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Hinterland Schausteller werden zur Untätigkeit verdammt
Landkreis Hinterland Schausteller werden zur Untätigkeit verdammt
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11:00 09.05.2020
Alexander Kreuser nutzt die Corona-Pause in Goßfelden zum Aufbau eines der Autoscooter des Familienunternehmens, damit dieser vom TÜV überprüft werden kann. Quelle: Foto: Gianfranco Fain
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Diedenshausen

Keine Frühjahrsmesse, kein Stadtfest, keine Kirmes: Was macht ein Schausteller, der nichts zur Schau stellen darf? „Erst mal dumm gucken“, meint Herbert Kreuser. Der Diedenshäuser ist nicht auf den Mund gefallen und fährt dementsprechend fort: „Wir sind mit einem Berufsverbot belegt und müssen sehen, wie wir über die Runden kommen.“

Über den Winter kommen die Schausteller in der Regel ohne große Probleme. So war es auch dieses Jahr. „Das letzte Geld haben wir im Dezember verdient“, berichtet Kreuser. Nach dem Ende der Weihnachtsmärkte folgten wie üblich die Instandhaltungsarbeiten und Investitionen an den Fahr- und Spielgeschäften, danach ab Mitte Februar der Jahresurlaub zum Regenerieren, bevor die neue Saison beginnt. „In Thailand haben wir von der Corona-Pandemie gar nichts mitbekommen, obwohl dort viele Chinesen waren“, berichtet Kreuser.

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Verdienstausfall im fünfstelligen Bereich

Als die Schausteller-Familie ins Hinterland zurückkam, sah das schon ganz anders aus. Es dauerte nicht lang, bis die ersten Märkte in Folge der Kontakt-Restriktionen abgesagt wurden. Die Frühjahrsmesse in Gießen sollte für den Diedenshäuser der Saisonauftakt sein – sie wurde abgesagt. Der Marburger Frühling – abgesagt, ebenso die Veranstaltung in Herborn und das Maifest in Stadtallendorf. „Unser Verdienstausfall bewegt sich im fünfstelligen Bereich“, verrät der Hinterländer Schausteller. „Das ist existenzgefährdend.“ Denn während die Einnahmen ausbleiben, laufen die Kosten für Kredite, Versicherungen oder TÜV-Gebühren weiter.

Im Gegensatz zu anderen Kleinunternehmern haben die Kreuser noch das Glück, derzeit kein Personal bezahlen zu müssen. Die Saisonarbeiter durften nämlich nicht einreisen. So fällt nur der Lebensunterhalt für die drei Generationen des Familienbetriebs - Kreuser und seine Ehefrau, deren beider Kinder samt Ehepartnern und Nachkommen – an. Aber wann die Schausteller wieder Geld verdienen können, vermag Kreuser nicht abzusehen. Das Heimspiel auf dem Gladenbacher Kirschenmarkt, darauf wären Kreusers dieses Jahr mit der Pizzahütte und dem Entenangeln vertreten gewesen, hat der Diedenshäuser auch schon abhaken müssen. Und bis Ende August sind Großveranstaltungen verboten.

Soforthilfe war ein „Tropfen auf den heißen Stein“

Dass es danach gleich weitergeht, glaubt Kreuser nicht so recht. Denn: „Die Leute sind sehr verunsichert.“ Ohne einen Impfstoff werde es wohl noch lange keine Volksfeste mehr geben. Ob so oder anders: „Wir werden die letzten sein, die wieder öffnen dürfen“, meint er. Doch so wie jetzt, „geht es nicht mehr lange weiter“. Die vom Staat gezahlten 10 000 Euro an Soforthilfe – Kreuser: „Die verdiente wirklich ihren Namen.“ – waren „ein Tropfen auf dem heißen Stein“. Weitere Hilfen sind in Aussicht gestellt, aber wann die kommen, wisse niemand. Darum ist Eigeninitiative gefragt. Die Ehefrau des Sohnes arbeitet wieder als Krankenschwester. Doch die Idee, die Pizzahütte irgendwo aufzustellen, haben die Kreusers wieder verworfen. „Das haben Kollegen schon versucht, aber es sind zu wenige Menschen in den Orten unterwegs“, sagt Herbert Kreuser. So nutzen die Diedenshäuser erst mal die Pausenzeit, um ihre Fahrgeschäfte vom TÜV abnehmen zu lassen. Derzeit stellen sie einen Autoscooter auf dem Gelände eines befreundeten Unternehmers in Goßfelden auf, was zumindest kostenlos ist. Dagegen kostet Kreuser die Besichtigung des Fahrgeschäfts durch einen Prüfer und die Verlängerung der Genehmigung um zwei Jahre beim Regierungspräsidium grob geschätzt einen Tausender.

Von Gianfranco Fain

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