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Hinterland Schnelles Prozessende ist in Aussicht
Landkreis Hinterland Schnelles Prozessende ist in Aussicht
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09:00 26.05.2021
In einer Wohnung am Biedenkopfer Marktplatz kam im August des vorigen Jahres ein Mensch durch Messerstiche ums Leben. Der mutmaßliche Täter steht vor Gericht.
In einer Wohnung am Biedenkopfer Marktplatz kam im August des vorigen Jahres ein Mensch durch Messerstiche ums Leben. Der mutmaßliche Täter steht vor Gericht. Quelle: Susan Abbe
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Marburg

Am ersten Verhandlungstag um einen Totschlag in Biedenkopf zeichnete sich am Dienstag ab, dass für den Prozess gegen einen 30-jährigen Angeklagten nur zwei statt der vorgesehenen drei Termine nötig sein werden. Gleich nach dem Verlesen der Anklage zu Beginn der Verhandlung vor der 6. Strafkammer unter dem Vorsitz von Dr. Frank Oehm gestand der Angeklagte über seine Rechtsanwältin, im August des vorigen Jahres in seiner Wohnung einen 40-jährigen Bekannten erstochen zu haben. Wie Ulrike Ristau weiter erklärte, bedauere ihr Mandant die Tat sehr. Er erinnere sich aber kaum an die Umstände, außer dass er nur dreimal zugestochen habe. Er sei an dem Abend sehr betrunken gewesen und es sei ihm seelisch auch nicht gut gegangen, weshalb er Medikamente eingenommen habe.

Zuvor trug der Staatsanwalt die Anklage vor. Der zufolge soll der Verdächtige am 28. ­August in seiner Wohnung am Biedenkopfer Marktplatz im Zustand der Schuldunfähigkeit einen Menschen getötet haben. Die Tat ereignete sich laut Ide zwischen 18.30 und 19 Uhr, wobei der Angeklagte mit einem Küchenmesser auf den 40-Jährigen einstach. Auf dem Sofa sitzend erlitt dieser mehrere Stiche in Brustkorb, Hals und Kiefer, wobei die 18,5 Zentimeter lange Klinge des Küchenmessers auch die Schlagader traf.

Da der Angeklagte an einer paranoid-halluzinatorischen Schizophrenie erkrankt sei, erklärte Ide die Absicht, einen Antrag zum Unterbringen des Angeklagten in eine psychiatrische Klinik zu stellen. Auch Verteidigerin Ristau äußerte im Verlauf der Verhandlung das Ziel, den Angeklagten „dort zu belassen, wo er ist“. Da sei er gut aufgehoben und das sehe ihr Mandant auch so. Zuvor hörte das Schöffengericht mehrere Zeugen, vorwiegend die damals am Einsatz und den Ermittlungen beteiligten Polizisten. Denen zufolge ergibt sich folgendes Bild: Die Festnahme des Angeklagten geschah am 30. August an einer Bushaltestelle am Marburger Hauptbahnhof. Dort erklärte der 30-Jährige einem Polizisten, er habe zuvor in einem Schnellrestaurant randaliert, damit die Polizei gerufen werde. Auf Nachfrage habe der alkoholisiert wirkende Mann als Grund angegeben, dass er jemanden umgebracht habe. Angesichts des später ermittelten Alkoholwertes im Blut von 2,2 Promille wirkte der Mann nüchtern, machte einen klaren Eindruck und war kooperativ, erklärte der Polizist.

Um den Wahrheitsgehalt der Selbstbezichtigung zu überprüfen, fuhren Polizisten aus Biedenkopf zur Wohnung des 30-Jährigen, erblickten durch ein Fenster auf einem Sofa schemenhaft einen leblos wirkenden Mann und öffneten mit einem Schlüssel des Hausverwalters die Tür. In der Ein-zimmer-Wohnung fanden sie den leblosen Körper eines 40-Jährigen, der mehrere Stichwunden aufwies. Auf dem blutgetränkten Zweiersofa lagen neben der Leiche die Tatwaffe und das Handy des Opfers. Folgen einer Kampfhandlung stellten später auch die Spurensicherer der Kriminalpolizei nicht fest.

Auf Nachfrage der psychologischen Sachverständigen erklärten alle Ermittler, dass der Angeklagte nicht davon sprach, Stimmen gehört zu haben, oder „eine andere Welt“ erwähnt habe. Nur einer berichtete von der Vernehmung, dass der 30-Jährige „etwas wirr antwortete“ und erwähnte, er habe sich vom Opfer drangsaliert gefühlt, was dann zu viel gewesen sei. Auffällig sei gewesen, dass der Festgenommene nach seinen Medikamenten verlangte.

Die Blutuntersuchung des Angeklagten ergab, dass er vor seiner Festnahme keine Drogen oder Medikamente genommen hatte und der Alkoholwert im Blut 2,2 Promille betrug. Fragen des Richters, der Sachverständigen oder der Rechtsanwälte beantwortete der Angeklagte selten, sagte meistens, er könne sich nicht erinnern. Mehrmals äußerte er, am Tattag und am Tag zuvor eine Flasche Whiskey getrunken zu haben. Das Leergut habe er täglich entsorgt, weshalb in der Wohnung auch nur die beiden Tetrapacks Weißwein gefunden wurden, die das Opfer mitbrachte.

Die Verhandlung wird am Donnerstag, 27. Mai, ab 9 Uhr im Saal 101 des Landgerichts fortgesetzt. Dann werden die beiden Sachverständigen ihre Gutachten vortragen und das Urteil wird gesprochen.

Von Gianfranco Fain

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