Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Hinterland Video belegt: Pflegerin schlägt Seniorin
Landkreis Hinterland Video belegt: Pflegerin schlägt Seniorin
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:00 03.09.2019
Symbolfoto: Weil eine Frau ihren pflegebedürftigen Schützling unangemessen behandelte, muss sie Strafe zahlen.  Quelle: Jens Kalaene
Biedenkopf

Herausgekommen war die versuchte Körperverletzung, weil der Sohn der pflegebedürftigen Frau heimlich eine Videokamera installierte. 750 Euro Strafe muss die Pflegerin nun bezahlen. Die 65-jährige Angeklagte musste sich vor dem Amtsgericht Biedenkopf verantworten. Sie war angeklagt, die ihr anvertraute heute 83-jährige bettlägerige Frau im November 2018 körperlich misshandelt zu haben.

Laut Anklageschrift hatte sie der Seniorin mehrfach harsch mit dem Zeigefinger ins Gesicht getippt. Sie habe der Frau die Windelhose weggerissen und aufs Gesäß geschlagen. Und sie habe die Frau harsch auf die Seite gedreht, wobei das linke Bein gegen die Bettumrandung geschlagen sei. Dass die Frau Schmerzen erleidet, habe die Angeklagte in Kauf genommen.

Die Angeklagte, die keine Vorstrafen hat, räumte den Vorfall vor Gericht ein und entschuldigte sich bei der 83-Jährigen. „Ich habe mich wirklich nicht gut verhalten“, sagte die 65-Jährige und beteuerte: „Ich wollte nicht, dass sie Schmerzen erleidet.“

"Meine Nerven lagen blank"

Die Angeklagte, die aus Litauen stammt und über keine pflegerische Ausbildung verfügt, lebt nach eigenen Angaben seit 2013 in der Gemeinde Bad Endbach. Sie betreute zunächst ­eine andere Seniorin. Ab Februar 2016 habe sie dann bei der heute 83-Jährigen für 450 Euro plus Kost und Logis gearbeitet.

Die Situation sei aber zunehmend angespannt gewesen. Mit der Tochter der 83-Jährigen habe es oft Streit gegeben – ums Lebensmittelgeld und um die Sauberkeit. „Die Tochter hat immer gesucht, was ich nicht gut mache“, sagte die Angeklagte aus. Auch das Verhältnis zur Mutter habe sich verschlechtert. Die Pflege sei schwierig gewesen. Die Frau habe sich zum Beispiel selbst mit Kot vollgeschmiert.

Warum genau an jenem Tag im November die Situation eskalierte, konnte die Angeklagte nicht genau sagen. Es habe Streit mit der Tochter gegeben. „Meine Nerven lagen blank“, sagte die Angeklagte. Dass es den angeklagten Vorfall gab, belegt ein Video. Der Sohn der 83-Jährigen erklärte vor Gericht, dass er die Kamera auf Drängen seiner Schwester installiert habe.

Tatbestand der Körperverletzung sei nicht erfüllt

Er selbst sei nicht oft bei der Mutter gewesen. Dass die Situation angespannt war, sei ihm aber aufgefallen: „Das hat sich über längere Zeit aufgeschaukelt.“ Wie viel die Betreuerin verdient hat, wisse er nicht, sagte er auf Nachfrage des Gerichts. Darum kümmere sich seine Schwester.

Die Kamera habe er aufgehängt, „weil wir Gewissheit haben wollten“. Es habe verschiedene Ereignisse gegeben. Die Mutter habe Hämatome gehabt, sei gestürzt, obwohl sie bettlägerig war. Lucas Eilsberger, Vertreter der Staatsanwaltschaft, beantragte wegen vorsätzlicher Körperverletzung eine Geldstrafe von 700 Euro.

Verteidiger Ralf A. Becker räumte ein: Die Videoszene zeige „eine extrem unangenehme Geschichte“. Aber der Tatbestand der Körperverletzung sei nicht erfüllt. Dass das Bein auf die Bettkante schlug, sei ohne Vorsatz geschehen. Zudem verwies Becker darauf, dass das Video heimlich entstand: „Ich habe erhebliche Zweifel daran, ob die Verwertung des Videos rechtlich haltbar ist.“ Er beantragte Freispruch. Richter Dr. Mirko Schulte folgte dem nicht. Er verurteilte die 65-Jährige wegen versuchter Körperverletzung zu 75 Tagessätzen à zehn Euro.

Richter hinterfragt Beschäftigungsverhältnis

„Wir haben hier eine Anklagegeschichte, die die Geschichte der Pflegesituation erzählt“, sagte Schulte. Er verwies auf die Beschäftigungssituation, die das Gericht nicht näher beleuchtet habe. Aber: „Ich habe Sorge, ob es überhaupt geht, jemanden so zu beschäftigen“, sagte der Richter. Ergebnis sei, dass die Angeklagte sich finanziell nicht gut behandelt gefühlt habe. Hinzu komme, dass sie nicht ausgebildet und mit der Pflege überfordert gewesen sei.

„Aber das ist keine Rechtfertigung dafür, jemanden, der sich nicht wehren kann, so zu behandeln.“ Obwohl die Frau einen Harnblasen-Katheter hatte, habe die Betreuerin sie von einer auf die andere Seite „regelrecht geworfen“.
Zur heimlich installierten Videokamera sagte der Richter: „Im Grundsatz darf man so etwas nicht aufstellen.“ Anders verhalte es sich aber, wenn es einen Anfangsverdacht gebe.

Und: „Das, was hier zu sehen ist, steht als strafbarer Sachverhalt fest.“ Deshalb sei die Geldstrafe – gemessen am Einkommen der Angeklagten, das aktuell bei 238 Euro Rente liegt – „empfindlich“ ausgefallen. Die 65-Jährige muss auch die Verfahrenskosten tragen. Ob die Verteidigung Rechtsmittel gegen das Urteil einlegt, ließ Anwalt Becker offen.

von Susann Abbe