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Hinterland Gericht sieht keine Tötungsabsicht
Landkreis Hinterland Gericht sieht keine Tötungsabsicht
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20:01 15.10.2019
Die Angeklagten und ihre Verteidiger betraten am Dienstag zum letzten Mal den Saal des Landgerichts. Die Angeklagten des Kirschenmarkt-Prozesses wurden in der Revisionsverhandlung wegen schwerer Körperverletzung verurteilt. Quelle: Tobias Hirsch
Marburg

Die Angeklagten­ des Kirschenmarkt-Prozesses­ sind frei: Die erste Strafkammer des Marburger Landgerichts verurteilte die beiden Schalke-Fans gestern im Revisions-Prozess wegen gefährlicher und schwerer Körperverletzung zu Jugendstrafen von drei Jahren und neun Monaten sowie drei Jahren und sechs Monaten Haft.

Weil sie einen Großteil dieser Strafe bereits in Haft verbrachten, hob die Kammer die seit Mitte Juli 2017 geltenden Haftbefehle auf. Die beiden Schalke-Anhänger verletzten nach Überzeugung des Gerichts während des Gladenbacher Kirschenmarkts 2017 einen Fan von ­Borussia Dortmund bei einer Schlägerei lebensgefährlich.

Bundesgerichtshof hob Urteil auf

Im ersten Prozess Anfang 2018 verurteilte die dritte Strafkammer des Landgerichts die beiden 22-Jährigen zu jeweils viereinhalbjährigen Jugendstrafen – wegen versuchten Mordes aus niederen Beweggründen. Gegen eines der Urteile ging die Staatsanwaltschaft in Revision, die Verteidiger gegen beide Urteile.

Der Bundesgerichtshof entschied mehr als ein Jahr später, dass der Fall vor einer anderen Kammer des Landgerichts neu zu verhandeln sei. Kritikpunkte des Bundesrichter unter anderem: Die Taten der beiden Angeklagten wurden nicht getrennt bewertet, und den Tötungsvorsatz sahen sie nicht gegeben.

Staatsanwältin sieht versuchten Mord

Die Erste Strafkammer unter dem Vorsitz von Dr. Marco Herzog blieb mit ihrem Urteil deutlich unter der Forderung von Oberstaatsanwältin Kerstin Brinkmeier. Sie forderte für den aus Kassel stammenden Angeklagten eine Strafe von sechseinhalb Jahren, für den Hohenahrer viereinhalb Jahre.

Die Tat sollte als gemeinschaftlich versuchter Mord gewertet werden: „Beide haben mit ­Tötungsvorsatz gehandelt.“ Der Angeklagte aus Hohenahr hatte das Opfer mit einem gezielten Tritt zu Fall gebracht, dieses sei „ungebremst wie eine Bahnschranke“ zu Boden gegangen.

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„Er war sich bewusst, dass die Folgen tödlich sein können“, sagte Brinkmeier. Der andere Täter habe dem am Boden Liegenden dann gegen die rechte Kopfseite getreten.

„Beides war geeignet, einen Menschen zu töten.“ Brinkmeier erinnerte an die lebensgefährlichen Verletzungen, die der 24-Jährige davontrug. „Die Beeinträchtigungen sind nicht zu beheben.“

Anwalt Jens Gunner Cordes vertrat das Opfer. Sein Mandant lag drei Wochen im künstlichen Koma. Wegen des Schädelbruchs, einer Hirnschwellung und Blutungen musste die Schädeldecke geöffnet werden später wurde eine Titanplatte implantiert.

Opfer-Anwalt will Schmerzensgeld einklagen

Der Anwalt kündigte zivilrechtliche Forderungen an: Das Opfer werde von den beiden Angeklagten Schmerzensgeld und Schadenersatz einfordern. Cordes sah keine Mordmerkmale, sondern forderte eine Verurteilung wegen versuchten Totschlags und schwerer Körperverletzung. Die Strafe solle „keinesfalls“ unter der des ersten Prozesses, also viereinhalb Jahren Haft, liegen.
Anwalt Florian Beisenbusch, Verteidiger des Kasseler Angeklagten, sprach von einer „wechselseitigen Schlägerei“ und verwies auf die widersprüchlichen Angaben der Zeugen. Sein Mandant habe nicht gegen den Kopf, sondern gegen den Oberkörper des am Boden liegenden Opfers getreten.

Verteidiger sieht keinen „Vernichtungswillen“

„Niemand hat den Tritt gegen den Kopf gesehen“, sagte er. Eine Tötungsabsicht könne nicht festgestellt werden. „Die Tat war spontan, im Affekt.“ Es sei nicht ausgeschlossen, dass die kognitiven Einschränkungen des Opfers – der 24-Jährige ist nur noch wenig belastbar und schnell reizbar – auf den zeitweise hohen Cannabis-Konsum zurückzuführen seien. Er plädierte, seinen Mandanten zu einer Jugendhaft von zwei Jahren und acht Monaten zu verurteilen.

Ähnlich argumentierte Thomas Wings, der wie Beisenbusch dem Verein „Königsblaue Hilfe“ angehört, der in Not geratene Schalke-Fans unterstützt. Er schloss den „absoluten Vernichtungswillen“ aus, den das Gericht im ersten Prozess gesehen hatte. Auch er verwies auf die unterschiedlichen Zeugenaussagen: „Es stimmte manchmal hinten und vorne nicht.“ Es habe keinen Tatplan gegeben und es sei nicht darum gegangen, gegnerische Fans „zu vernichten“. Wings forderte für den ­Hohenahrer eine Strafe von zwei bis zweieinhalb Jahren, Pflichtverteidiger Christopher Haas plädierte für zwei Jahre.

Nach Jugendstrafrecht könnte Haft beendet sein

Die Kammer gehe zwar davon aus, dass ein Tritt den am Boden Liegenden am Kopf traf, sagte Richter Herzog in der Urteilsbegründung. Aber: „Die Kammer geht nicht von einem Tötungsvorsatz aus.“ Er folgte ­damit dem Bundesgerichtshof. Für die bleibenden Schäden des Angeklagten hält die Kammer die beiden Täter verantwortlich, nicht den Cannabis-Konsum.

Die beiden jungen Männer fielen noch im Gerichtssaal ihren Eltern und Verwandten in die Arme und durften mit ihnen nach Hause fahren. Dass sie den Rest der Strafe absitzen müssen, ist aufgrund ihrer positiven Sozialprognosen unwahrscheinlich – im Jugendstrafrecht sind Entlassungen nach dem Verbüßen der Hälfte der Strafe nicht unüblich.

von Mark Adel