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Hinterland Roger Michel fuhr mit dem Rad nach Hongkong
Landkreis Hinterland Roger Michel fuhr mit dem Rad nach Hongkong
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00:17 02.02.2019
Roger Michel auf dem Weg nach Bisotun im Westen des Irans. Quelle: Roger Michel
Wiesenbach

Ein gutes halbes Jahr war Roger Michel mit dem Fahrrad unterwegs. Der gebürtige­ Wiesenbacher fuhr von Hofheim nach Hongkong: 12 200 Kilometer, 140 000 Höhenmeter, 112 Tage im Sattel, rund 2 Millionen Pedalumdrehungen, heißt es in seiner Statistik. Durch zwölf mehr oder weniger fremde Länder und acht Zeitzonen führte ihn sein Abenteuer: Österreich, Slowakei, Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Türkei, Iran, Turkmenistan, Usbekistan, Tadschikistan, Kirgisistan und schließlich China.

„Ich habe vor vielen Jahren ­eine Rucksacktour durch China­ gemacht und war von der Landschaft so begeistert, dass ich mir vorgenommen habe, noch einmal dorthin zu reisen“, sagt der 56-Jährige. Ein Todesfall in seinem Umfeld habe ihm dann vor ­Augen geführt, dass man solche Dinge besser nicht aufschiebt.

Was zunächst als Spinnerei­ ­begann, wurde zunehmend konkreter. Spätestens, als er seinen Chef nach einigem Verhandeln davon überzeugt hatte, dass er ein halbes bis Dreivierteljahr unbezahlten Urlaub nehmen möchte, wurde es ernst. „Das war für mich ein sehr befreiender Moment.“

Unterwegs in Richtung des tibetischen Deqen traf der Radreisende dieses Trio vor einer beeindruckenden Kulisse. Quelle: Roger Michel

Nach insgesamt rund zwei Jahren Vorlaufszeit ging es dann los. „Der Abschied war für mich wie ein Sprung vom Zehn-­Meter-Brett, bei dem ich nicht wusste, wie ich unten ankommen würde. Es war ein bewegendes Wochenende.“ Sein Reiserad hat er mit vier Packtaschen und zwischen 25 bis 30 Kilogramm Gepäck beladen, das aus Platz- und Gewichtsgründen eher minimalistisch ausfallen musste. Mit dabei ­unter anderem Werkzeug, Erste-Hilfe-Set, etliche Visa, Karten, Kochgeschirr und ein Zelt.

Bewusst habe er sich dafür entschieden, den größten Teil der Strecke alleine zu reisen. „Das war die beste Idee, so konnte ich alles ganz nach meinen Vorstellungen machen.“ Außerdem kam er dadurch unterwegs mit vielen Menschen in Kontakt. Beeindruckt hat ihn die scheinbar „unendliche Gastfreundschaft“ in den muslimisch geprägten Ländern. Wo er auch hinkam, wurde er eingeladen: zum Tee, zum Essen, zur Übernachtung. Besonders schwärmt Michel vom Iran, nicht nur wegen der beeindruckenden Landschaft.

„Man kommt als völlig Fremder, taucht überraschend auf und die Menschen teilen alles mit einem.“ Er war zur Zeit des Fastenmonats Ramadan im Iran unterwegs, sein Sohn begleitete ihn für sechs Wochen. „Die Leute haben trotzdem am Tag für uns gekocht und selbst nichts gegessen. Ich finde das steht wie ein Bild dafür, was Gastfreundschaft dort bedeutet.“ Einmal hat eine Familie sogar extra Freunde aus der Nachbarstadt herbeigerufen, damit sie den Gast kennenlernen. Die Menschen dort habe er als vorbehaltlos offen und interessiert kennengelernt. Um sich leichter verständigen zu können, hatte er Fotos von Familie, Freunden und Heimat dabei.

Eindrücke vom Yulong-Fluss in China. Quelle: Roger Michel

„Den Iran habe ich nicht als sonderlich repressiv wahrgenommen, es gab keine Probleme mit der Polizei oder gar der Religionspolizei.“ In Usbekistan oder Tadschikistan nehme man jedoch durchaus wahr, dass man sich in einem autoritären Staat bewegt. Auch die die Folgen großer Korruption seien deutlich zu sehen. Wieder anders war es in China. Dort gebe es lückenlose Videoüberwachung mit Gesichtserkennung. „Ich hatte im Vorfeld viele­ Bedenken, vor Tieren, dem Verkehr, Lkw. Unterwegs gab es jedoch tatsächlich keine Situation, in der ich Angst hatte.“

Und bis auf eine Ausnahme habe es auch keinen Zeitpunkt gegeben, zu dem er die Reise hätte­ abbrechen wollen: „Ich hatte mich nach dem Besuch meiner Familie in Istanbul gerade verabschiedet und bin in den strömenden Regen aufgebrochen.“ Dann kippte das Rad um, ein Bremshebel brach ab, die Radtaschen rissen aus. „In dem Moment hätte ich mich in den Flieger nach Hause gesetzt. Aber nach ein bis zwei Tagen auf dem Rad war alles wieder gut.“ In das Flugzeug nach Hause setzte er sich dann erst im Oktober, wie geplant in Hongkong. Dass hinter dem Steuer ein befreundeter Pilot saß, ist nur eines der unzähligen Details einer abenteuerlichen Reise, von der Michel viele Eindrücke mitnahm, die er erst einmal sacken lassen musste, wie er sagt.

Der Abstand zum Leben in Deutschland habe ihm einen Perspektivwechsel ermöglicht: „Zu unserem Konsumverhalten, zum Umgang miteinander. Zu der Aufgeregtheit, mit der wir meinen, unser Leben planen zu müssen. Und zur Mobilität.“ Es komme ihm krank vor, dass die Ballungsräume vor Verkehr ersticken, aber die Menschen keinen anderen Weg wählen, selbst die kürzesten Wege mit dem Auto erledigen. „Ich bin am Tag 120 bis 180 Kilometer Rad gefahren. Da erscheint es mir fast albern, mich für 20 Kilometer ins ­Auto zu setzen.“ Mittlerweile vermeide er das Autofahren, so gut es geht. Und er versucht, viele Dinge entspannter anzugehen, eine weitere Lehre aus der Reise. „Inschallah, so Gott will. Das ist viel geschickter.“

In Tadschikistan begleitete ihn der Spanier Miguel. Foto: Roger Michel Quelle: Roger Michel

Für jeden Kilometer auf dem Rad hat Michel Spenden für drei im Rhein-Main-Gebiet ansässige Hilfsorganisationen gesammelt, mittlerweile rund 13 000 Euro. „Weil ich etwas so Tolles erleben durfte, dann wollte ich auch etwas zurückgeben und die Organisationen in ihrer tollen Arbeit unterstützen.“

Der Vortrag, veranstaltet von BIDKultur und der Breidenbacher Fördergemeinschaft Kultur, beginnt am 1. Februar ab 19.30 Uhr im Bürgerhaus in Breidenbach. Der Eintritt ist frei, es werden Spenden für lokale Hilfsorganisationen gesammelt. Michel hat während seiner Reise gebloggt und viele Fotos veröffentlicht.

von Philipp Lauer