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Hinterland Nach Messerattacke für zehn Monate in Haft
Landkreis Hinterland Nach Messerattacke für zehn Monate in Haft
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21:00 06.04.2021
Landgericht Marburg.
Landgericht Marburg. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Der 47-jährige Angeklagte muss unter anderem wegen versuchten Totschlags für zehn Monate in Haft. Dieses Urteil fällte gestern die 6. Strafkammer des Landgerichts unter dem Vorsitz von Richter Dr. Frank Oehm. Endete nach drei von fünf vorgesehenen Verhandlungstagen somit die Verhandlung um einen angeklagten Totschlagsversuch sowie Bedrohungen und Beleidigungen in der Neustädter Erstaufnahme vor der Zeit, so zogen sich die einzelnen Verhandlungstage in die Länge. Dies nicht nur wegen der zeitraubenden Übersetzungen.

Allein Staatsanwalt Timo Ide und Verteidiger Peter Thiel benötigten für ihre Plädoyers zusammen eine Stunde. Während der Vortrag des Pflichtverteidigers ohne Antrag endete, forderte Ide eine Gesamtfreiheitsstrafe von 42 Monaten Haft. Der Staatsanwalt hegt „keinerlei Zweifel“, dass der 47-jährige Algerier den Tod des 27-jährigen Landsmanns beabsichtigte. Nach dem Anhören mehrerer Zeugen und des Opfers sah Ide es als erwiesen an, dass der 47-Jährige im vorigen Jahr drei Taten beging. Es begann am 31. Juli mit einer Körperverletzung durch das Schlagen mit der flachen Hand auf den Kopf sowie dem Verabreichen einer Kopfnuss an einen Mann, der später Zeuge der weiteren Taten wurde. Es folgte am 3. September vor Zeugen Beleidigungen und eine Bedrohung mit dem Tode des 27-Jährigen. Schließlich kam es am 7. September zu zwei Angriffen mit Küchenmessern.

Diese spielten sich nach Auffassung Ides folgendermaßen ab: Obwohl ein Zutrittsverbot bestand, betrat der Angeklagte das Zimmer des Opfers, in dem noch zwei weitere Bewohner waren, um sich angeblich zu entschuldigen. Beleidigungen seinerseits erwiderte das Opfer irgendwann, woraufhin der 47-Jährige ein Kneipchen mit einer 7 Zentimeter langen Klinge aus der Hosentasche zog und auf den 27-Jährigen losging. Dieser hob geistesgegenwärtig einen Stuhl hoch und wich zurück, sodass der Angreifer trotz schwingender Armbewegungen nicht an ihn herankam.

Die beiden Zeugen griffen ein, hielten den Angreifer ab und drängten ihn zur Eingangstür, wobei das Messer zu Boden fiel. Als dieser den Raum verließ, folgte der Angegriffene ihm mit dem Stuhl in der Hand auf den Flur, um die Mitarbeiter der Security über den Angriff zu informieren. Auf dem Gang ging der 47-Jährige erneut auf den 27-Jährigen los, zog ein Küchenmesser mit einer 9 Zentimeter langen Klinge aus der Hosentasche und rief, dass er den Jüngeren töten werde. Dieser brachte sich hinter eine Trenntür aus Glas in Sicherheit bis Security-Leute den Angreifer festhielten und ihm das Messer abnahmen. Nachdem sich der 47-Jährige beruhigt hatte, ging er auf sein Zimmer und wartete dort, bis ihn Polizisten festnahmen. Zum Streit kam es, weil der 27-jährige Mitarbeiter eines Lidl-Marktes auf einen Diebstahl durch einen Freund des 47-Jährigen hinwies.

Der gestern als Zeuge gehörte Mitbewohner bestätigte diese Version, wenn auch in abgeschwächter Form, sprach davon, dass der 47-Jährige den Jüngeren sicherlich nicht töten wollte. Allerdings berichtete er vom betrunkenen Zustand des Angreifers und dass dieser täglich Haschisch konsumierte. Von Cannabis-Rückständen im Körper des Angeklagten sprach auch der Sachverständige, Professor Reinhard B. Dettmeyer, ebenso von einer Alkoholkonzentration im Blut des Angeklagten zur Tatzeit von 1,8 bis 2,27 Promille, wodurch eine erhebliche Beeinträchtigung der Steuerungsfähigkeit in Betracht komme, auf jeden Fall aber eine deutliche alkoholbedingte Enthemmung. Dabei sei es Glück oder Pech, ob das Opfer mit dem Messer getroffen werde. Wobei es im Brustbereich kaum zu tödlichen Wunden kommen könne, mit einem Kneipchen am Hals aber tödliche Verletzungen anzurichten sind.

Der psychiatrische Sachverständige, Martin Stein, gab seine Einschätzung nach Aktenlage ab, da der Angeklagte ebenso Gespräche mit ihm verweigerte, wie er während der Gerichtsverhandlung schwieg. Der Cannabis-Nachweis deute auf einen Dauergebrauch und der „mindestens“ schädliche Gebrauch von Alkohol auf eine wahrscheinliche Abhängigkeit hin. Dennoch sprächen die Tatankündigung und die Planung gegen eine erheblich verminderte Steuerungsfähigkeit. Zudem gebe es nur negative Prognose-Indikatoren und es sei zudem unklar, ob der Angeklagte eine Therapie absolvieren wolle, die dadurch erschwert sei, dass sie vom Beherrschen der Sprache lebe.

Der Pflichtverteidiger stellte in seinem Plädoyer das Geschehen als „fürchterlich übertriebenes männliches Gockelgehabe“ dar, welches mit einer „völlig übertriebenen Darstellung“ der Zeugen einhergeht. Diese sei wohl auf Falschinformationen über eine angebliche lange Haftstrafe des Angeklagten in Italien zurückzuführen. Auch sei die „Ich-töte-Dich“-Ankündigung vor Zeugen ein sicheres Indiz dafür, dass dies nicht geschehen werde. Und unlogisch sei auch, dass ein verängstigtes Opfer dem Angreifer auf den Flur folge.

Das Gericht entschied auf eine versuchte gefährliche Körperverletzung in Tateinheit mit Bedrohung sowie einen minderschweren Fall der versuchten Körperverletzung. Laut Richter Oehm teilt das Gericht zwar die Darstellung des Staatsanwalts zum Tatgeschehen, aber auch die Ansichten des Verteidigers. So reiche das nicht erbeutete Fleisch wohl kaum als Grund zum Töten aus und würde dies mit einem Kneipchen auch nur versuchen, „wenn man sonst nichts hat“. Es handelte sich wohl um das Abstrafen einer Petze durch Verletzen, wobei der erste Versuch im Zimmer fehlschlug, die beiden im Flur für eine Fortsetzung der Tat aber zu weit auseinander waren.

Für den Angeklagten sprach, dass er nicht vorbestraft ist, es abgesehen von der Kopfnuss keine Verletzungen gab, er ebenfalls durch Beleidigungen angestachelt wurde und die alkoholbedingte Enthemmung. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Noch vor Ende der Haftverbüßung kann die Abschiebung eingeleitet werden.   

Von Gianfranco Fain