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Hinterland Weihnachtssingen sorgt für Protest
Landkreis Hinterland Weihnachtssingen sorgt für Protest
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17:49 26.12.2021
Deutlich sichtbar gegen Nazis und für ein buntes Gladenbach positionierten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Gegenbewegung am Samstagabend auf dem Marktplatz.
Deutlich sichtbar gegen Nazis und für ein buntes Gladenbach positionierten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Gegenbewegung am Samstagabend auf dem Marktplatz. Quelle: Foto: Ina Tannert
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Gladenbach

Trotz Minusgraden, Pandemie und sicher ganz anderen Weihnachtsplänen zog es am ersten Weihnachtsfeiertag zahlreiche Bewohner aus Gladenbach zum Marktplatz, um friedlich Stellung gegen Rassismus und Rechtsradikalismus zu beziehen. Die Versammlung war eine Reaktion auf die zuvor angekündigte Aktion des als rechtsradikal geltenden Gladenbachers Manuel Mann, der zu einem Weihnachtssingen eingeladen hatte.

Mann war vor Jahren in der Stadt und im Landkreis insbesondere als Organisator von Neonazi-Demonstrationen bekannt, trat im Jahr 2009 als parteiloser Bewerber für die NPD zur Bundestagswahl an und wurde im letzten Jahr mit der Querdenker-Szene in Verbindung gebracht.

Die Vergangenheit des Organisators, vor allem aber die ursprünglich geplante Route der Weihnachtssänger sorgte für Gegenwind: Diese sollte erst an der ehemaligen Synagoge mit dem dortigen Gedenkstein für die Gladenbacher Juden in der Burgstraße vorbeiführen. Dagegen stellten sich mehrere Bewohner, kritisierten die genehmigte Strecke und riefen im Vorfeld zu der Gegenaktion auf.

Darunter Gregor Hofmeyer, Stadtverordneter der Grünen: Man wolle gemeinsam, wie bereits in der Vergangenheit in Gladenbach geschehen, ein Zeichen gegen rechts setzen, „die Zivilgesellschaft hat sich in den vergangenen Jahren schon mehrfach erfolgreich gegen aufkeimendes braunes Gedankengut behauptet und starke Zeichen gesetzt“, betonte Hofmeyer.

Auch die SPD Gladenbach rief zur Teilnahme an der Gegenaktion auf, um gemeinsam Position zu beziehen, „für ein tolerantes und solidarisches Gladenbach, was für gegenseitigen Respekt und Akzeptanz steht“. Die Idee, vor der Gedenkstätte zu singen, sei angesichts des Hintergrunds des Organisators „besonders bedenklich“.

So sah das auch Ralf A. Becker aus Gladenbach, ehemaliger Bürgermeister von Alsfeld, der die Aktion als „unsäglichen Aufmarsch“ kritisierte – gerade an einem christlichen Feiertag sei das „eine Verhöhnung der Opfer des Holocaust, wie man sich dies kaum schlimmer vorstellen kann“.

Die Resonanz aus der Stadt war groß, ab halb sechs am Abend standen sich die beiden Gruppen auf dem Marktplatz gegenüber – etwa 35 Weihnachtssänger und 120 Teilnehmer der Anti-rechts-Bewegung. Das Bündnis aus verschiedenen Akteuren brachte Kerzen, Laternen und Plakate mit – „No Xmas 4 Nazis“, stand auf einem. Beide Seiten wurden von Polizeibeamten getrennt, die mitten auf dem Marktplatz eine Linie bildeten. Auch das Ordnungsamt begleitete die angemeldete Aktion. Es blieb friedlich, für Entspannung sorgte schon vor Beginn der Aktion die Nachricht, dass Organisator Manuel Mann die Streckenführung wieder geändert hatte, die Route führte nicht mehr am Gedenkstein vorbei. Diese Entscheidung traf er selber, nachdem es zur Ankündigung für Gegenprotest gekommen war, sagte Mann auf Nachfrage: „Das ist nichts Politisches, und ich will hier auch nicht provozieren, wir wollen nur zusammen Weihnachtslieder singen“, betonte er. Während die einen am Brunnenplatz sangen, zeigte die Gegenbewegung über eine Stunde lang still Präsenz. „Wir wollen das so nicht hinnehmen und zeigen, dass Gladenbach bunt ist“, betonte eine Teilnehmerin. Das bekräftigte auch Hofmeyer, der hervorhob, dass er und seine Mitstreiter nicht gegen das Weihnachtssingen generell protestierten, „ich schiebe die Leute auch ganz sicher nicht alle in die rechte Ecke“. Man sei dennoch vorsichtig, gerade angesichts der Protestaktionen von rechts vor einigen Jahren.

Politische Reden gab es von keiner Seite, auch nicht während des Spaziergangs der Weihnachtssänger durch die Innenstadt, über den Rathausparkplatz, die Ringstraße und Teile der Burgstraße, wo an verschiedenen Punkten weiter gesungen wurde. Gegen halb acht gingen die Teilnehmer friedlich auseinander.

Von Ina Tannert