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Hinterland Medizinisches Zentrum soll Lösung sein
Landkreis Hinterland Medizinisches Zentrum soll Lösung sein
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07:58 28.08.2019
Die Arbeit der Projektgruppe Ärztliche Versorgungsplanung geht weiter. Den „Mittelbereich Biedenkopf“ will man „noch kleinräumiger“ betrachten.  Quelle: Karl-Josef Hildenbrand/dpa
Dautphetal

„Wir versuchen an den Strukturen der dezentralen Versorgung mit Ärzten festzuhalten“, antwortete Bürgermeister Bernd Schmidt während der jüngsten Gemeindevertretersitzung auf eine Anfrage des CDU-Fraktionsvorsitzenden.

Dr. Horst Falk fragte Schmidt nach seiner Bewertung von Aussagen, die Mitte August beim „Hearing“ zur „Ärztlichen Versorgung im Landkreis Marburg-Biedenkopf“ getroffen wurden.

Dabei habe die Landrätin entgegen ihrer Zusicherung geäußert, dass kein anderes Konzept als das eines Medizinischen Versorgungszentrums (MVZ) geprüft werde. Zudem hieß es, die in Marburg ansässige Ärztegenossenschaft Prima kaufe freiwerdende Sitze auf, um sie später in einem MVZ zu bündeln.

Standpunkt

Die Reise führt über weitere Wege

Keine Überraschung ist, zu welchen Ergebnissen die Macher des Projektes Versorgungsplanung kommen: Die Reise geht in Richtung Medizinisches Versorgungszentrum oder alternativ Regionales-Gesundheitszentrum. Da die Besprechungen nicht öffentlich waren, bleibt es bei Spekulationen, weshalb kein anderer Weg gefunden wurde.

War es Ideenlosigkeit, die oft zitierte „Macht des Faktischen“, fehlender Mut beziehungsweise die Wahl des einfachsten Weges? Oder bekommt gar das Sozialministerium für sein Geld das, was es wollte – oder schlimmer: keine neuen Erkenntnisse?

Unterm Strich kommt jedenfalls das heraus, was die Kassenärztliche Vereinigung schon lange propagiert. Den Patienten im größten Teil des Hinterlands bleibt noch die Hoffnung, dass es bei der Ausgestaltung nicht zu einem einzigen großen MVZ an einem Ort kommt.

Eines dürfte jedoch sicher sein: Nach der Konzentration des Ärztlichen Bereitschaftsdienstes in Marburg – durch die Kassenärztliche Vereinigung – kommen auf Kranke auch für reguläre Arztbesuche weitere Weg zu.

von Gianfranco Fain

Die dezentrale Versorgung mit Ärzten sei im Interesse der ländlich geprägten Gemeinde Dautphetal, ergänzte deren Bürgermeister, der die MVZ als Bündelung von mehreren Ärzten an einem Ort als „letzte Lösungsmöglichkeit“ bezeichnet.

Dass ein MVZ in der Hinterlandgemeinde nicht auf viel Gegenliebe stößt, machte Dr. Falk schon beim Start des Projektes „Innovative Versorgungsplanung im Landkreis Marburg-Biedenkopf“ deutlich. Später kritisierte er aus seinem Eindruck heraus, dass der Landkreis mit seiner Strategie auf Medizinische Versorgungszentren zusteuere. Dem widersprach Landrätin Kirsten Fründt und versicherte Dr. Falk, dass ergebnisoffen geprüft werde (die OP berichtete).

Kreis diskutiert noch mit Land

Dies sei auch in Gesprächen mit Ärzten, Bürgermeistern und der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen (KV) geschehen heißt es aus dem Kreishaus. Neben der Option MVZ habe es auch Gespräche über Praxisgemeinschaften und Zweigstellenpraxen gegeben. „Dabei hat sich als mögliche Handlungsoption das Modell MVZ/Regionales Gesundheitszentrum herauskristallisiert“, erklärt die Landrätin auf Anfrage der OP. Wichtig sei nun, das weitere Vorgehen eng mit den niedergelassenen Ärzten abzustimmen.

