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Hinterland Noch ein Nackenschlag für Ermagans
Landkreis Hinterland Noch ein Nackenschlag für Ermagans
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11:58 28.01.2021
Habib und Süheyla Ermagan wurde nun vom Vermieter die Wohnung gekündigt.
Habib und Süheyla Ermagan wurde nun vom Vermieter die Wohnung gekündigt. Quelle: Thorsten Richter/Archiv
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Schlierbach

Die Familie Ermagan kommt nicht zur Ruhe. Die Geschichte vom Kauf ihres Grundstücks, das sich im Nachhinein aufgrund von Altlasten als Albtraum erwies, ist noch nicht zu Ende erzählt. Und zieht sich nun schon ins siebte Jahr (die OP berichtete).

Nun gab es einen weiteren Nackenschlag. Nach 18 Jahren wurde der Familie ihre Wohnung in Schlierbach gekündigt. Zum Jahresende müssen die Ermagans ausziehen.

Das Schreiben einer Anwaltskanzlei droht auch gleich mit einer Räumungsklage, sollten die Ermagans bis zum 31. Dezember nicht aus der Wohnung verschwunden sein. Jetzt sind Süheyla und Habib mit ihren zwei Kindern auf Wohnungssuche.

Möglicherweise falle in den nächsten Tagen eine positive Entscheidung für ein neues Zuhause, hofft Habib Ermagan. In dem Anwaltsschreiben ist es den Ermagans sogar untersagt, jeglichen Kontakt mit ihrem 92-jährigen Vermieter aufzunehmen. In schwarzen fetten Lettern steht dies in dem Schreiben.

Probleme mit Warmwasserversorgung

„Wir haben unsere Miete immer pünktlich bezahlt“, wundert sich Habib Ermagan über die Kündigung. Sie hätten ihrerseits in den vergangenen Monaten viel hinnehmen müssen. So werde trotz des Vorhandenseins einer Gas­heizung mit Speicher das Warmwasser seit Mai 2020 nur noch mit Durchlauferhitzern erzeugt.

Das habe bisher nur für die heizungsfreie Zeit gegolten und sei während dieser Phase ja auch in Ordnung gewesen. Nun gelte dies aber auch für die Zeit, in der die Gasheizung eingeschaltet ist, also die ganze Heizperiode hindurch.

Während sich ihre Stromrechnung wegen des Verbrauchs durch die Durchlauferhitzer verdreifache, sänken die Temperaturen des Wassers, das aus den Hähnen in der Wohnung komme. Gerade mal 40 Grad schafften die Durchlauferhitzer. Dazu schwanke die Temperatur abrupt zwischen kalt und warm, schildert Habib Ermagan. Denn die Geräte seien veraltet und heizten nicht mehr richtig.

Miete sollte um 30 Prozent erhöht werden

„Die waren schon in der Wohnung, als wir damals eingezogen sind und wurden nicht gewartet“, sagt der Familienvater. Beschwerden beim Vermieter hätten zu nichts geführt. Dieser habe sie wissen lassen, sie könnten ja ausziehen.

„Die wollen uns raushaben“, vermutet Habib Ermagan deshalb. Dazu passe auch die Mieterhöhung um 22 Prozent, ursprünglich habe der Vermieter sogar 30 Prozent gefordert. Die Anwaltskanzlei ließ die Ermagans wissen: Sollte die Familie früher Ersatzwohnraum finden, wolle der Vermieter seinerseits nicht daran festhalten, dass die Kündigungsfrist einzuhalten sei. Ob dieses Angebot dem Wunsch nach einem möglichst raschen Auszug der Mieter geschuldet ist oder ein Entgegenkommen darstelle, bleibt dahingestellt.

Vor bald sieben Jahren kauften Habib und Süheyla Ermagan ein Grundstück in Bad Endbach. Darauf wollten sie mit ihren beiden Kindern den Traum vom eigenen Haus verwirklichen. Doch daraus wurde nichts. Das Grundstück erwies sich als Altlast – Asbest und Ölreste und jede Menge Müll fanden sich auf dem Gelände.

Gerichtssprecher gibt Auskunft

In einem Strafverfahren wurde vor rund einem Jahr die Grundstücksverkäuferin vom Amtsgericht Biedenkopf wegen schweren Betrugs schuldig gesprochen. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass die Vorbesitzerin von den Mängeln des Grundstücks gewusst und diese den Käufern verschwiegen habe. Die Anwältin der Frau ging in Berufung. Nun ist das Landgericht Marburg zuständig. Doch wann der Prozess dort beginnt, ist offen.

„Es gibt noch keine Terminierung, weil eine Beweiserhebung angeordnet worden ist“, sagt der Sprecher des Landgerichts, Richter Dr. Marcus Wilhelm. „Offensichtlich entscheidungserhebliche Fragen müssen noch durch Gutachten geklärt werden“, erklärt der Jurist. Dabei geht es auch um die Belastung des Grundstücks und die sich daraus ergebenden Auswirkungen auf den Grundstückswert. Bevor diese Gutachten nicht vorlägen, „macht es keinen Sinn, in den Sitzungssaal zu gehen“, so Wilhelm.

Zu den Zeitabläufen, die für die Betroffenen eine weitere Belastung bedeuten, äußerte sich Wilhelm nicht. Grundsätzlich gelte aber: „Haftsachen haben Vorrang.“

Traum von Familienidylle ist dahin

Habib Ermagan fragt sich, warum es fünf Monate dauern soll, bis die Gutachten erstellt seien: „Erst dann geht die ganze Prozedur wieder von vorne los.“ Er ist mit Blick auf die zeitliche Perspektive wenig zuversichtlich. „Wenn das Gericht in diesem Jahr mit dem Strafverfahren durch wäre, wäre das schon hervorragend.“ Nach dem momentanen Stand glaube er daran aber nicht.

Dann würde die unendliche Geschichte über den Verkauf des kontaminierten Grundstücks ins achte Jahr gehen. Der Traum vom Familienglück im eigenen Haus schwindet dahin. Die Tochter ist inzwischen 15 Jahre alt. „Bis das alles durch ist, macht sie schon bald Abitur und studiert“, sagt Vater Ermagan etwas resigniert. Und sein zwölfjähriger Sohn kann sich an keine Zeit mehr ohne den Kummer erinnern, den der Kauf des verseuchten Grundstücks über die Familie gebracht hat. Das Grundstück und der geplatzte Traum beherrschen das Leben der Ermagans seit Jahren.

Das Schicksal der Familie erregt schon länger überregional Aufmerksamkeit. Am Dienstag, 26. Januar, war erneut ein Team des Hessischen Rundfunks zum Dreh in Bad Endbach.

Von Regina Tauer

27.01.2021
28.01.2021