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Hinterland Im Knast sind die Schläger zahm
Landkreis Hinterland Im Knast sind die Schläger zahm
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18:03 14.10.2019
Die beiden Angeklagten im Revisionsprozess verhalten sich laut Sozialarbeiterinnen in der Haft vorbildlich. Quelle: Oliver Berg/dpa/Archiv
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Marburg

Vor dem Landgericht sagte am Freitag ein 52-jähriger Zeuge aus.

Der Gladenbacher bestätigte, dass er „jedes Jahr“ den dortigen Kirschenmarkt besuche und beschrieb das Bild, das sich ihm am 2. Juli vor zwei Jahren bot:

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„Die beiden Männer haben auf ihr Opfer eingeschlagen, als ob sie es totschlagen wollten.“

Er bezifferte die Summe an Schlägen und Tritten, die das Opfer erlitt, auf insgesamt rund 20. Auch als der Geschädigte am Boden lag, sei weiterhin auf ihn eingeprügelt worden – auch auf den Kopf.

Gut zugänglich, sachlich, höflich

Die von dem Zeugen beobachtete Brutalität (die OP berichtete) der beiden 22-jährigen Angeklagten – einer stammt aus Hohenahr, der andere aus Kassel – passt so gar nicht zu dem Bild, das die beiden Beschuldigten bisher in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Wiesbaden abgaben. Die Beschuldigten sind seit 2017 beziehungsweise 2018 in unterschiedlichen Wohngruppen mit jeweils zehn Inhaftierten untergebracht.

Eine 52-jährige Sozialarbeiterin fand nur positive Worte­ für das bisherige Betragen des Mannes aus Hohenahr, der in der JVA eine Berufsausbildung abgeschlossen hat: bodenständig, gut zugänglich, sachlich, höflich und im Leistungsbereich seinen Mitinhaftierten weit voraus.

„Er hat sich sehr gut entwickelt. Am Anfang war er sehr in sich gekehrt und ist dann mehr und mehr aus sich herausgegangen“, sagte die Gruppenbetreuerin. Der Angeklagte sei in seiner Gruppe Vorbild. Als Wohngruppensprecher habe er ähnliche Funktionen und Aufgaben wie ein Klassensprecher in der Schule.

Haftlockerungen in Aussicht

Des Weiteren zeige der 22-Jährige kein aggressives Verhalten irgendeiner Person in der JVA gegenüber und sei der einzige dort, der sich bisher keinen einzigen Verstoß gegen die Hausordnung eingehandelt habe. „Eine Haftlockerung halte ich für sehr geboten“, bewertete die Sozialarbeiterin und sprach sich für den offenen Vollzug mit vorzeitiger Haftentlassung aus.

So überschwänglich war die Bewertung für den Kasseler zwar nicht, aber sie war dennoch gut. „Er verhält sich sozial­ adäquat und immer freundlich“, meinte die 33-jährige ­Sozialarbeiterin und Gruppenbetreuerin. „Am Anfang war er allerdings sehr zurückhaltend. Das hat sich dann aber nach drei Monaten gelegt“, sagte die Sozialarbeiterin, die sich ebenfalls für eine Haftlockerung aussprach.

Beschuldigte zeigen Reue

Ferner habe der Angeklagte eine Ausbildung begonnen und dürfte diese ihrer Einschätzung nach auch problemlos beenden. Außerdem berichtete die für die Wohngruppe zuständige Pädagogin, dass der Beschuldigte von sich aus seinem Alkoholproblem, das zu ­einer „Enthemmung“ führe, ­ angegangen habe.

Konkrete Gespräche mit Sachverständigen über die Tatvorwürfe habe es in der JVA laut der Sozialarbeiterinnen nicht gegeben, da das Duo noch nicht rechtskräftig verurteilt sei. Allerdings bestätigten beide Expertinnen, dass die Beschuldigten Reue zeigten, wenn es am Rande von Gesprächen um die Schäden des Opfers gegangen sei.

Der Prozess wird am 14. Oktober um 9 Uhr fortgesetzt.

von Benjamin Kaiser