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Hinterland Messerattacke vor Gericht
Landkreis Hinterland Messerattacke vor Gericht
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12:00 22.10.2021
Der mutmaßliche Tatort: In diesem Haus in Biedenkopf soll ein Bewohner im Februar dieses Jahres einen anderen Mann mit einem Küchenmesser verletzt haben.
Der mutmaßliche Tatort: In diesem Haus in Biedenkopf soll ein Bewohner im Februar dieses Jahres einen anderen Mann mit einem Küchenmesser verletzt haben. Quelle: Foto: Sascha Valentin
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Marburg

Ein 25-jähriger Mann soll am 15. Februar in einem Haus in Biedenkopf versucht haben, einen anderen Mann mit einem Messer zu töten. Laut Staatsanwaltschaft leidet der Beschuldigte an paranoider Schizophrenie und war schuldunfähig. Nun beschäftigt sich die Sechste Strafkammer am Marburger Landgericht mit der Tat.

Das Schwurgericht unter Vorsitz von Richter Dr. Frank Oehm muss im Rahmen eines Sicherungsverfahrens den Tathergang klären und feststellen, ob der 25-Jährige zur Tatzeit schuldunfähig oder schuldfähig war. Die Kammer muss zudem entscheiden, ob der Mann dauerhaft in einer psychiatrischen Klinik untergebracht wird.

Staatsanwalt Timo Ide trug im Gericht die Anklageschrift vor. Demnach ereignete sich die Tat Mitte Februar in einer Asylbewerberunterkunft in Biedenkopf. Der 25-jährige Beschuldigte, der aus Afghanistan stammt und 2016 nach Deutschland gekommen war, wohnte in dem Haus. An jenem Nachmittag habe ihn ein 48-jähriger Bekannter besucht, führte Staatsanwalt Ide aus. Der Besucher habe geliehenes Geld und ein Handy von dem 25-Jährigen zurückgefordert und danach wieder gehen wollen.

Der Jüngere sei ihm aber zum Treppenhaus gefolgt. Dann habe er mit einem Küchenmesser, das eine 15 Zentimeter lange Klinge hatte, wiederholt auf den Mann eingestochen. Dabei habe er gedroht, den Geschädigten umzubringen. Am Ende des Gerangels habe der 48-Jährige Schnitt- und Stichverletzungen am Kopf, an der Schulter und am Arm davongetragen.

Der Staatsanwalt erklärte, der 25-Jährige habe versucht, den anderen Mann heimtückisch zu töten. Da der Beschuldigte an paranoider Schizophrenie leide, habe er im Zustand der Schuldunfähigkeit gehandelt und sei in einem psychiatrischen Krankenhaus unterzubringen.

Abschiebung befürchtet

Der Beschuldigte, der die Ausführungen des Staatsanwaltes still und fast bewegungslos verfolgt hatte, wollte sich zum Tathergang nicht äußern. Pflichtverteidiger Thomas Strecker kündigte an, sein Mandant werde möglicherweise später im Verfahren noch Angaben machen.

Der 48-Jährige, auf den der Beschuldigte eingestochen haben soll, sagte als Zeuge vor Gericht aus. Er bestätigte im Wesentlichen den vom Staatsanwalt geschilderten Tathergang. Er selbst habe damals in der Nähe der Asylbewerberunterkunft gewohnt. Den 25-Jährigen habe er über einen gemeinsamen Bekannten kennengelernt.

Dem jungen Mann sei es damals nicht gut gegangen. Dieser habe befürchtet, aus Deutschland abgeschoben zu werden. Der 25-Jährige habe ihn auch um Geld gebeten. „Ich habe ihm Geld für Zigaretten und Essen geliehen“, sagte der 48-Jährige. 200 bis 300 Euro seien das insgesamt gewesen. Auch ein Handy habe er ihm überlassen.

An jenem 15. Februar habe er das Geld und das Handy dann zurückhaben wollen. Der Beschuldigte habe jedoch nicht zahlen können. Aber das Handy habe er ihm zurückgegeben. Er selbst, so berichtete der 48-Jährige, habe sich damit zufriedengegeben und sei – ohne weiter Druck wegen des fehlenden Geldes zu machen – gegangen. Dann plötzlich habe ihm der 25-Jährige aber zugerufen, er solle warten. Der junge Mann sei auf ihn zugekommen und habe plötzlich auf seinen Kopf eingestochen. Erst danach habe er das Messer in der Hand des Beschuldigten bemerkt, erklärte der Zeuge. Er habe versucht zu fliehen. Doch der 25-Jährige sei ihm gefolgt und habe ihm auf der Treppe weitere Verletzungen an Schulter und Ellenbogen zugefügt. Dabei habe der Beschuldigte zu ihm gesagt: „Du gehst nicht lebend von hier.“

„Ich habe um Hilfe geschrien“, sagte der Geschädigte vor Gericht. Im Gerangel habe er den Angreifer schließlich zu Boden drücken können. Ein anderer Hausbewohner, der dazugekommen sei, habe dann das Messer beiseite räumen können und einen Krankenwagen gerufen. Er selbst, so sagte der Geschädigte aus, habe dann das Messer an sich genommen und sei zunächst trotz seiner Verletzungen nach Hause gegangen. Als später Krankenwagen und Polizei vor Ort waren, sei er zurückgekommen.

Nachfragen des Gerichts zur psychischen Verfassung des 25-Jährigen an jenem Tag konnte der Geschädigte nicht genau beantworten. „Wir haben nicht viel gesprochen“, sagte der Zeuge. Der 25-Jährige habe „ein bisschen aggressiv“ gewirkt und ihn nicht in sein Zimmer lassen wollen. Mehr wisse er nicht. „Ich weiß nicht, warum er das getan hat. Ich kann es immer noch nicht begreifen“, sagte der Zeuge.

Zum Tatmotiv steuerten am Mittwoch auch die weiteren vom Gericht geladenen Zeugen wenig Konkretes bei. Drei Polizeibeamte, die am Tatort waren, machten Aussagen. Zudem legte eine rechtsmedizinische Sachverständige ihr Gutachten vor. Ein Bericht dazu folgt.

Von Susan Abbe

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