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Hinterland Prozessauftakt zu Messerstecherei
Landkreis Hinterland Prozessauftakt zu Messerstecherei
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08:58 17.04.2020
Blick in die Fressgasse des Gladenbacher Kirschenmarktes. Vor dem Landgericht Marburg geht es um Gewalttaten, die unter anderem vergangenes Jahr im Festzelt passiert waren. Quelle: Benedikt Bernshausen / Archiv
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Marburg

Seit Donnerstag, 16. April, muss sich ein 22-Jähriger vor dem Landgericht in Marburg wegen mehrerer Taten verantworten, unter anderem werden ihm sexueller Missbrauch und versuchter Totschlag vorgeworfen.

Wegen einer vermuteten Erwähnung von intimen Details aus dem Leben des Angeklagten beantragte Pflichtverteidiger Alexander Hauer den Ausschluss der Öffentlichkeit, was das Gericht ablehnte. Somit konnte Staatsanwalt Timo Ide die Anklage verlesen.

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Es geht um eine körperliche Misshandlung, die der Angeklagte noch als Heranwachsender mit einem anderen Angeklagten in der Nacht zum 1. Januar des vorigen Jahres auf dem Westring des Gladenbacher Stadtteils Weidenhausen ausgeübt haben soll.

Opfer soll geschlafen haben

Dabei habe der zweite Beschuldigte das Opfer festgehalten, während der Angeklagte ihm mehrere Kopfstöße verpasst haben soll. Am Boden liegend sei das Opfer noch mehrmals getreten worden, sodass es ein Schädel-Hirn-Trauma sowie einen Bruch an der Nase erlitt.

Des Weiteren wird dem Angeklagten vorgeworfen, am 26. Dezember 2018 in einem Bad Endbacher Ortsteil nach einer Feier eine auf seiner Couch schlafende Frau teilweise entkleidet zu haben.

Beim Versuch, mit seinem Geschlechtsteil in sie einzudringen, sei diese aufgewacht, habe sich dem Ansinnen widersetzt und körperlich auch entzogen. Nach weiteren Annäherungsversuchen und Abwehrhandlungen habe der Angeklagte schließlich von ihr abgelassen.

Ort des versuchen Totschlags, um dem es am ersten Verhandlungstag hauptsächlich ging, war das Festzelt des Kirschenmarktes 2019.

Anklage: Besucher hielten Angreifer zurück

Darin kam es laut Staatsanwalt Ide am 6. Juli gegen 3.30 Uhr zu einer Schlägerei zwischen zwei Gruppen, in deren Verlauf der Angeklagte seinem Opfer einen Kopfstoß sowie einen Faustschlag versetzte, ein Messer mit einer bis zu zwei Zentimeter breiten Klinge zog und dem Opfer in die Wange stach.

Dabei, so Ide, habe der Angeklagte den Tod des Kontrahenten „billigend in Kauf genommen“. Als das Opfer zu Boden sank, hätten Festzeltbesucher den Angeklagten davon abgehalten, weitere Attacken zu führen.

Anschließend beschrieb der Geschädigte den Ablauf so: Mit seiner Freundesgruppe befand er sich seit etwa 23 Uhr auf dem Fest, hatte bis dahin 10 bis 15 Apfelwein-Cola getrunken und begab sich zum Tanzen auf die Bühne des Festzeltes.

Entschuldigung für Beleidigungen

Als sie mit einem Bekannten rumalberten, sei zuerst dieser und anschließend er von Mitgliedern einer anderen Gruppe angesprochen worden, ob sie „Stress machen würden“. Trotz Verneinens habe er eine Kopfnuss und einen Schlag erhalten und sei erst wieder blutend auf dem Boden liegend aufgewacht.

Auf Nachfrage des Vorsitzenden Richters Gernot Christ erklärte der 22-Jährige, dass die Kopfnuss gleich nach der Frage kam und er sich nur erinnern könne, dass der Kontrahent kurze blonde Haare hatte, ein weißes T-Shirt trug und etwas kleiner als er war.

Der Koch erklärte, zu überrascht zum Reagieren gewesen zu sein und beim Verlassen des Zeltes Beleidigungen ausgesprochen zu haben, die ihm leid täten. Er bedauere es, dass sich nach dem Ereignis niemand bei ihm gemeldet oder entschuldigt habe.

Angeklagter äußert sich nicht

Der in einem Marburger Stadtteil lebende Koch erklärte, nicht gesehen zu haben, wie es seinem Freund erging. Dieser bestätigte als Zeuge die Schilderung des 22-Jährigen, berichtete noch, wie die Hand des Angeklagten aus der hinteren Hosentasche „etwas wie ein Messer, etwa so lang wie ein Bleistift“, zog und damit in Richtung des Freundes stach. Nachdem sein Freund am Boden lag, kamen Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes sowie Polizisten und beendeten die Auseinandersetzung.

Während der 22-jährige Angeklagte sich am ersten Verhandlungstag nicht zu den Vorwürfen äußerte, sagte der ihn an dem Abend begleitende „beste Freund“ als Zeuge aus. Der ebenfalls 22-Jährige beschrieb seinen Freund als „ganz lieben Menschen“, der allerdings unter Alkoholeinfluss „leicht aggressiv“ werde, allerdings nur bei Provokationen.

Zeuge: Kopfnuss ja, aber kein Messer

Alkohol hätten sie an dem Tag schon nachmittags zum „Vorglühen“ getrunken, erst Mixgetränke, später auch Spirituosen. Wegen der Menge habe sein Freund im Festzelt bereits Ausfallerscheinungen gehabt, und als es zum Disput kam, der von der anderen Gruppe ausging, habe er schon gedacht: „Das könnte brenzlig werden.“

Sein Freund habe dem Geschädigten eine Kopfnuss verpasst, sagte der Zeuge, einen Schlag habe er jedoch nicht wahrgenommen, ebenso wenig ein Messer. Zwei weitere Zeugen hatten Erinnerungslücken oder das Geschehen zum Teil nicht gesehen.

Die Verhandlung wird am 23. April, um 9 Uhr in Raum 101 des Landgerichts fortgesetzt.

Von Gianfranco Fain

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