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Hinterland Ohrwurm als Vorgeschmack
Landkreis Hinterland Ohrwurm als Vorgeschmack
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11:57 03.08.2020
Ein Bild vom Videodreh für das Musical „Der Stadtbrand“ mit Stefan Briel und Lorena Dehmelt. Der Clip bietet einen Vorgeschmack auf die Schlossfestspiele des nächsten Jahres. Quelle: Mark Adel
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Biedenkopf

„Das ist gut, das nehmen wir.“ Paul Graham Brown wirft noch einen kurzen, zufriedenen Blick aufs Kameradisplay, dann geht es weiter zum nächsten Drehort.

Eigentlich würden gerade die Vorbereitungen für „Der Stadtbrand“ auf Hochtouren laufen. Brown hat das Musical geschrieben, das im Hof des Biedenkopfer Schlosses gezeigt werden sollte und auf historischen Begebenheiten basiert. Doch Darsteller und Besucher müssen sich wegen Corona bis nächstes Jahr gedulden.

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Ein Musikvideo soll die Wartezeit überbrücken – und Appetit machen. Die beiden Hauptdarsteller Lorena Dehmelt und Stefan Briel haben sich schon morgens mit Brown im Tonstudio von „Northroad Records“ in Breidenbach getroffen. Dort singen sie das Liebeslied „Sehe ich dich an“ ein – nach knapp drei Stunden ist die Tonaufnahme der gefühlvollen, eingängigen Ballade beendet.

Dann geht es weiter nach Biedenkopf: Der Regisseur hat am Vortag verschiedene Plätze festgelegt, an denen das Video gedreht werden soll: Entlang der Lahn, auf einer Wiese zwischen Biedenkopf und Eckelshausen – und natürlich am Schloss.

Ein kleiner Ausgleich für den Tontechniker

Marcel Olbert aus Breidenbach dreht die Szenen, er wird in den nächsten Tagen auch das Video schneiden. Die Stadt betritt damit Neuland: Zwar gab es bislang DVDs von den Aufführungen, aber noch keinen einzelnen Clip. Kulturreferent Steffen Keiner möchte mit dem Video ein größeres Publikum erreichen und auch Menschen für die Aufführungen begeistern, die noch nicht zu den Stammgästen gehören.

Ein weiterer Aspekt: Es sollen diejenigen zumindest einen kleinen Ausgleich erhalten, die unter dem Ausfall der Festspiele und der zahlreichen weiteren Veranstaltungen besonders leiden. Nils Enners zum Beispiel wäre eigentlich als Tontechniker im Einsatz.

Er betreibt zusammen mit Marcel Olbert „Northroad Records“ und hat die Tonspuren aufgenommen sowie das Lied abgemischt. Denkbar seien durch das Video neue Wege der Werbung – etwa in Kinos. „Wir waren zwar im Vorverkauf schon sehr stark“, sagt Steffen Keiner. Aber bei den Besuchern handele es sich vor allem um eine „eingeschworene Fangemeinde“.

Brown: Wir wollten etwas Positives machen

„Wir könnten aber noch deutlich mehr erreichen“, sagt der städtische Kulturreferent. Auch, weil sich das Video über soziale Netzwerke verbreiten könne. Es gebe viele Musical-Fans in Deutschland, die Biedenkopf noch nicht kennen und nicht wissen, dass es sich um eine professionelle, aufwendige Produktion handelt und der erfahrene Musical-Komponist Paul Graham Brown für die Musik und Inszenierung verantwortlich zeichnet.

Den Künstlern sollte zugleich ein wenig die Enttäuschung gelindert werden. „Die Schauspieler standen in den Startlöchern“, sagt Brown. „Alle waren enttäuscht, dass es nicht weiterging. Deshalb wollten wir was Positives machen.“ Der Regisseur plant noch weitere Aktionen: Zum Beispiel einen virtuellen Chor aus den Ensemble-Mitgliedern, die zu Hause ein Stück einsingen, das dann zu einem Video zusammengeschnitten wird.

„Ich habe die ganze Zeit das Lied im Kopf“

„Das Stück basiert auf dem großen Brand in der Oberstadt von 1717“, erläutert Brown, der sich zur Handlung noch bedeckt hält. „Wir stellen Situationen nach, die historisch bewiesen sind. Aber es muss sich entfalten wie ein Krimi. Und wir erzählen eine Liebesgeschichte und ein Abenteuer. Es ist aber auch Sozialkritik dabei.“ In Breidenbach gab es damals eine jüdische Gemeinde, auch sie wird in die Handlung einbezogen.

Im Lied findet sich ein Liebespaar, die Hindernisse werden im Video symbolhaft dargestellt. Aber: „Es ist eine Liebesgeschichte, die damals nicht hätte sein dürfen“, sagt Brown. Die beiden Darsteller sind begeistert: „Das Stück ist ein absoluter Ohrwurm“, sagt Stefan Briel. „Eine wunderschöne Melodie. Das macht total Spaß.“ Und Lorena Dehmelt ergänzt: „Ich habe die ganze Zeit das Lied im Kopf.“

Überrascht von Zuschlag für Hauptrolle

Briel ist Lokalmatador und zugleich Neuling – der Erzieher aus Biedenkopf, der unter anderem als Frontmann der „Mangonuts“ bekannt ist, hat nach dem Vorsprechen prompt eine Hauptrolle bekommen. Er spielt einen Tagelöhner – mehr will auch er noch nicht verraten.

Er sei auf der einen Seite zwar enttäuscht, dass die Aufführungen ins nächste Jahr verschoben wurden. „Aber ich war auch ein bisschen erleichtert. Das gibt mir persönlich ein bisschen mehr Zeit, mich mit dem Gedanken anzufreunden, eine solche Rolle zu haben.“ Er sei eigentlich eher auf einen kleineren Part aus gewesen. „Ich wollte einfach nur dabei sein. Als dann eine relativ große Rolle auf mich zu kam, hatte ich Angst vor der eigenen Courage.“

Schon Musical-Erfahrung hat die Hamburgerin Lorena Dehmelt. Sie hatte die Ausschreibung im Internet gesehen. „Ich fand es interessant, in was Neues reinzuschnuppern“, sagt die 22-Jährige.

Bis das Video fertig ist, müssen sich Musical-Fans noch gedulden: Voraussichtlich Mitte August ist der Song abgemischt, der Clip geschnitten und wird dann über Youtube und soziale Netzwerke verbreitet.

Von Mark Adel