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Hinterland Mord mit VW Bulli als Tatwaffe?
Landkreis Hinterland Mord mit VW Bulli als Tatwaffe?
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20:00 19.04.2021
Am Landgericht Marburg läuft ein Prozess wegen versuchten Mordes.
Am Landgericht Marburg läuft ein Prozess wegen versuchten Mordes. Quelle: Archivfoto: Thorsten Richter
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Dautphetal

Um ein Urteil in einem Mordprozess fällen zu können, sind für die 6. Strafkammer des Landgerichts Marburg zwölf Termine angesetzt. Bis Ende Juni sollen 27 Zeugen und zwei Sachverständige befragt und gehört werden, und schon beim gestrigen Verhandlungsauftakt deutete sich an, dass dieser Zeitraum ausgeschöpft werden könnte. Denn dem Verlesen der Anklageschrift durch Staatsanwalt Timo Ide folgte eine Verhandlungspause, damit auf Verlangen des Wahlverteidigers eine erneute Exploration des psychiatrischen Sachverständigen mit dem 66-Jährigen stattfindet.

Es gebe die Befürchtung, dass sich durch das Übersetzen bei der Befragung Fehler eingeschlichen hätten oder missverständliche Äußerungen entstanden seien, hieß es zur Begründung. Der Sachverständige Dr. Helge Laubinger äußerte seine Verwunderung, da extra ein vereidigter Übersetzer engagiert war und es keine Hinweise auf Schwierigkeiten beim Übersetzen gab. Zudem gab Laubinger zu bedenken, dass sich eine psychiatrische Untersuchung allein durch die Anwesenheit eines Dolmetschers verändere, seien noch zwei Rechtsanwälte dabei, diese sich noch mehr vom ursprünglichen Ansatz entferne.

Was die erneute Exploration ergab, erfuhren die elf Zuhörer im Raum 101 des Landgerichts nach der mehrstündigen Unterbrechung nicht.

Zuvor warf Ide dem 66-jährigen Angeklagten vor, am 9. Mai des vorigen Jahres unter anderem einen Mordversuch sowie weitere Delikte im Zusammenhang mit dem Führen eines Fahrzeuges unternommen zu haben. Laut Staatsanwalt fuhr der Angeklagte an jenem Samstagabend in Dautphe durch die Gladenbacher Straße am Haus des späteren Opfers vorbei, wo dieser am Straßenkehren war. Beide kennen sich schon lange und hegen seit Jahren eine Feindschaft. Diese trat im Jahr vor der Tat offen zutage, als sich die beiden Kontrahenten in der Biedenkopfer Moschee stritten. Es geht um ein Gerüst, das Mitarbeiter des 66-Jährigen abgebaut und abtransportiert haben sollen und welches das 40-jährige Opfer trotz Aufforderung nicht zurückerhielt.

Als der 66-Jährige an besagtem Samstagabend auf der Gladenbacher Straße in Höhe des Wohnhauses des 40-Jährigen vorbeifuhr, soll dieser geäußert haben, dass der 66-Jährige sich dort nie wieder blicken lassen solle. Außerdem soll es auch eine Beleidigung gegeben haben. In der Folge wendete der Angeklagte seinen VW Bulli, fuhr wieder in Richtung Biedenkopf und mit etwa 30 Stundenkilometern auf den Gegner zu und rammte ihn.

Dadurch soll der 40-Jährige mehrere Meter durch die Luft geflogen sein, bevor er auf dem Bürgersteig liegenblieb. Das Opfer zog sich einen Bruch des rechten Fußes, eine Platzwunde am Kopf, eine Gehirnerschütterung und mehrere Prellungen sowie Schürfwunden zu, weshalb er rund zwei Wochen im Krankenhaus behandelt wurde. Den Fahrer des Transporters nahmen Polizisten kurz nach dem Vorfall in seiner Wohnung fest.

Gestern hörten die Richter und Schöffen der 6. Strafkammer sowie die weiteren Prozessbeteiligten noch die erste Zeugin. Die Hauptkommissarin der Marburger Kriminalpolizei berichtete von ihren Vernehmungen. Dabei konzentrierten sich die Fragen des Vorsitzenden Richters Dr. Frank Oehm vor allem auf die Lage des Opfers und seiner Schuhe sowie die Vernehmung der siebenjährigen Tochter des Opfers.

Diese soll die Tat vom Fenster des Wohnzimmers aus verfolgt haben. Wie die Hauptkommissarin aussagte, berichtete das Kind, ihren Vater beim Fegen des Bürgersteiges gesehen zu haben, als ein großes dunkles Auto mit „etwas Großem hinten dran“ auf ihren Vater zufuhr.

Der VW Bulli der Modellreihe T5 mit Anhänger sei dabei „so schnell wie ein Leopard gewesen“ und habe den Vater mit der linken Seite angefahren. Unklar ist bisher, ob die Siebenjährige, die nach Angaben einer weiteren vernommenen Zeugin auf die Entfernung nicht gut sieht, an jenem Abend ihre Brille trug.

Die Verhandlung wird am Donnerstag, 22. April, um 9 Uhr im Saal 101 des Landgerichts Marburg fortgesetzt.

Psychologische Exploration

In der psychologischen Diagnostik bezieht sich die Exploration auf das Erkunden bestimmter Sachverhalte und Stimmungen mittels einer qualifizierten Gesprächsführung. Als diagnostische Methode dient sie zur Untersuchung von Persönlichkeitseigenschaften, Interessen, Werthaltungen, Einstellungen, Problemen und Denkweisen der Testperson. Eine gezielte Exploration wird zur Aufhellung bestimmter Probleme und Zusammenhänge eingesetzt.

Von Gianfranco Fain

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