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Hinterland Angeklagte bestreiten Tötungsabsicht
Landkreis Hinterland Angeklagte bestreiten Tötungsabsicht
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06:30 17.09.2019
Die beiden Angeklagten verbergen zum Prozessbeginn ihre Gesichter hinter Aktenmappen. Foto: Mark Adel
Die beiden Angeklagten verbergen zum Prozessbeginn ihre Gesichter hinter Aktenmappen. Quelle: Mark Adel
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Marburg

Zwei 22-jährige Angeklagte sollen während des Kirschenmarktes 2017 einen anderen Mann so sehr mit Schlägen und Tritten traktiert haben, dass er lebensgefährliche Verletzungen erlitt. Auslöser soll die Tatsache gewesen sein, dass das Opfer – ein heute 24 Jahr alter Mann, der gebürtig aus Bischoffen stammt – Fan der Fußballmannschaft Borussia Dortmund ist. Die beiden mutmaßlichen Täter sind Anhänger des FC Schalke.
Seit gestern müssen sie sich vor der ersten Strafkammer des Marburger Landgerichts verantworten. Beide Angeklagte waren  im Februar 2018 von der dritten Strafkammer zu einer Jugendstrafe wegen versuchten Mordes von viereinhalb Jahren Gefängnis verurteilt worden. Der Bundesgerichtshof hob das Urteil im Frühjahr auf und verwies das Verfahren zurück ans Landgericht.

Im Gegensatz zum ersten Prozess vor mehr als eineinhalb Jahren äußerten sich nun die beiden 22 Jahre alten Angeklagten, die aus Kassel und Hohenahr stammen, zu Beginn der Verhandlung. Beide sitzen bereits seit Mitte Juli 2017 – mehr als zwei Jahre – im Gefängnis.

Beide betonten, dass sie nie jemanden verletzen oder töten wollten. Sie entschuldigten sich bei dem Oper, das von seinen Verletzungen – Schädelbruch und Hirnschwellung – sowie mehreren Operationen berichtete. Die acht befragten Zeugen hatten nur oberflächliche Erinnerungen an die Tat. Dass es während des Volksfestes zu der folgenschweren Schlägerei kam, gaben beide 22-jährigen Angeklagten aus Hohenahr und Kassel zu. Sie gaben an, erheblich alkoholisiert gewesen zu sein und nicht genau gesehen zu haben, was der jeweils andere Mitangeklagte getan hatte. Der aus Hohenahr stammende Angeklagte erklärte, eine weitere Person – nicht das Opfer – habe nach ihm geschlagen und ihn am Kopf getroffen. Er habe dann das Opfer in die Magengegend getreten.

Opfer sitzt als Nebenkläger im Gerichtssaal

„Der Tritt sollte ihn nicht schwer verletzen.“ Er habe geschlagen und getreten, „um mich zu schützen und die Auseinandersetzung zu beenden“. Der Mitangeklagte berichtete, von „der anderen Partei“ seien Beleidigungen ausgegangen. Die Worte „Frankfurter“ – die beiden Männer sollen für Fans der Eintracht gehalten worden sein – und „Hurensöhne“ seien gefallen.

Er habe den Kontrahenten gegen den Oberkörper getreten, aber nicht gegen den Kopf – ausschließen könne er aber nicht, dass er den Kopf getroffen habe. Wie das Opfer zu Boden ging, wisse er nicht. Auch er betonte, nie jemanden verletzen oder töten zu wollen. Beide Angeklagten entschuldigten sich bei ihrem Opfer, das als Nebenkläger im Gerichtssaal saß.

Die Befragung der acht am ersten Verhandlungstag geladenen Zeugen erwies sich für Richter, Kläger und Verteidiger als Kraftakt. Nach mehr als zwei Jahren hatten die Zeugen – allesamt Besucher des Kirschenmarktes nur noch oberflächliche Erinnerungen. Fast allen Zeugen wurden Aussagen vorgehalten, die sie beim ersten Prozess oder kurz nach der Tat bei der Polizei gemacht hatten und teilweise in wichtigen Details von dem abwichen, was sie am Montag aussagten.

