Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Hinterland Fast 240 Jahre für den Kratzputz
Landkreis Hinterland Fast 240 Jahre für den Kratzputz
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:59 01.12.2019
Malermeister Hans-Peter Donges zeigt Ergebnisse und Werkzeuge seiner Zunft.  Quelle: Foto: Klaus P. Andrießen

„Meine Familie sorgt seit mindestens 1782 für Ornamente auf heimischen Fachwerkwänden“, sagt Malermeister Hans-Peter Donges. Das wisse man genau, seit sich in den 1980er-Jahren der Hessenpark bei der Firma in Holzhausen gemeldet hat.

„Die Fachleute hatten auf einem Gefach einer alten Scheune, die sie zuvor in Damshausen abgebaut und nach Neu-Anspach gebracht hatten, eine Signatur des ausführenden Malers gefunden“, erinnert sich der 1964 geborene Handwerksmeister. Und diese Signatur war zweifelsfrei die seines Vorfahren aus dem 18. Jahrhundert, wie er sich zusammen mit seinem Vater Hans vor Ort überzeugen konnte: „Denn die Diagonale des ,N‘ haben unsere Vorfahren immer in der falschen Richtung eingezeichnet.“

Das im Hessenpark archivierte Gefach wird übrigens an prominenter Stelle eines 2015 gedrehten Films über den Hessischen Kratzputz gezeigt, in dem Hans Donges mit Sohn Hans-Peter das Handwerk in allen Einzelheiten vorführt und erklärt.

Jeder Kratzputzmeister hat seinen eigenen Stil

Viele Bilder und Dokumente zur Geschichte der Handwerksdynastie hat der 2018 verstorbene Hans Donges auch in einem selbst hergestellten Buch zusammengetragen, von dem das Malergeschäft noch einige wenige Exemplare hat. Der Marburger Architekt Karl Rumpf, der als einer der ersten die kulturelle Bedeutung des Kratzputzes erkannt hatte, rühmte in einem 1938 erschienenen Buch die Arbeiten von Johannes Donges III. (1822 bis 1900) aus Holzhausen als „künstlerischen Höhepunkt“ seiner Zunft.

Das Malergeschäft in Holzhausen gehört zu den ganz wenigen Firmen, die heute noch die traditionsreiche und in Hessen auf das Hinterland sowie die Schwalm beschränkte Kratzputztechnik ausführen können. Malermeister Donges berichtet, dass es heute meistens Restaurierungs- oder Renovierungsarbeiten sind, bei denen der Kratzputz eine Rolle spielt.

Hin und wieder ist es aber auch ein frisch renoviertes Fachwerkhaus, auf dessen Gefachen sich die Eigentümer die traditionelle Verzierung wünschen. Da es sich in beiden Fällen von Anfang bis Ende um reine Handarbeit handelt – gepaart mit der künstlerischen Fähigkeit, die Motive in ansprechender Form auszuführen –, müssen Bauherren dafür deutlich tiefer in die Tasche greifen als für eine frisch angemalte Fassade. Was die Motive angeht, so hat praktisch jeder Kratzputzmeister seinen eigenen Stil.

So hat etwa Hans Donges möglichst die gesamte Gefachfläche für seine Motive genutzt, während Sohn Hans-Peter nach eigener Aussage einen „etwas zurückhaltenderen Stil“ pflegt.

Grundsätzlich, so erzählt er, werden die Lehm-Gefache zunächst mit Kalk verputzt. Dann „stippt“ man die Fläche mit einem zum handlichen Werkzeug zusammengefügten Reisigbündel und erhält so einen gleichmäßigen plastischen Hintergrund. Nun wird ein breiter glatter Rand zu den Balken hineingefügt und schließlich mit feinen Werkzeugen das eigentliche Motiv in den noch frischen Putz eingearbeitet.

Tradition könnte mit 
dieser Generation enden

Holzhausen wird oft als Herz des Kratzputz-Fachwerks im Kreis Marburg-Biedenkopf bezeichnet. Immerhin sind hier die entsprechend geschmückten Häuser derart zahlreich vertreten, dass sie den Besuchern förmlich ins Auge springen.

Doch auch etwa in Herzhausen, Hommertshausen und Friedensdorf sind etliche Häuser des Hinterlandes im Lauf der Jahrhunderte mit einzigartigen Ornamenten geschmückt worden. Das dokumentiert eine vor Kurzem erschienene, reich bebilderte Broschüre der „Reiserouten zum Kratzputz in Hessen“ (siehe Kasten), die neben diversen Artikeln über Kratzputzhäuser und -meister im Landkreis Marburg-Biedenkopf auch auf die einschlägigen Kulturschätze im Schwalm-Eder-Kreis aufmerksam macht.

Was die Tradition der Weißbinderfamilie in Holzhausen angeht, so könnte sie mit Hans-Peter Donges enden, denn seine zwei Töchter haben sich für andere Berufswege entschieden. Mit Mitte 50 wolle er aber selbst noch viele Jahre das Handwerk ausüben. Er hoffe, im Lauf der Zeit einen geeigneten Nachfolger zu finden, sagt Donges. Dieser sollte möglichst die alten Techniken beherrschen, mit denen sich die Firma inzwischen bei vielfältigen Restaurierungsarbeiten einen Namen gemacht hat. Das Problem sei, dass in den vergangenen Jahren kaum noch Lehrlinge für das Handwerk zu bekommen sind.

von Klaus P. Andrießen