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Hinterland Pferdequäler sind schwer zu fassen
Landkreis Hinterland Pferdequäler sind schwer zu fassen
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12:58 02.10.2021
Große Weiden und viel Auslauf wünschen sich viele Pferdebesitzer für ihre Tiere. Ganz ungetrübt ist die Idylle nicht. Tierquäler nutzen die Abgelegenheit, um Pferde zu verletzen und zu misshandeln.
Große Weiden und viel Auslauf wünschen sich viele Pferdebesitzer für ihre Tiere. Ganz ungetrübt ist die Idylle nicht. Tierquäler nutzen die Abgelegenheit, um Pferde zu verletzen und zu misshandeln. Quelle: Themenfoto: Felix Kästle
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Biedenkopf

Es geschieht immer wieder und meist im Schutz der Nacht. Menschen schleichen sich auf Pferdeweiden und verletzen Tiere – immer wieder verenden Pferde dabei qualvoll oder müssen vom Tierarzt eingeschläfert werden. Ende August schreckten zwei Vorfälle im Hinterland die Pferdehalter auf. Zwei Tiere wurden binnen weniger Tage auf zwei verschiedenen Höfen verletzt, die Polizei in Biedenkopf ermittelt. Bislang gelang es nicht, dem oder den Tätern auf die Spur zu kommen.

„Man hat es immer im Kopf, dass so etwas passieren könnte. Und hofft, dass es einen selbst nicht trifft“, sagt eine betroffene Pferdehofbesitzerin. „Ich habe keine Ahnung, warum Menschen Tieren so etwas antun.“

Für erhöhte Wachsamkeit auf der Weide sollen Kameras sorgen, was nicht immer einfach und nicht gerade billig ist. „Wir haben jetzt auch welche“, sagt die Hofbesitzerin aus dem Hinterland. Die Pferde nachts in Boxen zu sperren, sodass keiner an sie rankomme, ist für sie auf Dauer keine Alternative. Das entspreche nicht dem Tierwohl.

Beunruhigte Pferdebesitzer hoffen auch darauf, dass die Menschen in der Nachbarschaft der Höfe oder Spaziergänger Hinweise geben, wenn ihnen etwas merkwürdig erscheine. Manche Beobachtung bekomme so im Nachhinein möglicherweise eine Bedeutung – ein abgestelltes Auto, fremde Personen in der Nähe der Tiere.

Nächtliche Kontrollgänge über die Weiden können Pferdehöfe nicht so einfach leisten. Das sei auch aus Sicherheitsgründen problematisch. „Wie weit geht so ein Mensch, wenn er entdeckt wird?“, fragt sich eine Hofbesitzerin.

Guido Rehr vom Polizeipräsidium Mittelhessen sieht das ähnlich. Natürlich könne es einen möglichen Täter, der eine Weide beobachte, abschrecken, „wenn er immer wieder Menschen rund um die Koppel sieht“. Rehr warnt aber: „Selber das Heft in die Hand zu nehmen, kann auch gefährlich werden.“ Wenn jemand mit entsprechenden Werkzeugen unterwegs sei, um Tiere zu verletzen, gehe davon eine Gefahr aus. „Wieso sollte er sie dann nicht gegen die einzusetzen, die ihn dabei überraschen?“, so Rehr.

Kameras böten unterschiedlich großen Schutz. Bei einer reinen Wildkamera entdecke man ungewöhnliche Vorfälle oder verdächtige Personen erst, wenn man die SD-Karte am nächsten Tag auslese. Die Tat sei dann bereits geschehen. Moderne Kontrollsysteme für Elektrozäune sind dagegen in der Lage, eine Handy-Benachrichtigung und Livebilder auszulösen, etwa wenn die Griffe des Zauns ausgehängt werden. Dies habe den Vorteil, schnell reagieren zu können. „Am besten die 110 anrufen und melden, dass da einer über die Koppel schleicht“, rät Rehr den Pferdehaltern. „Das Überführen ist unsere Sache.“

In den vergangenen sieben Jahren gab es mehrere Vorfälle auf Pferdeweiden im Landkreis Marburg-Biedenkopf. 2014 wurden mehrere Male Koppeln in Steffenberg heimgesucht, 2015 ein Pferd in Friedensdorf verletzt, 2018 in Gladenbach und auch im Dezember 2020 in Bad Endbach wurde die Polizei eingeschaltet: Eine Stute hatte blutende Verletzungen, die ihr mutwillig zugefügt worden waren. Einige Monate war Ruhe, nun gibt es die neuen Verdachtsfälle in Biedenkopf und Dautphetal.

