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Hinterland Er ist jetzt ein anderer Mensch
Landkreis Hinterland Er ist jetzt ein anderer Mensch
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18:33 14.10.2019
Im Revisionsprozess um eine Attacke während des Kirschenmarkts 2017 hat die Ex-Freundin des Opfers ausgesagt. Das Archivfoto aus dem ersten Prozess zeigt einen der Angeklagten beim Betreten des Gerichtssaals in Begleitung seiner Verteidiger. Quelle: Nadine Weigel/Archiv
Marburg

Die 23-Jährige erinnert sich noch recht genau an den jungen Mann, in den sie sich im September 2016 verliebte.

„Er war nett und zuvorkommend und hat viel gelacht“, sagt die Zeugin.

Nachdem der mittlerweile 24-Jährige aus der Reha in die gemeinsame Wohnung zurückkam, merkte seine Partnerin jedoch schnell, dass sie es mit einem anderen Menschen zu tun hat.

Die geistige Leistungsfähigkeit des Geschädigten, der in dem Revisionsprozess als Nebenkläger auftritt, habe sich verändert. „Er hatte starke Probleme mit dem Sprechen und hat auch einfache Fragen oder Aufgaben wie die Spülmaschine einzuräumen nicht mehr richtig hinbekommen“, berichtete die 23-Jährige.

„Es hat sehr oft Streit wegen gegeben“

Im Herbst des vergangenen­ Jahres brachte die Frau ein Kind zur Welt. Allerdings trennte sie sich im September von ihrem Partner und zog nach Nordrhein-Westfalen. Das habe vor allem daran gelegen, dass der 24-Jährige nach seiner Rückkehr aus dem Krankenhaus leicht reizbar gewesen sei.

„Es hat sehr oft Streit wegen Kleinigkeiten gegeben. Kritik war bei ihm ganz schwierig“, meinte die Frau. Das sei vorher nicht der Fall gewesen. Alle zwei Wochen habe sie Kontakt mit dem Kindesvater – allerdings mittlerweile auch nur noch widerwillig. „Er ist aufgrund seines Verhaltens ein schlechter Umgang für meinen Sohn“, meint sie.

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Der sachverständige Rechtsmediziner befasste sich nicht mit den mittel- und langfristigen Folgen der Verletzungen.

Der Geschädigte trug im Zuge der Prügelattacke zweier Personen eine Schädelfraktur sowie Hirnblutungen davon.

Tritte und Schläge soll er kassiert haben. Laut Anklageschrift soll der letzte gesetzte Schlag den 24-Jährigen zu Fall gebracht haben, sodass er mit dem Kopf auf den Asphalt knallte. Eine Zeugin berichtete, dass der Mann dort „krampfend“ und „zitternd“ ­liegen geblieben sei.

Mediziner vermutet Tritt oder Schlag

„Natürlich kann so ein Aufprall eine Schädelfraktur nach sich ziehen, aber das Verletzungsbild passt nicht zu dieser Ursache“, sagte der Rechtsmediziner. Auch für Laien verständlich erklärte er anhand ­eines mitgebrachten Schädelmodells: Der Geschädigte sei mit der rechten Kopfseite aufgeschlagen.

Wäre die Fraktur von diesem Aufprall, hätte das Gehirn auf der Gegenseite auffällige Verletzungen durch die wuchtige „Hin-und-Her-Bewegung“ aufweisen müssen. „Da war aber nichts“, stellte der Mediziner fest und führte weiter aus: „Die Art der Verletzung passt zu einem Tritt oder einem Schlag mit einem Gegenstand, ein Schlagring zum Beispiel.“

„Tut mir leid, das ist einfach zu lange her“

Eine Zeugin, die zum Tathergang in der Nacht des 2. Juli 2017 auf dem Kirschenmarkt befragt wurde, konnte sich an kaum etwas erinnern. Auch als der Vorsitzende Richter Dr. Marco Herzog sowie die übrigen Prozessbeteiligten der 20-Jährigen vorhielten, was sie bei ihrer polizeilichen Vernehmung sagte, überlegte die junge Frau kurz und schüttelte dann mit dem Kopf:

„Ich kann es nicht genau sagen. Tut mir leid, das ist einfach zu lange her.“ Diesen und inhaltsgleiche Sätze sagte sie ein halbes Dutzend Mal. Bereits an den vorherigen Verhandlungstagen gestalteten sich die Zeugenvernehmungen aufgrund der seit dem Tattag verstrichenen Zeit schleppend und schwierig.

Der Prozess wird am Dienstag, 15. Oktober, ab 9 Uhr am Marburger Landgericht mit den Plädoyers fortgesetzt. Auch werden die Urteile erwartet.

von Benjamin Kaiser