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Hinterland Grundstück wird für Familie Ermagan zu Schuldenfalle
Landkreis Hinterland Grundstück wird für Familie Ermagan zu Schuldenfalle
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00:17 22.01.2019
Süheyla (links) und Habib Ermagan aus Schlierbach sitzen vor zwei Aktenordnern, in denen die Unterlagen zu ihrem Fall abgeheftet sind. Sie besitzen seit 2014 ein kontaminiertes Baugrundstück in Wommelshausen-Hütte. Ein Gericht soll nun klären, ob der Familie Schadenersatz zusteht. Ihre Schulden belaufen sich mittlerweile auf 100 000 Euro.  Quelle: Silke Pfeifer-Sternke
Schlierbach

Am 4. Dezember 2014 erfüllen sich Süheyla und Habib Ermagan aus Schlierbach mit ihrer Unterschrift unter den Kaufvertrag eines Baugrundstücks in Wommelshausen-Hütte ihren Lebenstraum. Dass sich dies zum Albtraum entwickeln wird, dafür gab es keinerlei Anzeichen. Der Schuldenberg der Ermagans beläuft sich mittlerweile auf 100.000 Euro, ein Ende ist noch nicht absehbar. Vor Jahresende 2018 reichte­ das Paar Klage ein: gegen die Verkäuferin und gegen die ­Gemeinde. Das war kurz vor Toresschluss, weil die Verjährung drohte. Jetzt heißt es abwarten wie das Gericht entscheidet.

„Wir haben jahrelang für den Hausbau gespart. Am Ende­ ­haben wir nix“, sagt Süheyla ­Ermagan. Ihre Stimme wird leiser, die Augen füllen sich mit Tränen. Ihr Mann bleibt gefasst: „Es ist alles schiefgegangen, was schiefgehen kann.“

Mögliche Belastung nicht gekennzeichnet

Dabei haben Ermagans anfangs ein richtig gutes Gefühl. Ihnen gefällt das 1.500 Quadratmeter Grundstück und der Gedanke, dass sie in der Verkäuferin eine nette Nachbarin haben. Die Kinder, ein Junge (9) und ein Mädchen (13), sollen in dem zweigeschossigen Neubau endlich ein eigenes Zimmer bekommen.

Beim Bad Endbacher Bauamt stellen Ermagans vor dem Kauf eine Bauanfrage. In der Stellungnahme ist eine mögliche Belastung nicht gekennzeichnet. Es spricht absolut nichts gegen das Projekt. Die Probleme fangen an, als sich herausstellt, dass das Baugrundstück gar nicht erschlossen ist. Die Gemeinde sieht sich offenbar in der Pflicht, Bauhofmitarbeiter rücken an. Bei den Erdarbeiten stoßen sie auf mit Ölrückständen belasteten Boden. Ermagans besitzen ein Grundstück, auf dem eine Heizölfirma ihre­ Tanks und auf dem die Deutsche Bahn Schwellen getaucht hatte.

„Hätten wir das gewusst, hätten wir uns nach einem anderen Grundstück umgesehen“, sagt Süheyla Ermagan. Bevor die Baugrube ausgehoben wird, zahlen Ermagans 16.000 Euro für die Entsorgung der belasteten Erde. Auch eine mit Asbest belastete Mauer auf der Gemeindeparzelle entfernen sie in Eigenregie. Zudem entdecken sie jede Menge Müll, der unter den Erdmassen begraben wurde.

„Alles richtig gemacht und werden trotzdem bestraft“

Der Aushub von 100 Kubikmeter Erde brachte unter anderem Bauschutt, Teppichreste, Eternitbruchstücke, Kohle, Schlacke, Gießereialtsand, Metallschrotte, Glas und Kunststoffabfälle hervor. Das Regierungspräsidium Gießen stufe die fein verteilten Bruchstücke von Asbest-Faserbeton (Eternit) als gefährlichen Abfall ein. Ermagans sind als Grundstückseigentümer für die Entsorgung verantwortlich.

„Wir haben alles richtig ­gemacht und werden trotzdem bestraft“, sagt Süheyla Ermagan. Noch unter dem damaligen Bürgermeister Markus Schäfer (CDU) wird ein Grundstückstausch avisiert. Ein Hoffnungsschimmer. Ermagans entscheiden sich für ein 500 Quadratmeter großes Bauland in Schlierbach. Nach monatelangem bangem Warten steht im November 2018 endlich der Notar-Termin an. Doch es kommt wieder alles anders: Wenige Stunden vor der Unterschrift trudelt die Terminabsage aus der Verwaltung per Mail ein.

Der amtierende Bürgermeister Julian Schweitzer (SPD) ist der Meinung, dass die Schuldfrage noch zu klären ist. Ein Grundstückstausch käme einem Schuldgeständnis gleich. Der Hessische Städte- und Gemeindebund sprach zudem die Empfehlung aus, dass nichts vollzogen werden soll, was ­unter Umständen Steuergelder kostet.

Akteneinsichtsausschuss soll offene Fragen klären

Da durch den Grundstückstausch nicht feststeht, welche­ Kosten durch das belastete Grundstück auf die Gemeinde zukommen, ist Schweitzer das Risiko zu hoch. Er trägt diese Bedenken den Gemeindevertretern zu. Das Gremium votiert gegen den Tausch. Kein Aufatmen für Familie Ermagan. Das Vorgehen der Gemeindevertretung ist aus Sicht des FW-Abgeordneten Rolf Herrmann „absolut korrekt“.

Trotzdem sieht er die Gemeinde in der Haftung, weil Ermagans nicht über die mögliche Belastung des Grundstücks aufklärt wurden. Deshalb beantragte seine Fraktion das Einsetzen eines Akteneinsichtsausschusses. Am Montag, 30. Januar, soll dieser ab 19 Uhr prüfen, welche Informationen von der Gemeinde an die Haftpflichtversicherung geflossen sind.

„Wer wann wo welche Aussage getroffen hat, ist noch zu klären“, sagt Schweitzer. Die Thematik sei sehr komplex und die Chronologie müsse nun vor Gericht aufgearbeitet werden. „Am Ende werden die Fakten dargelegt“, sagt Schweitzer.

Mit dem avisierten Grundstückstausch sei eine unkomplizierte Lösung angestrebt worden. „So leid es mir tut für die Familie“, sagt Schweitzer, aber man habe davon Abstand genommen, weil die Schuldenlast, die auf dem Grundstück steht, nicht überschaubar sei. „Wir können nichts entscheiden, was zu größeren Schulden für die Gemeinde führt“, sagt Schweitzer.

von Silke Pfeifer-Sternke