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Hinterland Der lange Trip zur Sachertorte
Landkreis Hinterland Der lange Trip zur Sachertorte
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00:18 20.05.2019
Das Kennzeichen verrät einiges: Matthias und Silke Schneider kommen aus dem Altkreis Biedenkopf. Ihr VW-Bulli lief 1972 vom Band und ist längst ein Oldtimer. Mit Emil an Bord startet das Ehepaar zu Sacher nach Wien – mit kleinen Umwegen. Quelle: Hartmut Berge
Lixfeld

Kürzlich feierten sie Silberhochzeit. „Ich habe immer gesagt, ich möchte als Geschenk in Wien eine Original Sachertorte essen“, verrät Silke Schneider und ergänzt: „Mein Mann hat vorgeschlagen, wir könnten das doch mit einem kleinen Umweg verbinden.“

Aus dem kleinen Umweg wird eine rund 5.000 Kilometer lange Balkan-Tour. Los geht‘s Ende Mai. Drei bis dreieinhalb Wochen haben die beiden für ihren Road-Trip eingeplant. Unterwegs sind sie dann nicht etwa mit einem luxuriösen Wohnmobil. Und sie werden auch nicht in komfortablen Hotelbetten schlafen. Ihr ausziehbares Bett ist zwei Meter lang und 1,4 Meter breit.

Tagsüber wird es als Sitzbank genutzt. Die gehört zur Ausstattung ihres Bulli. Mit dem VW-Campingbus sind die Lixfelder seit sieben Jahren fast ausschließlich unterwegs, auf Urlaubsreisen zur Erholung an Wochenenden und auch zu Bulli-Treffen.

1972 lief der Bus vom Band und diente – quietschgelb leuchtend – jahrelang der Deutschen Bundespost zum Transport von Briefen, Päckchen und Paketen. Dann kaufte ein Bastler den Bulli und baute ihn zum Campingbus um. Damit es etwas zügiger vorangehen konnte, tauschte er den 50 PS starken 1.600er-Motor gegen eine Zwei-Liter-Maschine mit 70 PS aus.

„Der Vorbesitzer hatte den Bulli zuletzt 18 Jahre lang nicht bewegt, bevor wir ihn kauften“, berichtet Matthias Schneider. „Er war in relativ gutem Zustand, perlmutt-weiß lackiert und hatte einen Airbrush-Regenbogen an der Seite“, beschreibt der Lixfelder. Weil der Lack ein paar Macken hatte und sich ein solches Kunstwerk nicht ausbessern lässt, entschlossen sich die beiden, ihren Bulli neu lackieren zu lassen. Jetzt kommt er mintgrün und weiß daher.

Weitere Verschönerungen und Verbesserungen folgten. „Da ist alles drin, was man braucht, versichert der 50-Jährige. Sogleich gibt seine Frau – nicht ganz ernst gemeint – zu bedenken: „Außer Spülmaschine und Badewanne.“
Tatsächlich gibt‘s im Bulli Dusche, WC, Kochstelle, einen Durchlauferhitzer für warmes Wasser und Solarzellen auf dem Dach, über die eine Batterie geladen wird.

Und ganz wichtig: „Wir haben drei Heizsysteme, Elektroheizung, Gasheizung und eine Benzin-Standheizung für vorne und hinten“ beschreibt Matthias Schneider und erklärt den scheinbaren Luxus: „Wenn meine Frau friert, dann wird es gefährlich.“

Der Bulli bietet reichlich Stauraum. Verpflegung für eine Woche finde locker Platz, versichern die beiden. Bei ihren Trips machen sie meist auf Campingplätzen Halt, zur Not verbringen sie auch mal eine Nacht auf einem Parkplatz. Weil sie selten länger an einem Ort bleiben, gibt‘s als Schutz vor Regen lediglich eine Markise.

