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Hinterland Fünf Stinkefinger gegen den Krebs
Landkreis Hinterland Fünf Stinkefinger gegen den Krebs
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00:17 02.04.2019
Tim Bald (von rechts) und Martin Scharf stellen das Projekt Hoffnungsgeber vor. Jochen Schröder unterstützt die Spendenkampagne mit dem „Fucktopus“. Quelle: Philipp Lauer
Biedenkopf

Am Anfang des Projekts namens „Hoffnungsgeber“ steht ein Schicksalsschlag. „Bei meiner Tochter ist im Alter von sechs Jahren ein Hirntumor festgestellt worden“, sagt Martin Scharf. Nach zwei Operationen, einer Chemotherapie und tagelangen Google-Recherchen stößt die Familie online auf der Seite einer amerikanischen Ärztezeitschrift auf einen neue Therapieform. „Die Reaktion der behandelnden Ärzte auf der Kinderonkologie hat mich schockiert.“

Die neue Behandlungsform sei dort noch nicht bekannt gewesen, er fühlte sich mit seinem Vorschlag geradezu ins Lächerliche gezogen, erinnert sich Scharf. „Wir haben die leidvolle Erfahrung gemacht, dass wir nicht im Sinne der bestmöglichen Therapie beraten wurden“, sagt Scharf. Erst in einer Privatklinik habe man dem Mädchen mit einer Operation helfen können.

„Nicht jeder hat die Möglichkeit, so umfassend zu recherchieren wie wir“, sagt der Biedenkopfer Unternehmer. Vielen Patienten fehle dazu schlicht die Zeit. Man könne mittlerweile auf Internetportalen alles mögliche vergleichen, selbst Ärzte. Eine Plattform für den Vergleich medizinischer Therapieformen fehle allerdings noch. „Das gibt es noch nicht, da traut sich keiner dran.“

Plattform soll unabhängig von Pharmakonzernen bleiben

Hoffnungsgeber.de soll das nun ändern. „Wir wollen den Patienten vor einem fachlich fundierten Hintergrund ermög­lichen, sich einfach selbst ein Bild von allen Behandlungsarten zu machen“, erklärt Scharf. Den Hintergrund sollen Fachärzte und Studiendatenbanken beitragen. Scharf ist allerdings wichtig, dass die Plattform ausdrücklich unabhängig von großen Pharmakonzernen und Kliniken bleibt. „Im Mittelpunkt sollen die Patienten stehen. Am Ende profitiert aber auch jede medizinische Institution davon, die gute Arbeit für ihre Patienten leistet“, sagt Scharf.

Die Nutzer sollen außerdem ihre Erfahrungen mit Behandlungsmethoden, Kliniken, Medikamenten und deren Nebenwirkungen austauschen können. Ähnlich wie bei Hotel- oder Produktbewertung würde ein Punktesystem einen ­schnellen Überblick ermöglichen. Gedacht ist die Plattform aber auch als ein soziales Netzwerk für Patienten und Angehörige, in dem sie sich vernetzen und über Nachrichten direkt miteinander kommunizieren können.

"Großen Plan, in dem eine Heidenarbeit steckt"

Angesprochen auf das Projekt, zieht Dr. Hartmut Hesse, Vorstand der Marburger Ärztegenossenschaft Prima, einen Vergleich zu Bewertungsportalen für Ärzte. „Dort äußern sich typischerweise eher die Patienten, die schlechte Erfahrungen mit Kollegen gemacht haben. Daraus entsteht eine hochproblematische, wenig objektive Art des Informationsaustauschs“, sagt Hesse. Angesichts sehr individueller Krankheitsbilder liefen Patienten Gefahr, „Äpfel mit Birnen“ zu vergleichen. Zudem gebe es selbst unter Ärzten viele verschiedene Meinungen zu ­Therapieformen. Häufig kämen Laien ab einem bestimmten Punkt bei den Fachinformationen nicht mehr mit. Zudem sieht Hesse einen hohen personellen Aufwand darin, die Plattform von Fachärzten betreuen zu lassen. „Das ist ein großer Plan, in dem eine Heidenarbeit steckt.“

Martin Scharf hingegen ist optimistisch, genügend Ärzte zu finden, die sich auf freiwilliger Basis, ohne Bezahlung, beteiligen würden. Eine der Hauptaufgaben wäre, die Fachinformationen für die Nutzer verständlich wiederzugeben. „Wir haben schon mit mehreren Ärzten gesprochen und ­durchweg positive Rückmeldungen bekommen. Es wird eine Herausforderung, aber es ist nicht ­unlösbar“, sagt Scharf.

In erster Linie geht es ihm darum, den Patienten verschiedene Möglichkeiten der ­Therapie aufzuzeigen; das Portal soll ­eine beratende und unterstützende Funktion haben. „Natürlich müssen Therapien dann ­individuell auf die Patienten zugeschnitten sein“, sagt Scharf. Für jeden Nutzer eine hundertprozentige Übereinstimmung bei den ­Krankheitsbildern zu finden, werde nicht möglich sein – 80 Prozent seien schon ein guter Anfang. „Bevor wir das nicht zuverlässig hinbekommen, geben wir lieber keine Auskunft. Das ist Teil der Herausforderung“, sagt Scharf. 

Oktopus zeigt dem Krebs gleich fünf Mittelfinger 

Tim Bald von der Werbeagentur „Büro Hinterland“ hat einen ersten Entwurf der Plattform entwickelt, den das Team auf der Internetseite www.hoffnungsgeber.de präsentiert. Unter anderem vermittelt eine Demo-Version einen Eindruck, wie die Plattform aufgebaut sein soll. Aber auch ein Spendenaufruf: „Nach ersten Schätzungen benötigen wir zirka 50 000 Euro, um das Portal mit seinen Grundfunktionen zu entwickeln“, heißt es dort. Bislang kamen rund 2.300 Euro zusammen. Die Gründer bitten neben Spenden um Unterstützung in Form von Mund-zu-Mund-Propaganda, damit das Projekt bekannter wird.

Jochen Schröder aus Weifenbach hat mit einer außergewöhnlichen Aktion auf Facebook gleich für beides gesorgt. Die Hauptrolle spielt dabei eine kleine Oktopus-Figur, die Schröder mit dem 3-D-Drucker herstellt und die dem Betrachter gleich fünf seiner acht Tentakel als Stinkefinger entgegenstreckt. „Wenn man den ‚Fucktopus‘ anschaut, ist jede Frage beantwortet“, sagt Schröder. „Nachdem ich ein Bild auf Face­book postete, haben die Leute mir mit Anfragen die Tür eingerannt.“

Jochen Schröder stellt mit dem 3-D-Drucker den "Fucktopus" her. Quelle: Philipp Lauer

Nach dem Motto „Fuck Cancer“ rief Schröder zu Unterstützung für Hoffnungsgeber auf. Für Spenden ab zehn Euro hat er bislang mehr als 60 Oktopusse verschickt, quer durch Deutschland und zwei sogar bis in die Niederlande.

Mittlerweile hat er rund 150 Euro an Porto aus eigener Tasche draufgelegt. Mit einem „Versandpaten“ würde er weitermachen. ­Damit noch mehr Oktopusse dem Krebs den Mittelfinger zeigen. Und die Plattform kranken Menschen Hoffnung geben kann.