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Hinterland Brandstifter steht erneut vor Gericht
Landkreis Hinterland Brandstifter steht erneut vor Gericht
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15:58 15.02.2021
Fünf brennende Autos löschte die Feuerwehr vor dem Kreis-Job-Center in Biedenkopf am 24. September 2018. Nach geglückter Revision vor dem Bundesgerichtshof steht der Täter erneut vor dem Landgericht.
Fünf brennende Autos löschte die Feuerwehr vor dem Kreis-Job-Center in Biedenkopf am 24. September 2018. Nach geglückter Revision vor dem Bundesgerichtshof steht der Täter erneut vor dem Landgericht. Quelle: Foto: Nadine Weigel
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Marburg

Seit Freitag steht ein mittlerweile 24-jähriger Biedenkopfer erneut vor dem Marburger Landgericht. Dort fällt die 6. Große Strafkammer unter dem Vorsitz des Landgerichtspräsidenten Dr. Frank Oehm kein erneutes Urteil über die festgestellten Taten des in der Justizvollzugsanstalt Kassel einsitzenden Mannes, vielmehr geht es um das Verhindern der weiteren Unterbringung des Mannes in einer psychiatrischen Einrichtung.

Dies ist das erklärte Ziel von Rechtsanwältin Vanessa Roth, die schon mit ihrer Revision beim Bundesgerichtshof einen Teilerfolg erzielte. Das oberste Gericht hob das Urteil des Landgerichts Marburg vom 29. Mai 2019 in Teilen auf und verwies es zur erneuten Verhandlung vor einer anderen Strafkammer nach Marburg zurück.

Damals ging es um eine Reihe Straftaten, die Mitte 2017 begannen und festgestellt sind. Der Angeklagte würgte im Streit mehrmals seine Mutter, bedrohte seinen Großvater mit dem Tode, damit dieser ihm mindestens 5000 Euro gab, beleidigte Polizisten, drohte auch diesen, sie zu töten, und fiel neben diesen Taten im privaten Bereich öffentlich dadurch auf, dass er vor der Außenstelle des Kreis-Job-Centers im ehemaligen Biedenkopfer Landratsamt am helllichten Tag fünf Autos der Marken Fiat, Ford und Opel in Brand steckte (die OP berichtete). Einzig der Vorwurf, beim Randalieren in einer Obdachlosenunterkunft einen Schaden in Höhe von 3500 Euro angerichtet zu haben, entfiel.

Aufgrund der Vorgaben des Bundesgerichtshofes beschränkte sich Richter Oehm darauf, die Zeugen zum psychischen Zustand des Angeklagten zu befragen. Der Vorsitzende Richter des fünfköpfigen Gremiums und auch eine psychiatrische Sachverständige befragten am Freitagvormittag vier Polizisten und den Großvater des Angeklagten. Die an den Festnahmen beteiligten Polizisten beschrieben fast alle den Angeklagten so, als mache er einen ruhigen Eindruck. „Man konnte relativ gut mit ihm reden“, sagte einer.

Der Schaden summierte sich auf 70 000 Euro

Allerdings wandelte sich der Zustand relativ schnell, der Angeklagte sei zunehmend aggressiver geworden, sodass vier Polizisten ihn bändigen mussten, beleidigte und bedrohte die Mutter sowie Polizisten. „Als ob ein Schalter bei ihm umgelegt war“, beschrieb einer der Polizisten seine Wahrnehmung. Da der Festgenommene auch äußerte, sich das Leben nehmen zu wollen, verfügte ein Richter die Einweisung in die psychiatrische Klinik am Ortenberg. Dort verweigerte der diensthabende Arzt, laut einem der begleitenden Polizisten, erst die Aufnahme, weil es „ein Fall für Haina“ sei.

Einzig der Ermittler der Kriminalpolizei sprach von einer Vernehmung ohne Auffälligkeiten, die nach einer telefonischen Terminvereinbarung erfolgte. Dabei ging es um die auf einen Anrufbeantworter gesprochenen Drohungen gegen seinen Großvater. Dieser berichtete von einer schwierigen Kindheit des Angeklagten. Die Mutter habe ihn für sich allein haben wollen und von allem ferngehalten. Als Folge griffen andere Kinder und Jugendliche den Sonderling an, bis er schließlich selbst ein aggressives Verhalten an den Tag legte. Vorhergehende Gespräche mit der Mutter hätten ebenso wenig gefruchtet, wie später mit dem Neffen.

Den Wortlaut der Aufzeichnung auf dem Anrufbeantworter trug Richter Oehm vor. Darauf ist zu hören, wie der Angeklagte von seinem Großvater im September 2017 mindestens fünftausend Euro forderte, andernfalls werde er ihn töten, auch wenn er dafür drei Jahre ins Gefängnis müsse. Laut der Anklage von Staatsanwältin Lena Löwer würgte er zuvor im selben Jahr seine Mutter zweimal am Hals. Außerdem drohte er, sie zu töten. Auslöser für den heftigen Streit mit seiner Mutter war offenbar, dass er nach Bremen ziehen wollte, um ein neues Leben zu beginnen, und sie sich in seine Angelegenheiten mische.

Als er sich in einer ausweglosen Lage wähnte, beschloss er eine Tat zu begehen, um ins Gefängnis zu kommen, dort eine Ausbildung zu absolvieren und so für ein neues Leben bereit zu sein. Als er am 24. September 2018 im Kreis-Job-Center in Biedenkopf bei einer Angestellten trotz Hausverbot einen Scheck über 45 Euro Sozialleistungen abholte, drohte er, ein Verbrechen zu begehen, was er später auch tat.

Der damals 22-Jährige löste den Scheck ein, aß einen Döner, kaufte Süßigkeiten, danach Brandbeschleuniger, ein Feuerzeug und ein Küchenmesser. Zurück am ehemaligen Landratsamt schüttete er den Brandbeschleuniger in die Kühlschlitze von fünf Autos und zündete diesen an. Die Fahrzeuge gingen in Flammen auf, der Schaden summiert sich auf 70 000 Euro. Der Hausmeister und ein Kreisangestellter verfolgten den Angeklagten, der sie mit Drohungen durch das Messer auf Abstand hielt. Schließlich nahmen ihn Polizisten kurze Zeit später am Bahnhof fest.

Die Verhandlung wird am Donnerstag, 18. Februar, um 9 Uhr im Saal 101 des Landgerichts fortgesetzt.

Von Gianfranco Fain