Dazu stünden intensive Gespräche mit den Akteuren und dem Land Hessen auf der Agenda, erklärt Kreis-Pressesprecher Stephan Schienbein den Umgang mit den bisherigen Ergebnissen. Die wurden seit Ende November in „intensiven Vor-Ort-Analysen“ im KV-Mittelbereich Biedenkopf mit Bürgermeistern und fast allen Medizinern ermittelt, erklärte die Leiterin des Gesundheitsamtes Dr. Birgit Wollenberg während des Hearings.

Trägerschaft noch ungewiss

Zusammen mit den Zahlen der KV zur Situation der haus- und fachärztlichen Versorgung im „Mittelbereich Biedenkopf“ kam man zu folgenden Ergebnissen:

  • Ein MVZ beziehungsweise Regionales Gesundheitszentrum ist die Option.

  • Das Potenzial, für Hausbesuche durch nicht-ärztliche Praxisassistentinnen, die sogenannten NäPas einzusetzen, ist besser auszuschöpfen.

  • Medizinstudium und Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin in ländlichen hausärztlichen Praxen sind besser zu verknüpfen.

Über Organisationsform oder Trägerschaft eines MVZ könne man derzeit noch nicht einmal spekulieren, ergänzt Schienbein. Vorerst sei der „Mittelbereich Biedenkopf“, die Modellregion umfasst die Kommunen Angelburg, Steffenberg, Breidenbach, Dautphetal und die Stadt Biedenkopf, „noch kleinräumiger“ zu betrachten, um beim Nachbesetzen der sechs freien Arztsitze unterstützen zu können.

Prima 
sieht sich als Notnagel

Um diese zu übernehmen, fehlen der Ärztegenossenschaft Prima noch die rechtlichen Grundlagen, erklärt Dr. Hartmut Hesse der OP. Der Vorsitzende des Vorstandes stellte die Prima-Position während des Hearings dar. Er betont aber auch: Die Ärztegenossenschaft sieht sich als Notnagel, würde Arztsitze nur übernehmen, falls diese zu verweisen drohen.

Dazu befinde sich die „Prima MVZ GmbH“ in Gründung, die Satzung sei mittlerweile verabschiedet. Allerdings wolle man keinen Wettbewerb mit niederlassungswilligen Kollegen eingehen, weil es besser sei, „wenn junge Kollegen Praxen übernehmen“.

Auch seien noch keine Gespräche über die Gründung eines MZV im Hinterland geführt worden. Es könne aber sein, so Hesse, dass das Gesundheitsamt deshalb auf Prima zukomme. Dann sei man zu Gesprächen bereit, „wenn es keine Alternative gibt“.

Kreis erhält vom Land 149.000 Euro

Während des Hearings stellte Frank Bletgen von der Geschäftsführung der „ÄGIVO“ eG – Ärztegenossenschaft Gesundheitsversorgung im Vorderen Odenwald“, noch ihr Modell eines genossenschaftlichen MVZ im ländlichen Raum – das erste in Deutschland – vor.

Für die „Innovative Versorgungsplanung im Landkreis Marburg-Biedenkopf“ erhält der Kreis seit 2018 eine Projektförderung des Hessischen Sozialministeriums in Höhe von 149.000 Euro, weitere 74.500 Euro sind für 2020 in Aussicht gestellt. Um die Aufgabe zu bewältigen stellte der Landkreis eine Koordinatorin ein.

In der ausgewählten Modellregion „Mittelbereich Biedenkopf“ der KV Hessen sind nach Angaben aus dem November 6,5 Arztsitze unbesetzt, was eine rechnerische Versorgungsquote von 85 Prozent ergibt.    

von Gianfranco Fain