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Hinterland Richterin bricht Prozess ab
Landkreis Hinterland Richterin bricht Prozess ab
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16:05 01.11.2019
Im Zeichen Justizias treffen sich die Beteiligten im Prozess unter anderem wegen gefährlicher Körperverletzung wieder. Der Termin steht noch nicht fest.  Quelle: Archivfoto: Volker Hartmann
Biedenkopf

Gefährliche Körperverletzung, Fahren ohne gültigen Führerschein und Unfallflucht wirft die Staatsanwaltschaft einem 44-jährigen Mann vor. Er soll am Abend des 15. April 2018 mit seinem Mercedes einen Fußgänger auf dem Parkplatz Pfefferacker gezielt angefahren und sich dann aus dem Staub gemacht haben.

Der Angeklagte besitzt nur einen arabischen Führerschein. Bei dem Vorfall soll sich ein junger Biedenkopfer leicht am Bein verletzt haben. Sechs Zeugen und ein Dolmetscher reichten nicht aus, um im ersten Anlauf die Streitigkeiten zwischen zwei syrischen Familien aufzuklären. Nach drei Stunden brach Richterin Alexandra Hille den Prozess ab. „Zwei mutmaßliche ­Augenzeugen fehlen, so kommen wir heute nicht weiter“, stellte die Vorsitzende ernüchternd fest.

Der Angeklagte bestreitet den Vorwurf, er habe seinen 21-jährigen Landsmann angefahren. Am besagten Sonntag habe er lediglich mit seiner Frau einen längeren Spaziergang am Perfstausee unternommen. Anschließend seien sie auf direktem Weg nach Hause gefahren, erklärte der 44-Jährige. Die Familie wohnte damals am nordwestlichen Rand von Biedenkopf – die angeklagte Tat ereignete sich in der Innenstadt.

Diese Schilderung bestätigte die Ehefrau des Angeklagten. Sie berichtete außerdem von Problemen, die die Kinder der beiden einst befreundeten Familien untereinander hatten. Diese Differenzen führten dann auch zu einer handfesten Auseinandersetzung, bei der Väter und Söhne beider Parteien mitmischten. Nach dieser Prügelei zeigte der 44-Jährige seine Kontrahenten an. Deshalb vermutet der Angeklagte nun in der Anzeige gegen ihn eine Retourkutsche.

Unfallopfer widerspricht Angeklagtem

Das mutmaßliche Unfallopfer sagte aus, der Angeklagte habe ihn an jenem Abend gezielt mit seinem Auto auf dem Parkplatz Pfefferacker angefahren. Dort sei er mit einem Freund zufällig zu Fuß unterwegs gewesen. Der Angeklagte habe den ­Motor seines Wagens aufheulen lassen, dann Gas gegeben und sei mit etwa 20 bis 25 Stundenkilometern auf ihn zugefahren, schätzte der Zeuge. Durch einen Sprung auf ein anderes Auto habe er sich retten können. Dennoch soll ihn der Mercedes des Angeklagten leicht am rechten Bein getroffen haben. Mit Prellungen sei er ins Krankenhaus gebracht worden.

Ein Freund des 21-Jährigen alarmierte daraufhin die Polizei. Die Beamten trafen kurze Zeit später den Angeklagten zu Hause an. Die Motorhaube des vor der Wohnung stehenden Mercedes soll noch warm gewesen sein. An der leicht verschmutzten Stoßstange des Pkw stellte die Polizei Wischspuren fest – eine Stelle glänzte und war nicht mit Dreck bedeckt. Mit Folie ­sicherten die Beamten einige Fasern. Laut einer Analyse könnten diese von einer Jeans stammen.
Der Angeklagte sprach dagegen von Kratzspuren an dem Mercedes. Entstanden seien diese in Berlin, als ein Bekannter von ihm mit dem Wagen gegen einen hohen Stein gefahren sei.

Zwei von der Verteidigung benannte Zeugen konnten wenig zur Aufklärung des Falles beitragen. Sie gaben an, dass sich das mutmaßliche Opfer seine Beinverletzung bereits einige Wochen zuvor beim Sport zugezogen und er später seine Schmerzen nur vorgetäuscht habe.

Staatsanwalt will weitere Zeugen hören

„Im Moment haben wir eine Patt-Situation, die Zeugen haben nur etwas vom Randgeschehen berichtet“, sagte Richterin Hille zum Ende der Beweisaufnahme. Verteidiger Peter Schäfer sprach von einem „dürftigen Beweisergebnis“. Aus seiner Sicht kommt für seinen Mandaten nur eine Geldstrafe für das Fahren ohne gültigen Führerschein infrage oder aber ­eine Einstellung des Verfahrens gegen Auflage. Für die Staatsanwaltschaft ist eine Einstellung des Verfahrens ohne weitere Zeugenaussage dagegen undenkbar.

Einfach fortgesetzt werden kann der Prozess allerdings nicht. Denn Richterin und Verteidiger fanden dafür keinen freien Termin in den nächsten drei Wochen. Deshalb muss die Verhandlung komplett neu angesetzt werden. Der Verteidiger erklärte sich allerdings damit einverstanden, dass dann nicht noch einmal alle Zeugen gehört werden müssen, sondern lediglich deren Aussageprotokolle verlesen werden sollen.

von Michael Tietz