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Hinterland „Brooklyn Bridge“ im Hinterland
Landkreis Hinterland „Brooklyn Bridge“ im Hinterland
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20:50 02.08.2021
Die Hinterländer Mountainbiker an der Grenze zwischen Wollmar, Niederasphe und Oberasphe, die zugleich auch den Rand des alten Hinterlands markiert – Oberasphe gehörte bis 1932 zum Kreis Biedenkopf.
Die Hinterländer Mountainbiker an der Grenze zwischen Wollmar, Niederasphe und Oberasphe, die zugleich auch den Rand des alten Hinterlands markiert – Oberasphe gehörte bis 1932 zum Kreis Biedenkopf. Quelle: Mark Adel
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Oberasphe

Der Schweiß tropft, als die „Hinterländer Mountainbiker“ am Dreimärker zwischen Wollmar, Niederasphe und Oberasphe eintreffen. Der Grenzstein, der erst 2012 neu gesetzt wurde, gehört zu den Dutzenden Markierungen an der alten Grenze des Hinterlands – dazu zählte lange Oberasphe, während Wollmar und Niederasphe historisch gesehen dem Kreis Marburg angegliedert waren.

Der Oberaspher Heimatforscher Horst Wagner berichtet den radelnden Geschichtsinteressierten von der Geschichte des Dorfs und der Grenze.

Hinter den Bikern liegen anderthalb Tage steten Aufs und Abs, immer möglichst dicht entlang der historischen Grenze. Am ersten Tag haben sie 75 Kilometer und beachtliche 2 150 Höhenmeter zurückgelegt, mussten einmal Bremsbeläge wechseln und einen Plattfuß flicken.

Abenteuer-Faktor bekommt fünf von fünf Punkten

Radjournalist Thomas Widerin aus Österreich, der schon in der ganzen Welt auf zwei Rädern unterwegs war, schätzte die Tour als besonders anspruchsvoll ein – und gab fünf von fünf Punkten für den Abenteuer-Faktor.

Die Familie von Gerhard Pfeifer überraschte die Radler mit einer Erfrischungsstation, sie halfen bei der Suche nach einem entlaufenen Hund, und zwischendurch tauchten sie immer in die Heimatgeschichte ein. Dafür trafen sie sich mit Lokalhistorikern.

Georg Braun informierte die Gruppe auf dem Hof Wallachei bei Elsoff über den Elsoffer Bauernkrieg, in dem sich das Volk 1725 gegen die Doppelbesteuerung von beiden Seiten der Grenze wehrte. Resultat waren acht Tote, darunter auch schwangere Frauen, und 40 Verletzte. Wo der Bach Elsoff die Grenze markierte, durfte jeweils nur bis zur Mitte gefischt werden.

Nicht nur im Breidenbacher Grund hält sich das Gerücht um das „Recht der ersten Nacht“ hartnäckig, bei dem angeblich Dienstherren bei Heirat von zwei ihm unterstehenden Personen die erste Nacht mit der Braut verbringen durften. Laut Georg Braun gibt es Belege dafür, dass die Grafen ihr „Recht“ in Anspruch nahmen, um frisches Blut ins Volk zu bringen.

Und nicht nur in Simmersbach, sondern auch in der Nähe von Elsoff führte die Grenze bis ins Jahr 2000 mitten durch ein Wohnhaus.

Vorbei an einem der größten Sägewerke Europas

Die Nacht verbrachten die Hinterländer Mountainbiker in einem Hotel in Hesborn, nahe dem nördlichsten Punkt des ursprünglichen Hinterlands, von wo aus sie am Samstagmorgen in Richtung Marburg starteten.

Sie fuhren bei Somplar an einem der größten Sägewerke Europas vorbei, das sich einen Teil des Grenzverlaufs „einverleibt“ hat. Selbst der tiefe Boden und nasse Füße konnten den Radfahrern ihren Spaß nicht verderben.

Nahe Haina erreichte die Gruppe die Wüstung Bennighausen, wo ein Kirchenstumpf von der einstigen Besiedlung zeugt. In Richtung Wollmar führen die Grenzsteine 110 und 111 zu einer Nachbildung der Brooklyn Bridge, deren Original die Hinterländer Mountainbiker schon einmal befuhren. Die Kopie ist eigens für den Wollmarer Grenzgang erbaut worden.

Nahe Oberasphe erzählte Horst Wagner, dass die in diesem Bereich dünn gesäten Grenzsteine der flexiblen landwirtschaftlichen Nutzung geschuldet seien. Auch in Oberasphe gibt es mit der Bezeichnung Galgenacker einen Hinweis auf eine weitere Richtstätte in Grenznähe.

„Böse Überraschung“ an Tag zwei

„Unsere akribische Vorbereitung hat sich gelohnt, sonst hätten viele böse Überraschungen auf uns gewartet“, sagte Matthias Schmidt am Ende des ersten Tourtages. „Das Waldsterben verändert die Fahrbarkeit fast täglich.“ Die schweren Forstmaschinen haben tiefe Spuren hinterlassen, die die Federung und die Arme besonders beanspruchen. Dafür seien aber bisher unbekannte grandiose Ausblicke möglich.

Eine „böse Überraschung“ gab es am zweiten Tag dann doch noch: Navigator Jörg Krug, der die Gruppe anführte, erwischte es während einer Abfahrt. Thomas Widerin versorgte die Wunden – der Autor ist auch Flugretter in Österreich. Die Fahrt konnte zum Glück weitergehen.

Die August-Weide-Hütte bildete den Einstieg in einen Abschnitt des Buchenauer Grenzganges. Nach der Lahnüberquerung wartete der ­Rimberg auf die Mountainbiker. Der Weinpfad führte schließlich zum Tagesziel, dem Hotel Dammmühle. Neben den „Stammfahrern“ sind als Gäste bei der Tour Gerhard Pfeifer und Stefan Blöcher mit dabei.

Von Mark Adel