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Hinterland Mahnmal gegen das Vergessen
Landkreis Hinterland Mahnmal gegen das Vergessen
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13:57 28.10.2020
Vor dem Regionalmuseum in Weidenhausen soll ein Gedenken an den ermordeten britischen Soldaten John Scott ein Stolperstein verlegt werden. Der Heimatverein muss derweil wohl 30.000 Euro in die Hand nehmen, um die marode Außenwand des Museums restaurieren zu können. Quelle: Michael Tietz
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Weidenhausen

Für eine Kultur der Erinnerung will der Heimatverein Weidenhausen sorgen. Dazu soll vor dem Regionalmuseum ein erster Stolperstein verlegt werden – zum Gedenken an John Scott. Der britische Soldat war im Dezember 1944 in Weidenhausen getötet worden.

Der Ortsbeirat unterstützt die Initiative und macht sich zudem dafür stark, dass eine Straße im Neubaugebiet nach Scott benannt wird. „Wir könnten mit einem Stolperstein in Weidenhausen ein Zeichen setzen – für alle, die im Krieg ihr Leben verloren haben“, erklärte Anne Schepp vom Heimatverein. Sie stellte in der Sitzung des Ortsbeirats die geplante Aktion vor.

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Stolpersteine sind stille Mahnmale gegen das Vergessen. Das Projekt rief der Bildhauer Gunter Demnig 1992 ins Leben. Mit im Boden verlegten kleinen Gedenktafeln aus Messing soll an das Schicksal der Menschen erinnert werden, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden. Mehr als 75.000 Stolpersteine gibt es mittlerweile in 25 europäischen Ländern. Sie gelten als das größte dezentrale Mahnmal der Welt.

Schepp: Wollen aus Unrecht lernen

„Der junge Soldat John Scott ist in unserem Ort auf schreckliche Weise zum Ende des Krieges getötet worden“, sagte Anne Schepp. Der 24-jährige war Bordmechaniker einer Lancaster-Maschine, die am 6. Dezember 1944 an dem Luftangriff auf Gießen teilnahm. Auf dem Rückflug schoss ein deutscher Nachtjäger das Flugzeug nahe Erdhausen ab. Scott konnte sich mit dem Fallschirm retten.

Einen Tag später wurde er bei Wommelshausen aufgegriffen und in der Gemeindezelle in Weidenhausen eingesperrt. Ein Polizist tötete ihn dann in einem kleinen Waldstück neben dem Friedhof. Später wurde die Leiche exhumiert und auf dem „Englischen Friedhof“ bei Hannover beigesetzt.

„Mit dem Stolperstein setzen wir ein Zeichen dafür, dass wir dieses Unrecht bedauern und wir daraus lernen wollen“, betonte Anne Schepp. Der kleine Gedenkstein soll – so die Idee des Heimatvereins – in den Bürgersteig vor dem Regionalmuseum eingesetzt werden. Hier führte Scotts letzter Weg vorbei. Einen Termin für die Verlegung des Stolpersteins stimmt der Heimatverein mit dem Team von Gunter Demnig ab. Der in Alsfeld lebende Künstler wird dann auch nach Weidenhausen kommen. Die Kosten für seine Übernachtung will der Ortsbeirat übernehmen.

Neue Straße könnte an Ermordeten erinnern

„Eine gute Idee, die ich vollumfänglich unterstütze“, betonte Ortsbeiratsmitglied Siegmar Dannat. Der Stolperstein sei ein ehrendes Andenken an die Verstorbenen und gleichzeitig eine Mahnung für den Frieden. Dannat regte an, im Sinne der europäischen Völkerverständigung auch Kontakt zur Familie des jungen Soldaten oder zu dem Ort aufzunehmen, in dem John Scott einst lebte. Der Heimatverein will diese Idee aufgreifen.

Einstimmig hatte sich der Ortsbeirat bereits in seiner vorherigen Sitzung dafür ausgesprochen, eine Straße im Neubaugebiet „Im oberen Haumbach“ nach John Scott zu benennen. Diese könnte John-Scott-Siedlung, -Weg oder -Ring heißen. Eine weitere neue Straße könnte den Namen des langjährigen Weidenhäuser Bürgermeisters Philipp Scheld tragen. Das Gladenbacher Stadtparlament muss den Vorschlägen allerdings noch zustimmen.

Dem Verein fehlen Einnahmen durch Besucher

Große Sorgen bereitet dem Heimatverein die Zukunft des Regionalmuseums. Das machten Anne Schepp und Helmut Wild während der Sitzung des Ortsbeirats ebenfalls deutlich.

Wegen der Corona-Pandemie sind dem Heimatverein wichtige Einnahmequellen weggebrochen. Große Veranstaltungen wie das alle zwei Jahre stattfindende Sauplasterfest oder das Suppenfest sowie geplante Kunstausstellungen mussten abgesagt werden. „Allein mit unseren Mitgliedsbeiträgen können wir das Museum nicht betreiben“, erklärte Anne Schepp. Die Fixkosten (Gas, Wasser, Strom, Versicherung, Müllabfuhr) seien beträchtlich.

Der Heimatverein stottert außerdem jährlich mit rund 3.500 Euro das Darlehen für das Gebäude an die Stadt ab. Diese Zahlung wird nach einem Magistratsbeschluss nun zumindest für ein Jahr ausgesetzt. Die größte finanzielle Belastung stellt im Moment die fällige Sanierung der Außenfassade des Museums dar.

Morsche Balken müssen ausgetauscht werden

Dort bröckelte nicht nur der Putz ab, auch das Fachwerk ist beschädigt. Der Heimatverein stimmt derzeit das weitere Vorgehen mit der Denkmalschutzbehörde ab. Nach einer ersten Schätzung schlägt der Austausch der Balken laut Helmut Wild mit rund 30.000 Euro zu Buche. Einen Großteil der Kosten würde der Förderkreis übernehmen.

„Sollten auch im nächsten Jahr keine großen Veranstaltungen möglich sein, wird es schwierig, den Betrieb eines so großen Gebäudes aufrecht zu erhalten“, sagte Anne Schepp. Das Regionalmuseum sei eine „wichtige Einrichtung für unseren Ort“, ein großes Stück Identität würde verloren gehen. Deshalb sucht der Heimatverein nach neuen Wegen, um zusätzliche Einnahmen erzielen zu können.

„Der Ortsbeirat wird euch weiterhin unterstützen, so gut wir es können“, betonte Ortsvorsteher Markus Wege. Einstimmig sprach sich das Gremium dafür aus, dem Heimatverein 1.000 Euro aus der Ehrenamtspauschale zukommen zu lassen.

Von Michael Tietz

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