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Hinterland Der Ex-Azubi ist jetzt der Chef
Landkreis Hinterland Der Ex-Azubi ist jetzt der Chef
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13:00 08.01.2022
Heinrich (hinten links) und Regina Schorge haben ihre Metzgerei zum Jahresbeginn an Lukas Graf übergeben.
Heinrich (hinten links) und Regina Schorge haben ihre Metzgerei zum Jahresbeginn an Lukas Graf übergeben. Quelle: Foto: Andreas Schmidt
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Weidenhausen

Das, was in Weidenhausen zum Jahreswechsel passiert ist, ist – leider – keine Selbstverständlichkeit: Regina und Heinrich Schorge haben sich aus ihrer Metzgerei in den Ruhestand zurückgezogen. Doch fällt damit nicht eine weitere Metzgerei in der Region weg: Lukas Graf, der schon seine Ausbildung in der Metzgerei Schorge absolviert hat, hat das Geschäft mitsamt seinen nahezu 30 Angestellten übernommen. „Ein Glücksfall – besser hätte es nicht kommen können“, sagt Heinrich Schorge.

Es habe durchaus „Angebote von außerhalb gegeben“, so Schorge. Doch hatte das Ehepaar eine bessere Idee: Mit Lukas Graf gab es einen vielversprechenden jungen Gesellen in der eigenen Metzgerei. Ob der vielleicht das Geschäft übernehmen wolle? Wollte er. Also absolvierte Lukas Graf seinen Meistertitel, „obwohl ich auf Schule zunächst gar keine Lust mehr hatte“, wie der 24 Jahre alte Frechenhäuser sagt. „Rückblickend war es die beste Zeit“, sagt er lachend. Nun hat er sich in seinem Traumberuf selbstständig gemacht, ist sich auch der Verantwortung bewusst.

Warum Traumberuf? „Mein Vater ist auch Metzger“, sagt Graf – und zwar bei Schorge. Der Sohn ist jetzt also der Chef des Vaters – „die ganze Familie ist ein tolles Team“, weiß Regina Schorge. Und erinnerst sich noch, als „Lukas als Kind bei einem Fischereifest mit einer selbst gefangenen Forelle vor uns stand und voller Stolz erzählt hat, dass er auch Metzger werden will“.

Dieses Ziel habe er nie aus den Augen verloren, wurde durch ein Schulpraktikum in der Metzgerei gar noch bestärkt. „Ich habe eine Bewerbung geschrieben – die einzige meines Lebens – und wurde genommen“, sagt Lukas Graf.

Heinrich Schorge hatte diese Freiheit nicht so sehr, als er seinerzeit den Metzgerberuf erlernte. „Meine Eltern hatten Landwirtschaft – da lag die Lehre auf der Hand.“ Bereut habe er dies jedoch nicht, „denn ich habe gesagt: Wenn schon Metzger, dann auch selbstständig.“ Seine Eltern verkauften Eier aus dem Auto heraus, „da habe ich mir gedacht, das muss auch mit Wurst gehen“.

Verkaufswagen: Kammer war von Konzept nicht überzeugt

Ein Verkaufswagen musste also her, und für den Kredit benötigte er ein Gutachten der Handwerkskammer. „Die hat aber gesagt, das wird nichts“, erinnert sich der heute 61-Jährige. Davon ließ sich Schorge nicht beirren, „der Kredit wurde dann halt etwas teurer“ – und sein Verkaufswagen ein voller Erfolg. Schorge fuhr über zahlreiche Dörfer im Hinterland und Lahn-Dill-Kreis, stand außerdem auf den Wochenmärkten in Herborn und Gladenbach – sieben Jahre lang. Seine Frau, gelernte Physiklaborantin, arbeitete damals in der Entwicklungsabteilung von Pfeiffer Vacuum, ging an Wochenenden und im Urlaub mit auf Verkaufstour. „In 1991 ergab sich dann die Möglichkeit für mich, die Metzgerei Schmidt in Weidenhausen zu übernehmen.“

Schorges packten die Gelegenheit beim Schopf, „obwohl wir gerade einen neuen Verkaufswagen bestellt und gebaut hatten – Schulden ohne Ende“, sagt Regina Schorge.

Zudem war gerade der Sohn geboren worden. Regina Schorge gab ihren Beruf auf, stieg voll in die Metzgerei ein – das sei schon früh so geplant gewesen. „Ich hatte auch schon Metzgerei-Ambitionen als Kind – ich habe nämlich immer Orangen geschlachtet“, sagt die heute 57-Jährige lachend, „habe mit der Schale Metzgerei gespielt.“

Im Jahr 1995 wurde in Weidenhausen der Neukauf eröffnet. Familie Schorge bekam die Möglichkeit, dort die Metzgerei zu übernehmen – und griff erneut zu. Drei Jahre später fing der Vater des heutigen Inhabers in der Metzgerei Schorge an, „als Lukas geboren wurde – um nämlich mehr Zeit für die Familie zu haben“, erinnert sich Heinrich Schorge.

Lukas Graf hat schon bei der Hausschlachtung geholfen

Als der Junior dann in der Metzgerei seine Ausbildung absolvierte, da war natürlich noch nicht daran zu denken, dass er sie einmal übernehmen werde. Doch sagt Lukas Graf: „Wir haben früher schon immer Hausschlachtungen gemacht – da war ich dabei.“ Die Liebe zum Beruf wurde ihm also quasi in die Wiege gelegt. „Auch heute gibt es einfach immer jede Menge Abwechslung, man wird jeden Tag vor neue Herausforderungen gestellt – langweilig wird es nie“, sagt er.

Dass mit der neuen Herausforderung auch jede Menge Verantwortung für ein nahezu 30-köpfiges Team einhergeht, ist dem 24-Jährigen bewusst. Daher plant er auch, für die Büro-Arbeit jemanden einzustellen, „denn für mich ist klar: Ich will im Betrieb mitarbeiten“ – nur am Schreibtisch sitzen, dafür habe er den Beruf nicht erlernt.

An vielem, das sich bewährt hat, will er festhalten. Der Verkaufswagen ist etwa immer noch unterwegs. Und: Seit jeher spielt Tierwohl eine große Rolle – da in der Metzgerei selbst geschlachtet wird, haben die Tiere vorher ein Wochenende Ruhepause. Da sie aus der Region kommen, gibt es auch nur kurze Wege. „Denkbar ist, später mehr in Richtung Bio zu gehen", sagt Graf. Auch über einen Verkaufsautomaten habe er schon nachgedacht. Doch jetzt stünde zunächst das Tagesgeschäft im Vordergrund, „es ist ja alles noch ganz neu“.

Von Andreas Schmidt