Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Hinterland 5.228 Kilometer mehr auf dem Tacho
Landkreis Hinterland 5.228 Kilometer mehr auf dem Tacho
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:00 13.07.2019
Der OP-Bericht vor der Reise mit dem Titel "Der lange Weg zur Sacher­torte" war gewissermaßen Türöffner für das Wiener Café Sacher: Obwohl der Andrang groß war, bekamen Matthias, Silke und der kleine Emil doch noch ein Plätzchen. Quelle: Privatfoto
Lixfeld

Zum Jubeltag ­hatte sich die Ehefrau etwas Leckeres gewünscht: Sie wollte in Wien eine original Sachertorte essen. „Warum nicht einen Umweg machen“, schlug ihr Mann vor. Und schon war der Plan einer Balkan-Tour geboren (die OP berichtete).

Die Torte gab es – quasi als Leckerli – schon am zweiten Tag der Reise. Daran teilhaben durfte auch der vierbeinige Mitfahrer, ihr zwei Jahre alter Havaneser Emil. „Eine Stunde lang standen wir in Wien vor dem Cafe Sacher in der Warteschlange. Dann wollte man uns in ein anderes Café schicken“, berichtet Silke Schneider.

„Entweder wir essen hier die Sacher oder gar nicht“, gab sie zu verstehen. Die beiden zeigten den OP-Bericht „Der lange Weg zur Sachertorte“. Das kam bei den Verantwortlichen gut an, für die beiden gab’s Sonderbehandlung: Sie bekamen einen Platz, und auch Emil musste, trotz allgemeinen Hundeverbots, nicht draußen bleiben. „Er bekam sogar ein Stückchen Torte ab.“

Ein Zusammentreffen mit Betrügern 

Auf dem Weg zur Sachertorte hatten die Lixfelder schon etliche Kilometer zurückgelegt, 621 alleine am ersten Tag. Dann gingen sie’s gemütlicher an, spulten nur um die 200 Kilometer pro Tag ab. Es blieb genügend Zeit, die Länder und Städte zu erkunden, und unterwegs gab es gar zwei Stops von mehreren Tagen.

Einziges negatives Erlebnis während der erlebnisreichen Tour war in Serbien ein Zusammentreffen mit Betrügern: Auf der Autobahn wollte sie jemand – wild gestikulierend - auf ein angebliches Problem mit ihrem Auto aufmerksam machen. „Von wegen“, dachten die beiden. „Da will uns jemand ausrauben.“ Sie setzten die Fahrt fort. Fünf Kilometer weiter: das gleiche Spiel. Sie hielten an, schauten nach. Nichts zu sehen. Weiter ging’s.

Wenige Kilometer vor dem Campingplatz, den sie ansteuern wollten, fuhr ein Auto hinter ihnen, der Fahrer betätigte die Lichthupe. Sie hielten an. Der offenbar hilfsbereite Mann fasste ans Hinterrad ihres Bulli und hatte die Hand voller Fett. „Da war uns klar, das konnte nur von einer kaputten Achsmanschette herrühren“, erzählt Silke Schneider und berichtet weiter, dass sie der Mann in eine an diesem Sonntagabend offene Werkstatt lotste.

Auf der Hebebühne hatte der Bulli plötzlich Getriebeöl am Unterboden. „Uns gingen so viel Gedanken durch den Kopf, dass wir nicht an Betrug dachten“, sagt die Lixfelderin. Zudem seien alle freundlich gewesen, hätten ihnen zu essen und zu trinken angeboten. Als es mit der angekündigten Reparatur nicht so recht voranzugehen schien, hatte Silke Schneider die Nase voll, wollte den ADAC bestellen.

Mit einem blauen Auge davongekommen

„Keine halbe Minute später hieß es, der Fehler sei gefunden, angeblich waren nur Schrauben locker“, erinnert sie sich. Geld für die Reparatur wollten die Mechaniker dann nicht haben. Gleichwohl gaben ihnen die immer noch gutgläubigen Lixfelder 30 Euro. Tags drauf suchten sie sicherheitshalber eine VW-Werkstatt auf. Trotz zweimaliger Kontrolle wurde an dem ­Bulli kein Fehler festgestellt.

In der Meisterwerkstatt machte man den beiden deutlich, dass sie Betrügern auf den Leim gegangen waren. Die Lixfelder waren mit einem blauen Auge davongekommen. Auch in der echten Werkstatt wollte man kein Geld haben, auch dort wurde man sehr freundlich aufgenommen und auch dort bekamen Silke, Matthias und Emil eine Mahlzeit.