Nur ein einziger Fall konnte im Landkreis-Marburg-Biedenkopf in den vergangenen Jahren aufgeklärt werden, ergibt eine Nachfrage bei der Pressestelle der Polizeidirektion Marburg-Biedenkopf. Und dieser Fall ragt vom Tatablauf heraus, sagt Yasmine Hirsch beim Blick in die Akte.

Im August 2014 schlug am helllichten Tag ein damals 19-jähriger Mann mit einer Luftpumpe in einem Stall in Kirchhain um sich und traf dabei ein Pferd am Kopf. Bei dem Täter habe es sich um einen psychisch auffälligen jungen Mann gehandelt, der nichts mit dem Hof zu tun hatte. Zeugen stoppten ihn und riefen die Polizei an, der 19-Jährige wurde festgenommen. Eine konkrete Aussage über die Aufklärungsquote bei Pferdequälerei sei nicht möglich, sagt Hirsch auf Anfrage. Nicht jede Tierart werde bei der Polizei spezifisch erfasst. Für den Kreis Marburg-Biedenkopf handele es sich bisherigen Erkenntnissen zufolge um Einzelfälle, ohne Bezug zueinander oder zu anderen Fällen außerhalb der Region.

Ermittlungen sind oft schwierig

Hirsch weiter: „Insgesamt sind die Ermittlungen zu Vorfällen auf Pferdekoppeln oft schwierig, nicht zuletzt, da sich die oftmals großen Koppeln abseits der bewohnten Gebiete befinden.“ Ermittlungsansätze für die Polizei ergäben sich maßgeblich durch die vom Täter hinterlassenen Spuren. Gibt es etwa Reifenabdrücke? Wurde ein Messer oder ein anderes Tatwerkzeug zurückgelassen?, zählt Rehr Beispiele auf. „Sind diese nicht vorhanden oder führen sie die Ermittlungen nicht weiter, ist die Polizei im hohen Maße auf Zeugen angewiesen“, so Hirsch.

Hinweise auf das Täterbild liefere die Art der Verletzungen, sagt Rehr. Sind zum Beispiel die Genitalien betroffen, deute dies eher auf einen sexuellen Hintergrund hin. Unterschiedliche Tatmotive seien für Ermittlungsansätze wie auch eine spätere Strafbemessung von Bedeutung. Christa Roth-Sackenheim, die Vorsitzende des Bundesverbands Deutscher Psychiater, sieht das Ausleben von Machtfantasien als ein Motiv der Täter. „Es geht hier offenbar um eine sadistisch-sexuelle Perversion. Sie erniedrigen dieses große, schöne Tier. Sie üben Gewalt aus“, sagte sie in einer Sendung des MDR. Im Alltag verhielten sich diese Menschen oft ganz normal und kämen aus allen Gesellschaftsschichten. Die Täter besäßen keine Empathie. Die Mehrheit bleibe bei der Misshandlung von Tieren, doch es gebe immer wieder auch Täter, die später sadistische Sexualmorde begingen.

Wer wehrlose Pferde quält und verletzt, möchte Macht ausüben, erklärt Borwin Bandelow, Psychiater und Psychologe an der psychiatrischen Klinik der Universität Göttingen. „Dass diejenigen auch Menschen ermorden, will ich nicht behaupten. Man muss aber davon ausgehen, dass der Täter gestört ist.“

Immer wieder klagen Tierbesitzer, Tierquälerei werde im Grunde nicht anders als eine Sachbeschädigung behandelt. Dem widerspricht Rehr: „Das Quälen von Tieren ist ein Straftatbestand, Verstöße gegen das Tierschutzgesetz werden bei uns nicht abgetan, sondern sehr sensibel abgearbeitet.“ Auf jeder Polizeidienststelle gebe es entsprechend geschulte Beamte. „Das ist relativ hoch angesiedelt bei uns.“

Von Regina Tauer

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