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Hinterland Patienten haben viele Fragen
Landkreis Hinterland Patienten haben viele Fragen
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17:58 02.05.2021
Viele Menschen wollen sich gegen Corona impfen lassen. Doch reicht die Menge des Impfstoff noch nicht aus.
Viele Menschen wollen sich gegen Corona impfen lassen. Doch reicht die Menge des Impfstoff noch nicht aus. Quelle: Themenfoto: Sebastian Willnow/dpa
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Hinterland

Seit dem Ende der Osterferien impfen in Hessen auch die Hausärzte gegen Covid-19. Die ersten Erfahrungen in den heimischen Hausarztpraxen zeigen: Die Nachfrage nach Impfungen im Hinterland ist sehr groß, der Beratungsbedarf ebenso.

Axel Scheerer und Beate Unterderweide haben in ihrer Praxis vor zwei Wochen mit dem Impfen begonnen. „Es gibt viele Anfragen und wenig Impfstoff“, bringt der Hausarzt die Erfahrungen auf den Punkt. Binnen weniger Tage haben sich 300 Patienten auf der Warteliste eintragen lassen. Und das ist tatsächlich eine „Warte“-Liste, denn in der vergangenen Woche standen den beiden Medizinern gerade einmal 32 Impfdosen zur Verfügung: 12 von Biontech und 20 von Astrazeneca. „Damit kommen wir natürlich nicht weit“, sagt Scheerer.

200 Anrufe pro Tag

Darüber hinaus hat der Mediziner einen großen Gesprächsbedarf bei seinen Patienten beobachtet. Vor allem im Hinblick auf den Impfstoff von Astrazeneca sei die Unsicherheit groß. „Gefühlt bekommen wir derzeit 200 Anrufe pro Tag“, erzählte der Biedenkopfer Arzt. Das führe mitunter dazu, so hat er von Patienten erzählt bekommen, dass die Praxis telefonisch nur noch schwer zu erreichen sei. Die Praxis bietet inzwischen einmal wöchentlich eine eigene Impfsprechstunde an.

„Grundsätzlich finde ich es gut, dass die Hausärzte nun impfen können“, betont Scheerer. Und die enorme Nachfrage zeige, dass die Menschen geimpft werden wollten. Auf der anderen Seite stehe ein hoher organisatorischer Aufwand, zusätzlich zu der gewohnten Arbeit in der Praxis. Der fängt damit an, dass die Praxen bis Mitte der Woche ihren Bedarf für die nächste Woche anmelden müssen. Frühestens am Montagnachmittag, eventuell auch erst am Dienstagmorgen stehen die Impfdosen dann in der Apotheke zur Verfügung, mit der die Praxis zusammenarbeitet.

Planung und Organisation ist das A und O

Sowohl für Biontech als auch für Astrazeneca gilt: Ist das Fläschchen erst einmal angebrochen, müssen die Dosen innerhalb von sechs Stunden verimpft werden. Bei Biontech sind es zwischen fünf und sieben, bei Astrazeneca zehn Dosen, die man aus einem Fläschen gewinnen kann. Wenn ein Biontech-Fläschchen aus der Tiefkühlung genommen wird, bleiben 150 Stunden, um den Impfstoff zu nutzen. Konkret heißt das: Bis freitags muss der Impfstoff verimpft sein. Auch das wolle alles geplant und organisiert sein, erklärt Axel Scheerer.

Die Erfahrungen in der internistischen Gemeinschaftspraxis in Biedenkopf sehen ähnlich aus, wie Dr. Frank Ebermann berichtet. Auch dort waren bislang ausschließlich die Impfstoffe von Biontech und Astrazeneca im Einsatz. Zwei Hausärzte arbeiten in der Praxis – ab dem 3. Mai wird jeder der beiden 36 Dosen Biontech und 50 Dosen Astrazeneca zur Verfügung haben.

Unsicherheiten gegenüber Impfstoffen

„Angst und Unsicherheit“ hat auch Ebermann bei seinen Patienten wahrgenommen. Vor allem gegenüber dem Impfstoff der britischen Firma, anfangs aber durchaus auch gegenüber Biontech. Sicherlich sei es so, dass die Entwicklung des Mainzer Unternehmens mehr Vertrauen genieße. „Am Ende muss man aber nehmen, was man bekommt“, sagt der Arzt.

Mehr Interessenten als Impfstoff gibt es auch in der internistischen Gemeinschaftspraxis. Die Patienten werden deshalb nach einer Prioritätenliste behandelt, wobei besonders das Alter eine Rolle spielt.

Bessere Verträglichkeit bei steigenden Alter

Um die Impfungen möglichst Corona-konform zu gestalten, hat die Praxis feste Zeitfenster eingerichtet, in denen die Patienten kommen. „Schön ist, wenn die sie Einverständniserklärung ausgedruckt und unterschrieben mitbringen“, erklärt Ebermann – das verkürze den Prozess und vereinfache die Organisation. Nach der Impfung bleiben alle Patienten noch 15 Minuten zur Beobachtung in der Praxis. Das hat vor allem den Grund, auf schwere Reaktionen, wie einen anaphylaktischen Schock, schnell reagieren zu können. Das Risiko sei allerdings überschaubar – auf 2,5 bis 10 Millionen Impfungen komme er einmal vor.

Für alle Älteren, die Astrazeneca erhalten, hat Ebermann noch eine positive Nachricht: Die Erfahrung zeige, dass der Impfstoff umso besser vertragen werde, je älter die Patienten seien.

Von Hartmut Bünger