Die beiden brauchten ­eine Weile, um zu realisieren, dass sie im ersten Fall Glück ­hatten. Denn die Betrüger wollten sie ursprünglich mit dem an­geblich defekten Bulli in eine andere Stadt lotsen. „Dort wäre es teuer für uns geworden“, vermutet Silke Schneider.

Tatsächlich gab es mit dem Oldtimer nur ein kleines Problem: Auf der Heimfahrt versagten die Blinker ihren Dienst. Matthias Schneider behob den Defekt, allerdings auf Kosten des Scheibenwischers, was die beiden erst später bemerkten. Nun ging der nicht mehr. 

"Bulli" bringt überall einen kleinen Bonus

„Was Regen betrifft, hatten wir Glück“, sagt Silke Schneider und berichtet: „Wir sind einer Schlechtwetterfront hinterher gefahren. Überall sahen wir überschwemmte Felder.“ Nur in Bulgarien gab es eine halbstündige Unterbrechung wegen eines Unwetters. ­„Überall fiel dann der Strom aus. Der Tankwart schloss die Tankstelle ab, an der wir hielten, und ging nach Hause“, erzählt sie und vermutet, das seien dort offenbar keine ungewöhnlichen Ereignisse.

Ansonsten sei die gesamte Reise von guter Stimmung und tollen Erlebnissen geprägt gewesen, freut sich die Lixfelderin rückblickend. Vielerorts hätten ihnen die Menschen am Rande der Straße zugewinkt. Und sie wurden freundlich aufgenommen.

„Durch den ­Bulli hat man überall einen kleinen Bonus“, ist sich Silke Schneider sicher. Am besten hat den beiden neben Macedonien auch Albanien gefallen, „weil man das Gefühl hatte, dort ist die Zeit stehen geblieben“, sagt die Lixfelderin und erzählt: „Wir fuhren auf einer ­Europastraße, also einer Autobahn, teilten uns aber die Straße auch mit Schweinen, Ziegen, Schafen und Eselswagen. Und es wanderten Schildkröten über die Straße.“

Sie berichtet von „tollen Landschaften und sehr netten Menschen, überall wo wir hinkamen.“ Und überall habe man mit Euro zahlen können, außer im EU-Mitgliedsstaat Kroatien. Und wenn es sinnvoller erschien, heimische Währung zu nutzen, dann gab’s hilfsbereite Menschen. So drückte ihnen ein Stellplatzbesitzer in Bulgarien ein Bündel Lewa für den Tagesbedarf in die Hand, ­bestellte den Lixfeldern sogar ein Taxi nach Sofia.

Die nächste Tour ist bereits geplant

„Abgerechnet haben wir dann später, ganz unkompliziert“, sagt Silke Schneider. Der Scheibenwischerausfall in Albanien bereitete erst auf der Heimfahrt in Österreich Probleme, als es zeitweise regnete. Flugs kauften die beiden in einem Baumarkt eine Nano-Versieglung für die Windschutzscheibe, damit der Regen besser abperlt. Während ein paar Stopps wurde mit Tüchern und einem Gummilippen-Abzieher die Scheibe vom Wasser befreit.

Auch ein Unwetter bei Nürnberg, als es Eis vom Himmel regnete und Schneepflüge die Autobahn räumen mussten, konnte den Lixfeldern die Stimmung nicht verhageln. Seit zwei Wochen ist das Trio wieder zu Hause. „Wir brauchen gewiss einige Zeit, um die vielen tollen Eindrücke zu verarbeiten“, sagt Silke Schneider.

In drei Wochen steht bereits die nächste Tour an. Dann geht’s nach Cuxhaven zum Bulli-Treffen „Küstendrive 2019“. Der Oldtimer habe während des Balkan-Roadtrips knapp elf Liter Sprit auf hundert Kilometer verbraucht. „Und wir haben auf der 5.228 Kilometer langen Strecke nur einen halben Liter Motoröl nachgeschüttet“, berichtet Silke stolz. Da verwundert es nicht, dass die Lixfelder schon wieder über längere Touren mit ihrem Bulli nachdenken, wie im kommenden Jahr etwa ­eine Fahrt über die Hochgebirgs­straße zum Großglockner.

von Hartmut Berge