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Hinterland Sind Minihäuser die Lösung
Landkreis Hinterland Sind Minihäuser die Lösung
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10:58 04.10.2021
Seit Jahrzehnten Baugebiet: Entsteht hier die „Kleinwohnsiedlung Schlierbach“?
Seit Jahrzehnten Baugebiet: Entsteht hier die „Kleinwohnsiedlung Schlierbach“? Quelle: Regina Tauer
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Schlierbach

Zwei weitere Einfamilienhäuser könnten möglicherweise bald folgen. Für die restliche Fläche – es geht um 13 Bauplätze – gibt es nun eine neue Idee: die Kleinwohnsiedlung Schlierbach.

„Für alle überraschend“ sei dies bei der Sitzung des Ortsbeirats im August bekannt geworden, sagte Ortsvorsteher Michael Otto. Worum es gehe, werde man sich nun gemeinsam anschauen. Zur Sitzung waren einige Bürger mit vielen Fragen gekommen.

„Es gibt noch keine Verträge, wir sind am Punkt null“, schickte Bürgermeister Julian Schweitzer (SPD) voraus. Er verwies auf den demografischen Wandel in der Bevölkerung, in großen Häusern lebten immer weniger Menschen. Bei den sogenannten Tiny Houses gehe es um Einheiten mit 30 bis 50 Quadratmetern Wohnfläche. Es handle sich also nicht um klassische Einfamilienhäuser.

Ortsbeirat wartet auf Untersuchung für Kanal

Zwei Gespräche habe er, so Schweitzer, mit dem Unternehmen „Wohnderful GmbH“ aus der Nähe von Stuttgart geführt. Firmengründer Niko Hatzidakis stellte das Konzept im Ortsbeirat vor. Er sei sich bewusst, dass man es nicht jedem Recht machen könne und empfahl, die Sache nicht aus „persönlicher Sicht“ und nach den eigenen Vorlieben zu betrachten. „Es geht darum, Bauen neu zu denken“, sagte Hatzidakis. Die kleinen Modulhäuser ließen sich erweitern und auch zurückbauen, so der Unternehmer. Um ein mögliches Vorurteil zu entkräften, betonte er, dass es um dauerhaftes Wohnen mit Erstwohnsitz gehe.

Hatzidakis sprach von einer großen Nachfrage bei Bürgern. Gleichzeitig mangle es an Grundstücken für solche alternativen Wohnprojekte. Er wünsche sich eine größere Offenheit in den Städten und Gemeinden. „Wohnderful“ hat von einer Architektin einen ersten Lageplan für eine „Kleinwohnsiedlung Schlierbach“ zeichnen lassen. 18 Parzellen finden darin Platz sowie Gemeinschaftsflächen. Ein Treffpunkt für das soziale Miteinander sei ein Wunsch in der Tiny-House-Bewegung. Gerade viele Menschen über 50 beschäftigten sich mit der Frage „Wie will ich im Alter leben?“

Der Bedarf, mehr zu erfahren, war groß im Dorfgemeinschaftshaus. Eine Schlierbacherin wollte wissen, ob die Siedlung für alle anderen zugänglich sei. Dort entstehe keine Kommune, sagte Hatzidakis. Ortsvorsteher Otto interessierte, ob es in der Region bereits solche Projekte gebe. Hier musste Hatzidakis passen und verwies auf eine Siedlung in Rheinland-Pfalz. „Wir bewegen uns noch auf Neuland.“ Ein anderer Bürger fragte nach dem Geschäftsmodell von „Wohnderful“. „Wir sehen uns als Investor und würden die Fläche kaufen“, so Hatzidakis. Selber bauen werde man nicht, sondern Firmen beauftragen. Eigene Vorstellungen der Käufer von ihrem Tiny House schließe das ein. Hatzidakis: „Das unternehmerische Risiko tragen wir.“

Sabine Aßmann, Fraktionsvorsitzende der Freien Wähler, wollte wissen, wie „Wohnderful“ auf Bad Endbach gekommen sei. „Man ist auf uns zugekommen. Ich wurde sozusagen gefunden“, sagte Hatzidakis. Die Idee sei im Austausch mit anderen Kommunen entstanden, klärte Schweitzer auf. Dieses „wunderbare Plateau am Ortsrand mit Talblick“ sei ein besonderer Ort, der sich für ein solches Wohnprojekt eignen könne. Hier ließe sich „antesten, ob dieses Gesamtkonzept bei uns möglich ist“.

Die Bebauung „Hinterm Steinberg“ kam bislang nicht voran, weil mit hohen Erschließungskosten für die Kanalarbeiten gerechnet wird, wandte ein Bürger ein. „Wie passt das zusammen?“ Schweitzer geht davon aus, dass die Entwässerung bei einer Kleinsiedlung anders funktionieren könnte. Ein Ingenieurbüro müsse nun abklären, ob der vorhandene Kanal ausreiche, um das Oberflächenwasser von den Dächern abzuführen. Es gehe bei dem Entwässerungsproblem in dem Baugebiet nicht um Abwässer, so Schweitzer.

Die Debatte über die Wohnsiedlung ist eröffnet

Der frühere Ortsbeirat Otto-Erich Pfeifer sieht den Grund dafür, dass es bei der Bebauung „Hinterm Steinberg“ nicht voranging, nicht im Desinteresse der Bürger. Vor knapp zwei Jahren habe der Ortsbeirat gefordert, zu prüfen, ob das Gebiet nicht an den Kanal in Richtung des Gewerbegebiets Hartenrod angeschlossen werden könne. Die Untersuchung stehe bis heute aus, kritisierte Pfeifer. Er sei sicher, dass in diesem Fall längst mehr Bauplätze hätten verkauft werden können. Ortsvorsteher Otto unterstützte ihn: „Ich bekomme immer wieder Anfragen von Menschen, die in Schlierbach bauen wollen.“ Die Kanalleitungen Richtung Hartenrod ließen sich verlegen, wenn dort auch der geplante Fußweg gebaut werde, so Otto.

Den Quadratmeterpreis für ein ausgebautes Tiny House setzte der „Wohnderful“-Gründer zwischen 2 500 und 4 000 Euro an. Pfeifer bezweifelte das: „Dann bauen Sie Bretterbuden bei dem Preis.“ Die Normen etwa bei der Wandstärke würden eingehalten, entgegnete Hatzidakis. Sonst seien die Häuser ja auch nicht genehmigungsfähig. Jürgen Plaum, beruflich mit Holzbau lange befasst, hält dies ebenso für denkbar. Fast alle deutschen Fertighausbausteller hätten Tiny-House-Abteilungen. „Die können das relativ günstig machen“, sagte der Vorsitzende des Bau- und Planungsausschusses.

Die Debatte über eine Kleinwohnsiedlung Schlierbach ist eröffnet. „Ich bin geteilter Meinung“, stellte Ortsvorsteher Otto am Ende der ersten Diskussionsrunde fest und lag damit wohl nah an dem, was die Bürger im Dorfgemeinschaftshaus bewegte.

Von Regina Tauer