seiner Ausbildung zum Maschinen- und Anlagenführer bei Weso. Vorab stand ein intensives „Onboarding“, um den neuen Azubi nicht nur willkommen zu heißen, sondern auch auf seine besonderen Bedürfnisse einzugehen.

„Onboarding ist ja das neudeutsche Wort für Ankommen im Betrieb“, sagt Wolfgang Hoffmann. „Wir stellen jedes Jahr zehn Azubis in unterschiedlichen Berufen ein – und wollen natürlich ein Onboarding mit allen machen.“ Denn der Arbeitsmarkt ist auch bei den Ausbildungsstellen mittlerweile stark umkämpft: Theoretisch kann jeder Azubi zwischen 1,3 Stellen wählen. „Das heißt für uns, dass wir bei unseren Bewerbern positiv im Gedächtnis bleiben müssen“, sagt Hoffmann. Denn immer drohe die Gefahr, dass ein Azubi nicht zum Arbeitsbeginn erscheine, obwohl er einen Vertrag unterschrieben habe – etwa, weil er eine andere Stelle angenommen oder sich doch für den weiteren Schulbesuch entschieden habe.

Ausbildungsstelle kennenlernen

Doch wie schafft es Weso, die jungen Leute möglichst früh an das Unternehmen zu binden? „Wir rufen uns immer wieder ins Gedächtnis“, sagt der Ausbildungsleiter. So sei in diesem Jahr Ausbildungsbeginn der 29. August. Doch schon Anfang Juli – also sechs Wochen vorher – gab es einen „Elternnachmittag“, bei dem alle eingeladen werden, um Betrieb und Ausbildungsstelle kennenzulernen.

„Die Eltern sehen, in welche Hände sie ihre Kinder abgeben“, so Hoffmann. Weiterer positiver Effekt: Am ersten Arbeitstag müsse keiner mehr umherirren, „sondern jeder weiß, was sie erwartet und wo sie ankommen“. An dem Nachmittag ist auch die Geschäftsleitung da – ebenfalls ein Zeichen der Wertschätzung. Für die Azubis liegt an diesem Tag bereits die Arbeitskleidung bereit – auch das stiftet Identität mit dem Unternehmen. „Unsere Auszubildenden sind uns wichtig, denn sie sind auch unsere Zukunft. Und das sollen sie spüren“, verdeutlicht Hoffmann. Da gibt es auch schon mal im Vorfeld eine Geburtstagskarte oder einen Weihnachtsgruß, „um in Erinnerung zu bleiben – und die Botschaft zu vermitteln: Wir freuen uns auf dich“.

Bei ausländischen Azubis sei die Hürde noch einmal größer, denn dort könne es weitere Defizite geben: „Wir schauen genau, was noch fehlt, damit die Azubis bei uns gut beginnen können“, sagt Hoffmann – beispielsweise bei sprachlichen Defiziten. „Vor allem die Fachsprache ist ein Problem“, weiß er. Diese Hürden zu nehmen, bedeute zwar mehr Anstrengung im Unternehmen, „doch ist es das wert“, findet Hoffmann. Bei der Begrüßungsmappe für alle Azubis wolle man beispielsweise noch nacharbeiten, denn diese sei bisher noch auf Deutsch. Für Geflüchtete soll sie künftig verständlicher gestaltet und mit Bildern hinterlegt werden.

Bei Sadeq war dies nicht so problematisch, es habe nur „eine leichte Sprachbarriere“ gegeben. Der heute 19-Jährige absolvierte ein zweiwöchiges Praktikum bei Weso, „und wir hatten direkt ein gutes Gefühl – das Interesse hat gepasst“. Nach seinem Praktikum bewarb sich Sadeq als Maschinen- und Anlagenführer. „Ich war in Afghanistan nur drei Jahre in der Schule“, erzählt er. „Und habe dann hier den Hauptschulabschluss nachgeholt.“

Deutsche Pflegefamilie

Sein Deutsch ist schon sehr gut – auch deswegen, weil er bei einer deutschen Pflegefamilie lebt. „Dort muss ich in der Familie deutsch sprechen.“ Mit Metall zu arbeiten – „das mag ich, es ist spannend. Aber die Schule fällt mir auch nach einem Jahr immer noch schwer“. Denn da kommen sie wieder ins Spiel, die Fachbegriffe. Die Lösung, beispielsweise bei Teilen: Es gibt ein Bild mit dem deutschen Begriff – und Sadeq schreibt sich seine Übersetzung dazu, um den Begriff zu lernen. „Ich will es schaffen“, sagt er – besucht dafür beispielsweise Nachhilfe. „Und wenn wir was nicht verstehen, können wir uns immer an Herrn Hoffmann wenden. Ganz, ohne Angst zu haben.“

Unterstützung zum Onboarding speziell für Geflüchtete bietet der Mittelhessische Bildungsverband mit seinem Projekt „Bleib in Hessen II“. „Wenn wir schauen, dass auch die soziale Integration funktioniert, dann bleiben die Leute, die wir dringend benötigen“, erläutert Pressesprecherin Kerstin Warnecke. Daher habe sich „Bleib“ auf die Fahnen geschrieben, das Onboarding bei Unternehmen zu unterstützen. „Das Thema Onboarding im Kontext von Flucht stellt die Unternehmen noch einmal vor andere Herausforderungen“, weiß Warnecke. Dabei wolle das Netzwerk helfen – für die Fachkräfte von morgen.

Von Andreas Schmidt

Onboarding mit „Bleib“

Das Projekt „Bleib in Hessen II“ will Geflüchtete und Unternehmen gleichermaßen unterstützen.

Mit den Azubis werden etwa:
Bewerbungsgespräche vorbereitet
Rechtliches geklärt
weitere Unterstützungsbedarfe bei Wohnung, Deutschförderung oder Hilfen durch die Arbeitsagentur ermittelt
Firmenbesuche vorbereitet, ein Kennenlernen organisiert
und auch nach Arbeitsbeginn weitere Förderbedarfe geklärt.

Im Unternehmen gibt es unter anderem:
interkulturelle Sensibilisierung für Kollegen und Ausbilder
die Vorbereitung einer direkten Bezugsperson
das Klären von Verantwortlichkeiten und Aufgaben beispielsweise von Mentoren, „Buddies“, Ausbildungscoaches und Ausbildern
das Vorbereiten einer „Willkommensmappe“ mit allen wichtigen Infos
und nach Arbeitsbeginn ein Reflexionsprozess

  • Weitere Infos gibt es bei Bleib-Koordinatorin Tina Martinson, Telefon: 0 64 21 / 96 36 32, E-Mail: bleib@mbv-ev.com