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Hinterland Landratswahl wirft ihre Schatten voraus
Landkreis Hinterland Landratswahl wirft ihre Schatten voraus
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00:17 02.02.2019
Landrätin Kirsten Fründt hatte eingeladen und viele waren zum Neujahrsempfang des Landkreises Marburg-Biedenkopf in die Hinterlandhalle in Dautphetal gekommen. Quelle: Melanie Weiershäuser
Dautphetal

Es ist sicher einer der wichtigsten Termine im Jahreskalender Kirsten Fründts: Der Neujahrsempfang bietet ihr Gelegenheit, über ihre Arbeit und Pläne zu sprechen – und so im besten Fall Zustimmung unter Wählern und in der Kommunalpolitik zu finden. Weil in diesem Jahr, voraussichtlich am 8. September, das Amt der Landrätin wieder zur Wahl steht, stand die Veranstaltung in der Hinterlandhalle unter einem besonderen Stern. So versuchte Fründt die Gelegenheit zu nutzen und ihr Profil hinsichtlich der großen und kleinen Fragen zu schärfen, die die Menschen im Landkreis umtreiben. 

Ehrenamt, Verkehr und Digitalisierung - Landrätin Kirsten Fründt setzte in ihrer Rede zum Neujahrsempfang des Landkreises klare Schwerpunkte. Mehr als 600 Menschen verfolgten die Rede in der Hinterlandhalle in Dautphetal.

Die Kreisverwaltung hatte rund 670 Menschen aus verschiedenen sozialen Bereichen eingeladen. Viele von ihnen engagieren sich seit Jahren oder gar Jahrzehnten im Ehrenamt. Fründt verwies auf die Deutschlandstudie 2018 des ZDF. Darin erreiche der Landkreis in der Rubrik „Vereinsdichte“ unter insgesamt 401 Städten und Kreisen den 26. Platz. „Ein gutes Zeichen“, findet Fründt, belege das doch den hohen Stellenwert bürgerschaftlichen Engagements in der Region.

Um diesem Stellenwert gerecht zu werden, hat der Landkreis 2019 einiges vor. Im Haushalt sind 250 000 Euro für die Ehrenamtspauschale eingestellt. Fründt möchte diesen Posten gern „verstetigen“, braucht dafür aber die Zustimmung des Kreistags. Der Sozialpreis des Landkreises soll zum zweiten Mal verliehen werden. Auch die Sportlerehrung wird es wieder geben.

Landkreis hat ein Wahrnehmungsproblem

Doch der Landkreis ist nicht nur beim Ehrenamt gut aufgestellt. Fründt machte Werbung für die Region: mehrere Hochschulen, Vollbeschäftigung, eine der höchsten Industrie­dichten in Europa mit elf Welt­marktführern – leider wüssten jenseits der Kreisgrenzen zu wenige Menschen darüber. Das habe eine Studie zu Tage gefördert. Die Untersuchung ­bescheinige dem Landkreis in Bezug auf die Gewinnung von Fachkräften ein Wahrnehmungs- und Imageproblem. Deshalb will sich Fründt zukünftig dem Thema Regional- und Standortmanagement stärker widmen. Einen ersten Beitrag hierzu präsentierte sie schon ihren Gästen in der Hinterlandhalle, einen kurzen Werbespot, der den hiesigen Kreis mit den Worten beschreibt: „Eigentlich wie München oder Berlin. Nur mit mehr Schafen.“

Dafür zu sorgen, das Fachkräfte im Landkreis arbeiten wollen, ist für Fründt aber nur ein Aspekt aktiver Wirtschafts­förderung. Auch bestmögliche Rahmenbedingungen für Arbeitskräfte gehören für sie dazu. Hier gebe es Schnittmengen zwischen Kreis und dem Oberzentrum Marburg, zum Beispiel beim Thema Mobilität. Als Beispiel nannte die Landrätin die Pharmastandorte in der Marbach und am Görzhäuser Hof. Fründt machte deutlich, dass sie den Landkreis in der Bewältigung der Verkehrsprobleme in und um Marburg durchaus auch in der Pflicht sieht. Gemeinsam mit der Stadt und den Unternehmen arbeite der Kreis an Konzepten für eine „optimierte verkehrliche Anbindung der Pharmastandorte“.

