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Hinterland Pilgern wie vor 900 Jahren
Landkreis Hinterland Pilgern wie vor 900 Jahren
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09:57 11.07.2019
Ganz schön anstrengend, so eine Pilgerwanderung. Trotz moderner Schuhe. Auf dem Elisabeth-Pfad pilgerten die Mittelalterdarsteller von Diedenshausen nach Marburg, teilweise auf ­befestigten Wegen. Quelle: Michael Seidel
Diedenshausen

„Als wir losgegangen sind, hatten wir schon ein bisschen Sorge, es würde ­einen Unfall geben, weil die ­Autofahrer nur noch nach uns geguckt haben“, sagt Desiree Seidel.

„Aber die Leute in den Orten waren unheimlich nett und sehr interessiert, was wir hier eigentlich tun.“ Was sie tun, heißt „Reenactment“, die historisch möglichst korrekte Live-Darstellung vergangener Epochen.

„Das war mehr Zufall“, sagt Michael Seidel zur Wahl von Epoche und Nationalität. „Ich muss zugeben, mir gefielen vor allem die Helme mit dem Nasal, und dann kam noch dazu, dass es über die Normannen relativ viel gesichertes historisches Material gibt. So wurden wir eben ein normannischer Haushalt.“

Fünf Mal pro Jahr auf Mittelaltermarkt

Der „Haushalt“, 2009 ­gestartet, besteht aktuell aus 26 Mitgliedern, das jüngste ist zwei Jahre, der älteste 58 Jahre alt. Sie fahren gemeinsam auf Mittelalterveranstaltungen, bauen dort ­ihren Haushalt auf, mit Zelten, Truhen, Tischen, Bänken, Betten, und natürlich mit der originalgetreuen Kleidung und den Waffen, die damals im 12. Jahrhundert von den Normannen benutzt wurden.

„Wir fahren im Schnitt fünf Märkte im Jahr an und haben großen Spaß“, erzählt Seidel. Die Mitstreiter kommen aus dem Hinterland oder Marburg, aus Herborn und anderen Orten im Lahn-Dill-Kreis, aus dem Landkreis Waldeck-Frankenberg, aus Bad Wildungen oder Wetzlar. Jeder hat seine Rolle im Haushalt und in der Kriegerschar, die ein normannischer Adliger seinem Lehnsherrn im Kriegsfall zu stellen hatte.

Es geht um Geschichte und Gefühl

„Das europäische Lehenssystem im Feudalismus wurde in seinen Grundzügen ja eigentlich von den Normannen mitgebracht“, erklärt Seidel die zentrale Rolle der in Nordfrankreich ansässig gewordenen ­Wikinger für die mittelalterliche Gesellschaft.

Die Pilgerwanderung auf dem Elisabethpfad von Diedenshausen nach Marburg ergab sich aus der Weiterentwicklung der Darstellung, die die Gruppe vor allem verbindet. „Wir haben unser Wissen und unsere Ausrüstung über die Jahre immer mehr verbessert, und irgendwann war klar, dass die christliche Lebensweise einfach dazugehört“, erklärt Desiree Seidel. „Uns geht es um die Geschichte. Es gab auch Auswüchse des Christentums, und die stellen wir auch dar.“

Auf dem Elisabeth-Pfad sind die Mittelalter-Darsteller von Diedenshausen nach Marburg gepilgert. Foto: Michael Seidel

So kam die Gruppe auch auf die Idee mit der Pilgerwanderung. „Es geht um das Gefühl, wie man damals lebte. Die Leute waren meistens zu Fuß unterwegs, und Pilgern war sehr verbreitet“, sagt Desiree Seidel. Konkret sei es die Idee des neuen Mitglieds Jan gewesen.

So starten die normannischen Pilger in mittelalterlichen Gewändern, mit Strohhüten und sogar einer oder zwei Jakobsmuscheln am Hut morgens in Diedenshausen. „Nur bei den Schuhen haben wir gesagt, es dürfen auch moderne sein.

Bei den Schuhen darf geschummelt werden

Nicht jedem fällt es leicht, zehn oder zwölf Kilometer in mittelalterlichem Schuhwerk zu laufen“, erklärt Desiree Seidel. „Aber außer mir und einer der Frauen hat niemand von dieser Erleichterung Gebrauch gemacht. Alle anderen sind in Mittelalterschuhen gelaufen.“

Mit einem mittelalterlichen Gebet in Diedenshausen beginnt der Tag, stilecht vorgebetet von Hausherr Michael. Dann geht es Richtung Weitershausen. „Die Leute waren so freundlich. ,Ihr seht ja toll aus‘, haben sie gesagt, und uns sehr freundlich aufgenommen“. Unerwartet anstrengend sei es aber auch gewesen.

Ein bisschen Technik gibt's dann doch

„Heute läuft man ja mit einem Rucksack, das wollten wir nicht. Aber ich als die Hausherrin kann ja auch keine Kiepe aufsetzen wie eine Bäuerin oder eine Magd. Also habe ich das Wasser für unterwegs in einem Korb getragen“, sagt Desiree Seidel.

Bester Laune ziehen die Pilger weiter Richtung Dilschhausen und weiter auf den Weißen Stein zu. Dann ist plötzlich der Weg weg – dichter Fichtenwald, Wildschweinspuren, aber kein Pilgerpfad mehr. Die Gruppe läuft querfeldein weiter, dann muss doch moderne Technik benutzt werden. Per GPS finden die Pilger den Weg wieder.

Fortsetzung für nächstes Jahr geplant

„Es war schon eine besondere Erfahrung und hat uns auch als Gruppe einander nähergebracht“, fasst Hausherrin Desiree am Ende des Tages zusammen. „Wenn man zu Fuß unterwegs ist, hat man ja auch auf ganz andere Art Zeit. Wir haben unterwegs gute Gespräche geführt, da kommt man im Alltag ja kaum mal dazu.“ Und der Ausblick von den Bergen hat allen sehr gut gefallen. „Hoch war schwer, aber oben war es toll“, sagt ein Gruppenmitglied.

Alle sind begeistert und wollen die Pilgerwanderung zu ­einer festen Einrichtung machen. Nächstes Jahr um diese Jahreszeit können die Anwohner der heimischen Pilgerwege also wieder Ausschau halten nach einer normannischen Pilgerschar aus einer anderen Zeit.

von Martina Koelschtzky