Bullis in allen Variationen

VW Bus oder VW Transporter ist der Name des von Volkswagen werksintern VW Typ 2 genannten Kleintransporters, des zweiten zivilen Volkswagens nach dem als VW Typ 1 bezeichneten VW Käfer. Der VW Bus ist hierzulande als Bulli bekannt, in der Schweiz als Nutzi. Der T2 wurde von 1967 bis 1979 gebaut. Das Konzept des Vorgängers wurde beibehalten, die Technik von Fahrwerk und Karosserie verbessert. Wie der Vorgänger wurde der T2 im VW-Werk Hannover hergestellt. Von den etwa 2,5 Millionen in Deutschland produzierten T2 wurden über zwei Drittel exportiert. Der neue Transporter hatte eine komfortablere Fahrerkabine mit einer ungeteilten Frontscheibe und Kurbelfenstern, ab 1972 ein anderes Lenkgetriebe, eine Schräglenker-Hinterachse und einen stärkeren Motor. Das Armaturenbrett mit Handschuhfach war größer und hatte Belüftungsdüsen. Die seitliche Schiebetür war serienmäßig. Ab Modelljahr 1968 (August 1967) hatten alle T2 eine Zweikreisbremsanlage, ab August 1970 Scheibenbremsen an der Vorderachse. Im Jahr darauf kam ein stärkerer Motor, der „Flachmotor“ wie im VW Typ 4 (VW 411) zusätzlich ins Programm, der aus zunächst 1,7 Litern Hubraum 66 PS bereitstellte. Mit verstärkten Fahrwerk und 1,2 Tonnen Nutzlast war der Wagen ab 1974 erhältlich. Von 1975 an bis zum Ende der Produktion 1979 wurde der T2 mit dem 1600er-Motor und 50 PS (37 kW) oder einem 70 PS (55 kW) leistenden 2-Liter-Flachmotor angeboten.

Für größere Touren suchen sich die beiden Lixfelder vorzugsweise Ziele mit Schönwettergarantie aus. Die bisher längste Reise führte nach Spanien, im vergangenen Jahr waren sie in Slowenien. „Nach allen größeren Touren sagen wir uns: So lange fahren wir nicht mehr weg“, berichtet Silke Schneider. Gleichwohl haben sie nun den 5.000-Kilometer-Trip geplant. „Der schönste Urlaub ist der mit dem Bulli“, versichert die 47-Jährige und erklärt: „Zu Hause haben wir jeden Luxus. Da kann ich mich aber nicht entspannen.“

Bei allen Bulli-Touren mit dabei ist seit zwei Jahren Emil. Der Havaneser schläft am liebsten im Fußraum, im Fond des Busses. Er ist bei Tag ein äußerst aufgewecktes Kerlchen. Das kommt den beiden Lixfeldern zu pass, denn sie wandern gerne und frönen dem Geocaching. Viele Kilometer wird der lauffreudige Vierbeiner während der bevorstehenden Tour wohl nicht machen können. „Hauptsache er ist dabei“, betont Silke Schneider.

Der Bulli hat zwar nur 68.000 Kilometer auf dem Tacho, aber die Vermutung liegt nahe, dass er weit mehr zurückgelegt hat. Gleichwohl haben die Lixfelder Camper großes Vertrauen in ihren Oldtimer. „Er hat uns noch nie im Stich gelassen“, berichtet Matthias Schneider stolz. Lediglich nach dem Kauf vor sieben Jahren ruckelte und zuckelte er etwas.

Wen wundert‘s: Nach 18 Jahren Standzeit war der Kraftstoff so gut wie unbrauchbar. „Die erste Fahrt startete in Lixfeld und endete in Niedereisenhausen“, erzählt die 47-Jährige lachend. Doch das ist längst Geschichte. Ihr Mann hat zwar immer Werkzeug und wichtige Ersatzteile mit an Bord, doch die bleiben im Stauraum.

Einmal musste Matthias Schneider die Werkzeugkiste doch auspacken: „In Spanien habe ich einem Campingnachbarn den Hammer geliehen, weil er Heringe einschlagen wollte.“ Also gehen die beiden zuversichtlich auf Tour, nicht zuletzt auch weil sie alle anderen Vorbereitungen abgeschlossen haben: für Zweibeiner und Vierbeiner.

Sie hatten vor, sich zur eigenen Sicherheit über eine E-Mailadresse beim Auswärtigen Amt registrieren zu lassen. Für den 15-Länder-Trip hätten sie sich aber mit 15 unterschiedlichen Adressen registrieren müssen. „Eine grundsätzlich gute Idee, aber in unserem Fall zu viel Aufwand“, kommentiert Silke Schneider.

Aufwendig waren die Vorbereitungen für Emil: In Europa gelte der Drei-Jahres-Rhythmus für Tollwutimpfungen. In Albanien müsse der Hund jedes Jahr geimpft werden, sagt sie. Recht unterschiedlich gehandhabt werden allgemein die Titerbestimmungen, der Überblick über den aktuellen Impfstatus des Tieres.

Das Gleiche gelte für die Bescheinigung, dass der Hund reisefähig und gesund sei. „Die darf hier nur das Veterinäramt ausstellen“, sagt Silke Schneider. In Mazedonien darf die Bescheinigung nicht älter als zehn Tage sein. Also müssen die Schneiders unterwegs nochmal zu einem Veterinäramt. Allen bürokratischen Hindernissen zum Trotz fiebern die Lixfelder dem Tag der Abreise entgegen.

von Hartmut Berge