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Hinterland Hoffnung in Zeiten der Angst
Landkreis Hinterland Hoffnung in Zeiten der Angst
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13:59 11.12.2020
Amtswechsel in der Herborner Stadtkirche: Die jetzt ehemalige Pröpstin Annegret Puttkammer (links) gibt den Stab weiter an die künftige Pröpstin Sabine Bertram-Schäfer.
Amtswechsel in der Herborner Stadtkirche: Die jetzt ehemalige Pröpstin Annegret Puttkammer (links) gibt den Stab weiter an die künftige Pröpstin Sabine Bertram-Schäfer. Quelle: Foto: Frank Rademacher
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Herborn

Der Gottesdienst in der Stadtkirche am späten Freitagnachmittag hat vor Ort mitunter gespenstige Züge: leere Kirchenbänke und geistliche Würdenträger, die in eine Kamera blicken und in ein Mikrofon sprechen, das auf einer Kanzel steht, die nach jedem Redner desinfiziert wird. Der Amtswechsel an der Spitze der Propstei Nord-Nassau steht ganz im Zeichen der Corona-Pandemie.

Und doch ist die Botschaft, die – allen voran die neue Pröpstin Sabine Bertram-Schäfer – an diesem grauen Dezembertag verkündet eine andere: „Wer, wenn nicht wir Christen, können und sollen Hoffnung in dieser Zeit verbreiten?“, formuliert die 54-Jährige, die am 1. Januar ihr Amt antreten wird, Anspruch und Aufgabe.

In Landrat Wolfgang Schuster findet sie ihr weltliches Echo. Er komme gerade aus Waldgirmes, wo das Impfzentrum des Kreises aufgebaut werde, auch dies ein Zeichen der Hoffnung. Zugleich erinnert er an die Folgen des Virus, der inzwischen mehr als 50 Menschen das Leben gekostet hat, zählt die vielen Einrichtungen auf, die von Erkrankungen betroffen waren oder noch sind.

Und er findet mahnende Worte: Die, die im tagtäglichen Kampf gegen die Erkrankung am Anschlag arbeiteten, schüttelten den Kopf über jene, die immer noch glaubten, der Virus sei harmlos. „Kein Mensch kommt auf die Idee, den Airbag auszubauen“, warb er bildhaft dafür, sich an die Beschränkungen zu halten, die dem Schutz der Gesundheit dienten. „Am Ende des Tunnels ist Licht“, zeigte er sich zugleich optimistisch. Er hoffe, „dass wir den nächsten Advent wieder normal feiern können.“

„Die Kirchentüren müssen geschlossen bleiben wegen Corona, aber heute gehen wir rein, zumindest digital“, beschreibt Pfarrer Andree Best zu Beginn einer Liveübertragung ein Angebot der Landeskirche, das es auch denen ermöglicht, dem Gottesdienst beizuwohnen, die nicht vor Ort sein dürfen.

Bevor die stellvertretende Kirchenpräsidentin, Ulrike Scherf, Bertram-Schäfer in ihr neues Amt einführt, verabschiedet sie deren Vorgängerin Annegret Puttkammer. Sie sei eine engagierte, besonnene und von tiefem Gottvertrauen getragene Pröpstin gewesen. Sie habe geistige Impulse gesetzt und sei ökumenisch sehr aktiv gewesen, mit menschlicher Zugewandtheit, Rollenklarheit und Verlässlichkeit. Sie sei eine Führerin gewesen, „wie wir sie uns nicht besser hätten wünschen können“, würdigte Andreas Friedrich, Dekan für Biedenkopf-Gladenbach, die scheidende Pröpstin. Landrat Schuster bedankte sich bei ihr für die Unterstützung und Begleitung, die die Kirche in den Jahren 2015 und 2016 bei der Bewältigung der Flüchtlingskrise geleistet habe. „Wir werden sie vermissen“, sagte Schuster zu Puttkammer.

Sie, die von 2011 an Pröpstin für Nord-Nassau gewesen war und seit dem 1. Dezember Direktorin des Neukirchener Erziehungsvereins ist, zieht eine positive Bilanz ihrer Amtszeit, in der viele düstere Prognosen, die es zuvor gegeben habe, nicht Wirklichkeit geworden seien. „Ich war gerne Pröpstin“, sagt sie und erinnert daran, dass viele Kirchengemeinde „beherzt neue Wege beschritten“ hätten und an den Hessentag 2016 als einen der Veranstaltungshöhepunkte. Die Gründung eines gemeinsamen Kirchenbüros im oberen Edertal zählt sie zu den Erfolgen. Daran orientierten sich inzwischen ganz viele Gemeinden, wie auch die Zusammenlegung der Dekanate Herborn und Dillenburg zu einem Vorbild geworden sei. Im Gespräch mit der Presse bedauert sie zugleich, dass sie nicht mehr miterleben könne, wie es mit den Kirchengemeinden nach Corona weitergehe.

Neue sieht Herausforderungen

„Noch vor Weihnachten werden wir nach Herborn ziehen“, kündigt ihre Nachfolgerin in der Stadtkirche an. Noch wohnt die ehemalige Dekanin für das Büdinger Land in einem kleinen Dorf mit nicht einmal 600 Einwohnern. Sie habe immer schon auf dem Land gelebt, berichtet die gebürtige Westerwälderin im Gespräch mit der Presse, da sei Herborn fast schon eine Umstellung.

Für ihr erstes Jahr in der neuen Rolle hat sie sich vorgenommen, sich einen guten Überblick über die 169 Gemeinden zu verschaffen. Die Zahl der Vakanzen sei sehr hoch, weshalb sich die Frage stelle, wie man dort helfen könne, das zu ändern.

Sie hat aber auch schon die langfristigen Herausforderungen im Blick. Ressourcen-Konzentration nennt sie eine der Aufgaben und sagt, was das in der Praxis bedeutet: „Mehr Zusammenarbeit der Kirchengemeinden und die Frage, wie wir mit den Gebäuden umgehen“. Dafür bringe sie gute Voraussetzungen mit, bescheinigt ihr Präses Ulrich Oelschläger, habe sie mit ihrem Team doch aus drei Dekanaten eines geformt.

Sie wolle aber auch soziale und gesellschaftliche Themen, wie Armut und Rechtsradikalismus ansprechen. Das habe ihr Amt mit dem des Landrats gemeinsam: zu vielen Dingen seinen Senf dazuzugeben, sagt Landrat Schuster und schenkt ihr als Willkommensgabe Senf aus dem Haigerer Senf-Atelier.

Von Frank Rademacher

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