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Hinterland Ruheräume für röhrende Rothirsche
Landkreis Hinterland Ruheräume für röhrende Rothirsche
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16:01 03.01.2020
Um ihren Rothirsch-Bestand zu schützen, entwickelte die Hegegemeinschaft Lahn-Bergland ein Konzept. Archivfoto: Boris Roessler Quelle: Boris Roessler
Biedenkopf

Wie der Rotwildbestand erhalten und wie dabei Konflikte mit Mensch und Natur vermieden werden können – damit beschäftigte sich die Hegegemeinschaft intensiv.

Es war keine leichte Aufgabe, das Lebensraumkonzept für das Rotwild zu entwickeln, betonten Bernd Weide, Vorsitzender der Hegegemeinschaft, und Wolfgang Thiel, der das Projekt vorstellte. 18 Mitglieder der Gemeinschaft arbeiteten drei Jahre lang in einer Arbeitsgruppe zusammen – wobei die Beteiligten unterschiedliche Interessen zum Thema vertraten. Jagdgenossen, Jagdpächter, Landwirte, Waldbesitzer, Vertreter des Forstamtes und der Unteren Jagdbehörde, und die Hegeringleiter Rotwild, Muffelwild und Niederwild haben viele Aspekte kontrovers diskutiert. Unterstützung erhielten sie vom Landesjagdverband und der Oberen Jagdbehörde, die den Anstoß zu dem Projekt gab. Herausgekommen ist ein 46-seitiges Konzept, das alle Beteiligten unterschreiben können, sagte Weide.

Ausführlich beschreibt die Arbeitsgemeinschaft die Situation. Insgesamt biete der Wald im Rotwildgebiet Lahn-Bergland den Tieren einen artgerechten Lebensraum. Konfliktpotenzial sieht die AG mit dem Naturschutz: An selteneren Baumarten wie Eibe oder Bergahorn richte Rotwild starke Verbiss- oder Schälschäden an und verursache dadurch Probleme für die biologische Vielfalt. Schäden an Buchen und Fichten brächten Einkommensverluste für die Waldbesitzer. Besonders gefährdet seien die nach Orkan Kyrill im Jahr 2007 aufgeforsteten Flächen.

Die Hegegemeinschaft

In Rotwild-Hegegemeinschaften schließen sich Reviere zusammen, um die Rotwild-Bestände zu koordinieren. Zur Hegegemeinschaft Lahn-Bergland gehören 24 Jagdbezirke und Regieflächen der Forstämter Biedenkopf und Burgwald.

Der Bezirk der Rotwild-Hegemeinschaft Lahn-Bergland grenzt im Westen an Nordrhein-Westfalen, im Norden an das Gebiet der Hegegemeinschaft Rothaargebirge; im Westen und Süden bildet die Bundesstraße 62 die Grenze.

Die Gesamtfläche beträgt 16 406 Hektar. Die bejagbare Fläche hat 15 223 Hektar, davon 58 Prozent Wald und 42 Prozent landwirtschaftliche Fläche.

Der Sommerbestand des Rotwildes beträgt rund 340 Tiere: 120 Kälber, 150 Alttiere und 70 Hirsche. Der Abschuss liegt im Jahresdurchschnitt bei 120 Stück pro Jahr.

Dem stehen viele Belastungen gegenüber, die vom Menschen für die Tiere ausgehen. Die AG nennt den Verkehr: Stark befahrene Straßen wie die Bundesstraße 253 durchschneiden den Lebensraum der Tiere, was zu Wildunfällen führt. „Unfallschwerpunkt ist die Strecke Ludwigshütte zur Einfahrt Sackpfeife, aber auch Richtung Eifa/Dexbach.“

Vor allem Waldbesucher, die abseits der Wege unterwegs sind, störten das Wild. Als „sehr großen Störfaktor“ nennt die AG die Mountainbiker, die mit hoher Geschwindigkeit abseits der Wege fahren. Das Wild könne die schnell herankommenden Räder erst spät zuordnen. Aber auch Jäger könnten je nach Uhrzeit ein Störfaktor sein.

Bauprojekte fördern Inzucht bei Wildbestand

Als großes Problem benennt die AG die Verinselung von Rotwild-Populationen. Straßen und Bauprojekte durchschneiden die Korridore der Tiere. Das Rotwild kann dann nicht mehr in andere Gebiete wechseln. Der genetische Austausch zwischen Beständen ist unterbrochen und es entstehen Inzuchtprobleme. Für das Rotwild im Lahn-Bergland stellt die AG aktuell fest, „dass eine gute Vernetzung zum Dill-Bergland, Rothaargebirge und Burgwald/Kellerwald besteht und der Austausch zum Gebiet Krofdorfer Forst schon weniger stattfindet.“

Die AG leitet aus ihren Ergebnissen Forderungen an Jäger, Hegegemeinschaft, Behörden, Forstwirtschaft, Grundstückseigentümer, Landwirte, Jagdgenossen, Politik, Kommunen, Tourismus und die Bevölkerung ab. Hauptaufgabe für die Hegegemeinschaft soll sein, „einen waldverträglichen Rotwildlbestand mit einer gesunden Altersstruktur zu erhalten.“ Vereinbart ist, dass die Reviere angemessen an der Abschusserfüllung beteiligt werden. Bei der Jagd müssen die Jäger Standards einhalten.

Der Rothirsch

Der Rothirsch, auch Rotwild genannt, ist die größte freilebende heimische Wildart. Männliche Tiere (Hirsche) erreichen in Europa bis zu 250 Kilo Lebendgewicht und eine Schulterhöhe von bis zu 150 Zentimeter.

Die Hirsche tragen ein Geweih, das bis zu 15 Kilogramm schwer werden kann. Es wird im Februar/April abgeworfen und bis zum Frühherbst wieder komplett entwickelt.

Das Sommerfell ist rotbraun, daher der Name Rothirsch. Das Winterfell ist dunkelgrau.

„Die allgemeinen Störfaktoren – insbesondere in der Nähe von Siedlungen und Industrie- und Freizeiteinrichtungen – lassen sich nicht vollständig vermeiden“, bilanziert die AG. Eine Verbesserung könnten aber Ruhezonen fürs Wild bringen, die Menschen nur auf festen Wegen betreten dürfen und in denen die Tieren jederzeit Äsungsmöglichkeiten finden. Dadurch könnten auch Verbiss- und Schälschäden verringert werden.

Forst- und Landwirte sowie Grundstückseigentümer sollten Flächen zur Wildäsung bereitstellen. Kommunen und Tourismusorganisationen möchten die Jagdgenossenschaften beim Planen neuer Wanderwege oder ähnlicher Projekte einbeziehen.
Nicht zuletzt geht es der Hegegemeinschaft um Öffentlichkeitsarbeit. Sie will für das Rotwild werben, Wanderer und Mountainbiker sensibilisieren. Die Politik müsse für Wanderkorridore zwischen Rotwildgebieten sorgen, um Verinselungen zu verhindern. Unter dem Strich sei das Ziel die Zusammenarbeit aller Akteure, um das Rotwild zu erhalten. Ihr Konzept will die Hegegemeinschaft in den kommenden Jahren fortschreiben. Welchen Wert das Konzept für die Arbeit der beteiligten Interessengruppen hat, betonten in ihren Grußworten Jürgen Ellenberger, Präsident des Landesjagdverbandes Hessen, Rolf Schulzke, Leiter der Oberen Jagdbehörde Kassel, und Landrätin Kirsten Fründt (SPD) als Schirmherrin.

von Susan Abbe