Fest steht bislang, dass es zwei Vorfälle gab: Eine Schlägerei am Bierpils und eine weitere auf der Straße, bei der das Opfer folgenschwer stürzte und mit dem Kopf aufprallte. Mehrere Zeugen berichteten von einem furchtbaren Klang, „ein lautes Knacken. Sehr laut“, verdeutlichte ein 28-jähriger Zeuge aus einem Gladenbacher Stadtteil.

Aber wie viele Leute waren an dieser Auseinandersetzung beteiligt – drei oder vier? Und wie viel Zeit lag zwischen beiden Vorfällen – ein Augenblick oder zehn Minuten? Wurde das Opfer zu Boden geschubst oder mit einem gezielten Karatetritt buchstäblich gefällt? Und trat einer der Angeklagten mit voller Wucht gegen den Kopf des am Boden liegenden – oder gegen den Körper?

„Es hat die ganze Zeit Schläge gegeben“, berichtete eine 22-jährige Zeugin. „Ich habe es als sehr drastisch empfunden.“ Sie hatte zudem gesehen, wie der Angeklagte aus Hohenahr mit einem Tritt zu Fall gebracht wurde. „Ich träume heute noch davon“, sagte sie. Einen Tritt gegen den Kopf habe sie aber nicht gesehen. Umgekehrt hatte es eine 56-jährige Gladenbacherin gesehen: Er sei nach einem Stoß zu Boden gegangen, „ein junger Mann hat dann zu ihm reingetreten.“ Ihre Aussage wich allerdings deutlich von dem ab, was sie kurz nach der Tat der Polizei gegenüber ­angegeben ­hatte.

Tritt wie gegen einen Fußball

Ihr Ehemann war zwischen die erste Schlägerei gegangen und war dabei selbst mit dem Kopf gegen eine Betonwand gestoßen und leicht verletzt worden. „Zwei haben brutal geschlagen und getreten, in übelster Weise“, sagte er. Details konnte er aber nicht nennen.

Erste Hilfe hatte eine 24-jährige Festbesucherin aus Bad Laasphe geleistet – sie ist Krankenschwester von Beruf und habe den ernsten Zustand sofort erkannt. Ob das Opfer geschubst oder getreten wurde, könne sie nicht sagen. Nach dem Sturz sei der Mann aber bewusstlos gewesen und habe gekrampft.

Sie berichtete von einem Tritt gegen den am Boden liegenden, „wie gegen einen Fußball“. Als Täter gab sie den Kasseler Angeklagten an. Den Aufprall dieses Tritts sah sie aber nicht. Das 24-jährige Opfer berichtete von den Folgen seiner Verletzungen. Mehrmals musste der junge Mann operiert werden. Um nach dem Schädelbruch und einer Hirnschwellung den Druck im Kopf zu mindern, wurde ihm die Schädelplatte entnommen. In diesem Jahr implantierten ihm Ärzte eine Titanplatte in den Schädel.

Anfangs saß er im Rollstuhl. Möglicherweise habe er sich gewehrt gegen die Schläge, aber nicht von sich aus geschlagen. Auf Nachfrage eines Verteidigers gab er auch zu, früher etwa fünf bis sechs Monate lang täglich Cannabis konsumiert zu haben. Er sei auch kein „Ultra“, erklärte er auf weitere Nachfrage. Ins Stadion gehe er nur noch unregelmäßig.

Hassgefühle gegenüber Schalkern habe er nicht. Rechtsanwalt Thomas Wings verwies auf einen Instagram-Post. „Jeder Schalker ist ein Hurensohn“, habe dort gestanden. „Das kann nicht sein“, entgegnete der 24-Jährige. Auffällig war, dass die drei Verteidiger das Opfer deutlich intensiver befragten als im ersten Prozess.

von Mark Adel

  • Die Verhandlung wird am 25. September um 9 Uhr fortgesetzt.