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Hinterland „Nach 34 Jahren darf man aufhören“
Landkreis Hinterland „Nach 34 Jahren darf man aufhören“
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14:57 30.07.2021
Werner Waßmuth widmet sich in Zukunft noch mehr den Pflanzen seinem Garten.   
Werner Waßmuth widmet sich in Zukunft noch mehr den Pflanzen seinem Garten.    Quelle: Foto: Silke Pfeifer-Sternke
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Lohra

Kaum ein Kommunalpolitiker hat bundesweit so viel Aufmerksamkeit erregt wie der Christdemokrat Werner Waßmuth. Die Forderung, eine Gendatenbank von Hunden anzulegen, um Hundehalter ausfindig zu machen, die Hundekot auf Straßen und Wegen nicht ordnungsgemäß entsorgen, machte 2018 Schlagzeilen. Damals hat Waßmuth viel Häme einstecken müssen, sogar Eier wurden auf sein Auto geworfen, und er wurde bedroht. Zwar hat sich die Idee in der Südkreis-Kommune nicht durchgesetzt, aber letztlich habe sie zumindest psychologisch gewirkt. „Viele Hundehalter nutzen mittlerweile die Tütchen“, sagt Waßmuth. Im Ergebnis ist der 71-Jährige zufrieden. Dass er zu diesem Thema viel einstecken musste, nimmt er gelassen hin. „Im Augenblick tut es zwar weh, aber dann schüttelt man es weg“, sagt er. Er weiß aus Erfahrung, dass vieles eben nicht von heute auf morgen zu ändern ist. „Manchmal muss man dicke Bretter bohren“, sagt er.

Vor zwei Jahren hatte Waßmuth bereits angekündigt, auf der kommunalpolitischen Bühne kürzertreten zu wollen. Gesundheitliche Gründe zwingen ihn nun zu einem vorzeitigen Aufhören. Heute Abend wird Waßmuth aus seinem Amt als Vorsitzender der CDU Lohra nach 34 Jahren verabschiedet. Zu seinem Nachfolger wird mit hoher Wahrscheinlichkeit der in Kirchvers wohnende Christian Heubel gewählt. Der restliche Vorstand wird dann turnusmäßig im vierten Quartal neu gewählt werden.

Waßmuth hat den Termin wohl überlegt. Der Bundestagswahlkampf steht vor der Tür. Dort mitzumischen wäre für ihn ein zu großer Stressfaktor. Seine Mandate im Gemeindeparlament und im Kreistag behält er noch. Er will weiter mitmischen – nur nicht mehr in vorderster Reihe. „Nach 34 Jahren darf man aufhören“, sagt Waßmuth. Er hätte auch schon früher einem Nachfolger Platz gemacht. Doch es sei schwierig gewesen, jemanden zu finden.

Seit 1977 ist Waßmuth ununterbrochen in Lohras Gemeindevertretung, seit 1993 als Fraktionsvorsitzender. An die Projekte, die hohe Hürden nehmen mussten, erinnert er sich noch gut. Das waren zum Beispiel der umstrittene Bau der Sportanlage und der Erhalt des Waldschwimmbades Kirchvers. Das Freibad stand in den 1990er-Jahren auf der Streichliste, weil dem Gemeindevorstand ein Gutachten zur Sanierung über 4,5 Millionen DM vorlag. Heute seien alle froh, dass das Kleinod damals vom Förderverein übernommen und für nur 70 000 DM saniert worden ist. Besonders wichtig war und ist ihm auch, dass die Gemeinde Lohra Baugebiete auf Gemeindeeigentum ausweist, damit Bauwillige sich den Bauplatz auch leisten können.

Ein schwieriges Unterfangen sei der Interkommunale Gewerbepark Salzbödetal gewesen, der ebenfalls in den 1990er-Jahren auf den Weg gebracht worden ist. „Heute ist er ein Segen für die drei Kommunen Lohra, Bad Endbach und Gladenbach. Heftigen Widerstand habe es auch beim Neubau des Kindergartens hinter dem Bürgerhaus gegeben. Favorisiert hatte die Verwaltung das ehemalige Lehrerhaus an der Schule und eine Finanzlücke von 300 000 DM ins Spiel gebracht.

Um diese zu schließen, hat Waßmuth seine Verbindungen spielen lassen, und so gab es 300 000 Euro aus dem damals noch verfügbaren Kreisausgleichsstock. „Das hat richtig Spaß gemacht“, sagt Waßmuth. Was noch nachwirkt – im positiven Sinne –, sei der Verkauf der Bürgerhäuser. Nur so sei es möglich gewesen, das Defizit der Gemeinde um die Hälfte zu reduzieren. Mittlerweile steht nur noch das Bürgerhaus in Damm zum Verkauf – „Corona-bedingt“, sagt Waßmuth. Der Verkauf habe sich nur verschoben, Interessenten gebe es.

Seit 1987 steht Waßmuth für die CDU an vorderster Front bei Wahlkämpfen. 2002 kandidierte er gar selbst für den Bundestag, war aber nur zweiter Sieger – immerhin mit 55 000 Stimmen. Mit seinen 71 Jahren blickt er zwar gern auf seine kommunalpolitische Karriere zurück. Aber er kann auch loslassen, zumindest in kleinen Schritten.

Von Silke Pfeifer-Sternke