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Hinterland Alle Schriftführer verkünden Rücktritt
Landkreis Hinterland Alle Schriftführer verkünden Rücktritt
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09:00 29.03.2022
Wer demnächst die Protokolle der Gladenbacher Gremien schreibt, ist offen. (Themenfoto)
Wer demnächst die Protokolle der Gladenbacher Gremien schreibt, ist offen. (Themenfoto) Quelle: Tobias Hirsch
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Gladenbach

Der Paukenschlag folgte in der Nachspielzeit: Die Stadtverordneten packten gerade ihre Unterlagen zusammen, als Sitzungsleiter Klaus-D. Knierim (Freie Wähler) noch ein Thema ansprach: „Bevor ich Sie auf den Nachhauseweg entlasse, muss ich leider – auch zu meinem eigenen Erstaunen – noch ein kurzes Schreiben der Schriftführer der Stadtverordnetenversammlung und Ausschüsse vorlesen.“

Während einer Sitzungsunterbrechung eine Stunde zuvor hatte der stellvertretende Stadtverordnetenvorsteher eine Unterschriftenliste überreicht bekommen. Diese trug die Überschrift: „Niederlegung der Schriftführung in der Stadtverordnetenversammlung und in den dazugehörigen Ausschüssen“.

Die 13 Unterzeichner – alle Schriftführer und deren Stellvertreter – informierten darin den an diesem Abend verhinderten Stadtverordnetenvorsteher Roland Petri (SPD), seinen Stellvertreter Klaus-D. Knierim sowie die jeweiligen Ausschuss-Vorsitzenden über ihren Rücktritt zum 31. März.

In der Stadtverordnetenversammlung sowie in den vier Ausschüssen (Finanzen, Jugend, Bauen, Wirtschaft) fertigen Mitarbeiter der Stadtverwaltung die Sitzungsniederschriften an. Diese Aufgabe wollen die von den Gremien gewählten Schriftführer nun nicht mehr übernehmen. Einen Grund für ihr Ausscheiden nannten sie in ihrem Schreiben nicht.

Ältestenrat soll sich dem Thema annehmen

„Dies ist ein sehr ungewöhnlicher und für mich fast entsetzender Schritt, der uns hier mitgeteilt worden ist“, sagte Knierim. Er regte an, dass sich der Ältestenrat so schnell als möglich mit dem Thema befassen solle und anschließend das weitere Verfahren beraten werde. Wenn künftig kein Mitarbeiter der Verwaltung mehr die Protokolle verfasst, muss diese Arbeit von den Stadtverordneten erledigt werden.

Ein denkbarer Grund für die Rücktritte ist das gereizte Klima innerhalb der Stadtverordnetenversammlung. Vor allem an der Wortwahl bei diversen Redebeiträgen stören sich einige Beteiligte. Während der jüngsten Sitzung mahnte Bürgermeister Peter Kremer (parteilos) einen „anderen Umgang miteinander“ an. Anlass war eine Äußerung von Klaus Bartnik (FW).

Der hatte seinem Diskussionsbeitrag zur Zukunft des Kirschenmarkts ein Zitat von Martin Luther vorangestellt: „Aus einem verzagten Arsch kommt kein fröhlicher Furz.“ Bartnik spielte damit auf die Verzagtheit des Bürgermeisters und der Mehrheit des Magistrats an, die sich Anfang März für eine Absage des Fests ausgesprochen hatten.

„Die Ausdrucksweise, die hier von einem Bürgermeister a. D. an den Tag gelegt wird, kann ich nicht nachvollziehen – das ist absolut nicht förderlich“, sagte Kremer. Er konterte: „Mir fällt dazu postwendend die Eiche ein.“

Der Bürgermeister meinte damit die Redewendung „Was juckt es die Eiche, wenn sich die Sau an ihr reibt“, die in leicht abgewandelter Form im Roman „Tadellöser & Wolff“ von Walter Kempowski erwähnt wird.

Von Michael Tietz