Wie genau diese aussehen könnten, hat Fründt zwar nicht verraten. Deutlich wurde aber, dass die Landrätin bei der Lösung der Probleme auf eine Mischung verschiedener Maßnahmen setzt. Bessere Verzahnung des öffentlichen Personennahverkehrs zwischen Stadt und Land, optimierter Radverkehr und Neuregelung des Individualverkehrs sind hierzu ihre Ansätze.

Zusammenarbeit mit Marburg bei Verkehr und Wohnungsbau

Nicht nur wegen der Verkehrsprobleme in Marburgs Nordwesten möchte Fründt die Zusammenarbeit zwischen Kreis und Stadt Marburg auf ein neues Niveau heben. Auch andere Themen wie Radverkehr oder Wohnungsbau erfordern ­ihrer Meinung nach Kooperation. Vor allem aber schielt die Landrätin mit ihrer Handreichung an Marburgs Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies auf eine fundamentale Aufgabe, die ihr im Landratsamt zufällt: Dem Ausgleich der Lebensverhältnisse von Stadt und Land sowie unter den Kommunen des Kreises insgesamt.

Egal ob jemand auf dem Land oder in der Stadt lebt, beide Entwürfe seien gleichwertig, beide seien gut, sagte Fründt. Die hessische Verfassung gibt dem Staat die Aufgabe, für die Gleichwertigkeit der ­Lebensverhältnisse Sorge zu tragen. Fründt zeigte auf, wie ernst ihr dieser Auftrag ist und dass die Kreisverwaltung sich um Chancengleichheit der Menschen in den einzelnen Kommunen bemühen möchte. Das ist natürlich einfacher, wenn der Bürgermeister der größten Stadt mit im Boot sitzt.

Weiterer Schwerpunkt ihrer Arbeit soll im laufenden Jahr die Digitalisierung sein. Fründt versteht Digitalisierung als Werkzeug zur gesellschaftlichen Entwicklung, weshalb sie sie „aktiv gestalten“ möchte. Bei Breitbandversorgung („wollen wir 2019 auf nahezu 100 Prozent ausbauen“) und Mobilfunkabdeckung möchte die Kreisverwaltung die Dinge in diesem Jahr vorantreiben, zudem die Verwaltung selbst digitalisieren. Zu diesem Zweck will Fründt einen sogenannten Chief Digital Officer einstellen, der ihr im Landratsamt direkt zugeordnet und für die Planung und Steuerung der digitalen Transformation verantwortlich ist.

Fründt verteidigt sich gegen Kritik

Dass eine neue Stelle für diese Funktion eingerichtet wird, mag sinnvoll sein. Aber die Personalpolitik der Landrätin war in der Vergangenheit immer wieder auf Kritik gestoßen. Entfristungen von Zeitverträgen und Einstellungen – so mancher politische Gegner warf Fründt vor, die Verwaltung aufzublähen.

Die Landrätin versuchte beim Neujahrsempfang, ihren Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen. Dass in diesem Jahr ihr Amt zu Wahl steht, hat sicher bei der Wahl des Themas eine Rolle gespielt. Fründt hält jedenfalls die Kritik an ihrer Personalpolitik für unberechtigt.

Zwar habe es einen deutlichen Zuwachs im Personal gegeben, seitdem sie Landrätin ist. Das sei aber auch deshalb notwendig gewesen, weil der Kreis immer neue Aufgaben von Bund und Land zugewiesen bekommen habe, so Fründt. Auch komme der Personalzuwachs den Anstrengungen des Kreises in Altenhilfe, Schulbetreuung und Klimaschutz ­zugute. Und schließlich müsse sie auch für die Zukunft die Leistungsfähigkeit der Kreisverwaltung sicherstellen. Der aktuelle Arbeitsmarkt und die Tatsache, dass in den kommenden Jahren rund ein Viertel der Mitarbeiter in den Ruhestand gehen, seien hier die Herausforderungen.

Auch zum Ausbau des Kreisamtes bezog Fründt Stellung. Um für die Menschen im Landkreis gute Dienstleistungen erbringen zu können, sei der Ausbau zwingend erforderlich. „Für die politische Diskussion wäre es sicher einfacher gewesen, bis nach der Landratswahl 2019 zu warten“, sagte sei. Die Kreisverwaltung ­betreibe Daseinsvorsorge auf ­hohem ­Niveau, so die Landrätin. In ­Verbindung mit den Moder­nisierungsanstrengungen und den Ausgleichsbemühungen zwischen den einzelnen Kommunen sprach sie von „Daseinsvorsorge 4.0“.

von Dominic Heitz