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Hinterland Mit 14 Jahren erstmals aktenkundig
Landkreis Hinterland Mit 14 Jahren erstmals aktenkundig
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15:27 16.07.2021
Am Biedenkopfer Bahnhof sollen zwei Männer im Mai 2020 den Fahrdienstleiter entführt haben – einer ist bereits verurteilt.
Am Biedenkopfer Bahnhof sollen zwei Männer im Mai 2020 den Fahrdienstleiter entführt haben – einer ist bereits verurteilt. Quelle: Adel
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Marburg

Sein Begleiter wurde schon verurteilt, nun muss sich der zweite Mann vor dem Landgericht verantworten, dem vorgeworfen wird, am Biedenkopfer Bahnhof den Fahrdienstleiter geschlagen und entführt zu haben. Was sich am Abend des 18. Mai 2020 zugetragen hat, liest sich wie ein Krimi.

Für das Opfer jedoch war die Tat bittere Realität, zumal sich sein Leben in jenen 45 Minuten verändert hat. Wegen der traumatischen Erfahrung sei er noch immer in psychologischer Behandlung, sagte der Bahn-Angestellte, der bereits im Januar vor Gericht von seinem Martyrium berichtet hatte (die OP berichtete).

Haftstrafe zur Bewährung ausgesetzt

Diese erste Verhandlung war mit einer Haftstrafe für einen der beiden Angeklagten ausgegangen, die zur Bewährung ausgesetzt wurde. Das Schöffengericht unter Vorsitz von Richter Marco Herzog hatte es als erwiesen angesehen, dass der heute 25-Jährige, gemeinsam mit einem Bekannten eine Hilfseinrichtung für junge Menschen in Buchenau verlassen und kurz darauf am Biedenkopfer Bahnhof den kaum älteren Fahrdienstleiter angegriffen hatte.

Während sein jüngerer Kumpan in der Anklageschrift als der aggressivere der beiden dargestellt wurde, kam ihm eine vergleichsweise passive Rolle zu. Die beiden Männer hatten den heute 28-Jährigen zunächst nach Drogen gefragt – eine Bitte, die dieser überrascht ablehnte.

Die Fahrt endet in Eckelshausen

Der Jüngere soll ihn daraufhin mehrfach geschlagen und gezwungen haben, ihm und seinem Begleiter im Stellwerk 400 Euro aus einem Tresor zu übergeben. Anschließend – im Fall des Älteren gilt das bereits als erwiesen – zwang das Duo den Bahnmitarbeiter, in seinem Auto gemeinsam nach Marburg zu fahren.

Die Fahrt endete jedoch bereits in Eckelshausen – dort nämlich gerieten Entführer, Angeklagter und Geschädigter in eine Verkehrskontrolle. Der Fahrdienstleiter machte die Polizisten auf seine Situation aufmerksam, und die beiden anderen Männer wurden festgenommen. Auch in der Polizeistation zeigte sich indes der Unterschied zwischen den beiden Verhafteten: Der jüngere verhielt sich laut Polizei sehr aggressiv und versuchte schließlich, über die Mauer zu türmen, was ihm jedoch nicht gelang.

Chance nicht genutzt

Die Prognose für den älteren der beiden klang vielversprechend: Er versprach, künftig Drogen und Alkohol fernzubleiben sowie seine Therapie fortzusetzen und eine Lehre aufzunehmen. Als dieser heute 25-Jährige nun als zweiter Zeuge im Saal 101 des Marburger Landgerichts aussagte, wurde allerdings klar, dass er seine Chance nicht genutzt hatte. Zum einen wurde er in Handschellen vorgeführt, weil er wegen eines weiteren Delikts unter Alkoholeinfluss nun doch einsitzt.

Zum anderen beschrieb er auf Nachfrage der Vorsitzenden Richterin Heike Schneider mehrere Schusswunden in Armen und Beinen, die er sich dem Vernehmen nach bei dieser Tat zugezogen hatte. Durch diese Verletzungen fiel es dem Zeugen sichtlich schwer, die Treppen zum Gerichtssaal zu bewältigen.

Aussagen wurden wiederholt

Das abgetrennte Verfahren gegen seinen als aggressiver und dominanter geltenden mutmaßlichen Komplizen begann also damit, dass die beiden wichtigsten Zeugen – das Opfer und der bereits Verurteilte – die strittigen Ereignisse weitgehend so schilderten, wie sie in der Anklageschrift dargestellt werden.

Auch die beiden beteiligten Polizeibeamten wiederholten im Prinzip ihre Aussagen aus der ersten Gerichtsverhandlung im Januar. Und sogar der Angeklagte selbst schilderte in einer schriftlichen Einlassung, die sein Verteidiger vorlas, die Geschehnisse bis auf Details identisch.

Es begann in einer Hilfseinrichtung

Zur vollständigen Geschichte gehört, dass der Angeklagte und der bereits Verurteilte sich in der Hilfseinrichtung kennengelernt hatten, zudem der Tablettenkonsum des bereits Verurteilten, aber auch dessen Ansinnen, den Geschädigten sicherheitshalber nicht mit seinem Begleiter allein zu lassen. Der Leiter des Hilfszentrums charakterisierte den 23-Jährigen, der aktuell wegen einer anderen Tat in der Justizvollzugsanstalt Freiburg inhaftiert ist, erneut als latent aggressiv – zumindest verbal.

Die Verlesung der Taten, die der Angeklagte bislang auf dem Kerbholz hat, nahm durchaus eine gewisse Zeit in Anspruch. Im Alter von 14 Jahren war er zum ersten Mal aktenkundig geworden. Es folgten eine Reihe von Jugendstrafen und schließlich erste Verurteilungen – unter anderem wegen gefährlicher Körperverletzung, Diebstahls, Betrugs, Hehlerei und Sachbeschädigung. Alkohol, Kokain und Amphetamine hatten dabei nicht selten eine Rolle gespielt, war den Protokollen zu entnehmen, aus denen Richterin Schneider zitierte.

Der Wissensstand

Gleich mehrfach wurde der erste Verhandlungstag unterbrochen: Der Verteidiger bat das eine oder andere Mal um eine Pause. Unter anderem gab er an, nicht den gleichen Wissensstand über die Hauptverhandlung zu haben wie Staatsanwaltschaft und Gericht.

Gegen den Sachverständigen stellte er einen Antrag wegen Befangenheit: „Schlafen Sie?“, fragte der Anwalt den Gutachter, worauf dieser antwortete: „Nein!“ „Was denn dann?“ „Ich hatte die Augen geschlossen.“ Dem schenkte der Verteidiger keinen Glauben und interpretierte dieses angebliche Fehlverhalten als Desinteresse am Verfahren und somit am Schicksal seines Mandanten. Dessen familiäre Hintergründe sollen am zweiten Prozesstag erörtert werden.

Von Markus Engelhardt