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Hinterland Scheuer Gast lässt sich sehen
Landkreis Hinterland Scheuer Gast lässt sich sehen
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19:51 11.10.2020
Hessenweit werden jährlich zwischen 40 und 60 freilebende Schwarzstorch-Brutpaare gesichtet. Dieses Bild entstand in einem Zoo. Quelle: Themenfoto: Bernd Settnik/dpa
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Biedenkopf

Sie sind sehr scheu, normalerweise lassen sie sich kaum im Hinterland sehen – obwohl sie schon seit Jahrzehnten wieder heimisch sind. Und die Schwarzstörche wollen auch nicht gefunden werden, fühlen sich schnell bedroht. Doch in diesem Jahr waren sie im Hinterland weniger schüchtern. Zumindest ein Exemplar hat sich regelmäßig bei Gönnern blicken lassen, ist sogar – völlig untypisch – auf Hausdächern und Gartenzäunen gelandet. Und wer die seltenen Tiere in der Luft erkennt, wurde nördlich von Biedenkopf öfter fündig.

Trotzdem: „Der Schwarzstorch ist ein sehr heimlicher Vogel“, sagt Martin Hormann von der staatlichen Vogelschutzwarte in Frankfurt, wo Meldungen aus Hessen registriert werden. Die häufigen Sichtungen zuletzt dürften über die Scheu nicht hinwegtäuschen. Rund um seinen Horst braucht der Vogel Ruhe – sonst verlässt er das Heim.

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Diese Scheu macht genaue Zählungen schwierig, denn im Februar und März, wenn die Horste besonders gut zu erkennen sind, beginnt der Schwarzstorch mit dem Nestbau und möchte dann nicht mehr gestört werden.

In Hessen war die Art lange verschwunden. 1906 wurde der letzte Schwarzstorch bei Battenberg geschossen. Fast an gleicher Stelle gelang 1981 die erneute Ansiedlung, von Nordhessen breiteten sich die Tiere im ganzen Land wieder aus. Hessenweit werden jährlich zwischen 40 und 60 Brutpaare gezählt – seit der Jahrtausendwende nahezu unverändert.

Die meisten Paare gibt es im Vogelsberg, doch auch im Altkreis Biedenkopf fühlen sich die scheuen Vögel wohl.

Große Laubwälder mit Fließgewässern wie im Hinterland bieten dem Schwarzstorch ideale Bedingungen, und in alten, abgelegenen Buchenbeständen baut er besonders gern seinen Horst. Auf Beutejagd legt er auch schon mal 30 Kilometer zurück.

Deshalb müssen nicht alle der im Altkreis Biedenkopf gesehenen Vögel auch dort ihre Heimat haben. Einige kommen vermutlich auch aus Richtung Hatzfeld oder dem Raum Netphen als „Grenzgänger“ in die Region. Die Vögel nutzen oft mehrere Horste.

Bekannt sind aktuell zwei, nördlich und nordöstlich von Biedenkopf, die in den vergangenen Monaten bewohnt waren. Einer davon ist im Winter zufällig entdeckt worden, der zweite ist schon länger bekannt. In einem hat ein Storchenpaar in diesem Jahr vier Jungvögel großgezogen.

Wo die Schwarzstörche herkommen, die in diesem Jahr bei Gönnern, Quotshausen oder im Dietetal gesichtet wurden, ist aber unklar. War es immer der gleiche Vogel? Wo hat er seinen Horst? Antworten auf diese Fragen gibt es keine. Zum Beispiel könnten Vögel aus dem Schelderwald ins Hinterland fliegen.

Fest steht: „Wir hatten mehrere Beobachtungen“, berichtet Hartmut Becker, Nabu-Vorsitzender in Breidenbach. Auch wenn der Vogel in diesem Jahr häufiger zu sehen war: Rund um seinen Horst braucht er Ruhe. Wanderer und Radfahrer sollten deshalb die Wege nicht verlassen, rät Martin Hormann.

Bedroht ist der Lebensraum des Schwarzstorchs aber auch vom Klimawandel: Wenn Bäche und Tümpel austrocknen, findet er dort keine Nahrung mehr. Trotz des großen Aktionsradius kann das dazu führen, dass Schwarzstörche ihren angestammten Horst aufgeben. Fühlen sie sich wohl, bleiben sie lange, in Ausnahmefällen bis zu 30 Jahre.

Die steigenden Temperaturen führen auch dazu, dass die Tiere oft nicht mehr bis Afrika fliegen, sondern in Spanien überwintern und oft nicht erst im März, sondern schon im Februar zurückkehren. „Gerade das ist eine ganz sensible Phase“, sagt Hormann. „Die Zeit, wenn sie zurückkommen, ist die empfindlichste“, bestätigt Lars Wagner, Leiter des Forstamts in Biedenkopf. Auch er hat in diesem Jahr häufiger als üblich Schwarzstörche gesichtet.

Die Mitarbeiter des Forstamts nehmen auf die scheuen Waldbewohner Rücksicht. In einem Radius von 300 Metern rund um einen Schwarzstorchhorst darf bis September nicht gearbeitet werden – für Wagner kein Problem: „Wir freuen uns sehr darüber, wenn der Schwarzstorch sich wohlfühlt. Das zeigt uns, dass wir mit der richtigen Sorgfalt den Wald bewirtschaften, und es ist ein Indikator, dass das Hinterland wertvolle Biotope bietet.“ Hormann lobt: „Gerade im Forstamt Biedenkopf läuft das sehr bedacht und gut.“ Ob von den vier jungen Störchen einer zurückkehrt, ist offen. Manche suchen sich einen Brutplatz weit entfernt von den Eltern. „Trotzdem sind hohe Reproduktionszahlen wichtig“, sagt Hormann. Denn viele Jungvögel sterben früh, oft überleben sie die Reise ins Winterquartier nicht, manche werden auf dem Zug in anderen Ländern geschossen oder enden an Stromleitungen.

Die Standorte der Horste bleiben geheim, um Neugierige fernzuhalten, die die Tiere dann – auch unbeabsichtigt – verscheuchen könnten. Zu finden sind sie ohnehin kaum. Dennoch bleibt die Frage: Lässt sich der Schwarzstorch weiterhin im Hinterland blicken? Die Antwort darauf gibt es im Frühjahr.

Von Mark Adel