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Hinterland Der Weg der Waren zurück zur Schiene
Landkreis Hinterland Der Weg der Waren zurück zur Schiene
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10:00 11.04.2022
Sie setzen sich für den Bau eines Railports zwischen Breidenbach und Breidenstein ein und stellen sich dafür auch in den Regen: (Von links) der Biedenkopfer Bürgermeister Joachim Thiemig, sein Bauamtsleiter Thorsten Schmack, Joachim Koch von der Firma Railistics, Rolf Heinecke von Christmann + Pfeifer, Hans-Martin König von der Kurhessenbahn, der Erste Kreisbeigeordnete Marian Zachow, Jürgen Köhler von Mercer Holz und der Breidenbacher Bürgermeister Christoph Felkl.
Sie setzen sich für den Bau eines Railports zwischen Breidenbach und Breidenstein ein und stellen sich dafür auch in den Regen: (Von links) der Biedenkopfer Bürgermeister Joachim Thiemig, sein Bauamtsleiter Thorsten Schmack, Joachim Koch von der Firma Railistics, Rolf Heinecke von Christmann + Pfeifer, Hans-Martin König von der Kurhessenbahn, der Erste Kreisbeigeordnete Marian Zachow, Jürgen Köhler von Mercer Holz und der Breidenbacher Bürgermeister Christoph Felkl. Quelle: Mark Adel
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Breidenbach

Ein Railport zwischen Breidenbach und Breidenstein lässt sich wirtschaftlich betreiben und könnte schon in kurzer Zeit realisiert werden: Das ist das Ergebnis einer Machbarkeitsstudie, deren Ergebnisse am Donnerstag (7. April) bei der Firma Christmann + Pfeifer vorgestellt wurden. Deren Geschäftsführer Rolf Heinecke sieht in dem Railport gar eine existenzielle Bedeutung für das Hinterland. Allerdings gibt es zu den Kosten bislang nur ungenaue Aussagen.

Was ist ein Railport?

Wörtlich übersetzt bedeutet es „Schienenhafen“, es ist quasi ein Güterbahnhof. Er ist eine Schnittstelle zwischen Schiene und Straße: Waren werden per Zug angeliefert und mit dem Lastwagen weitertransportiert und umgekehrt.

Für die Erstellung der Machbarkeitsstudie hatten sich neben Kreis, Breidenbach und Biedenkopf auch die Unternehmen Christmann + Pfeifer, Buderus Guss und Mercer Holz stark gemacht.

Wo soll er gebaut werden?

Der Railport soll dort entstehen, wo sich schon seit 2007 die Holzverladestation der Stadt Biedenkopf befindet, also an der Bahnstrecke zwischen Breidenbach und Breidenstein.

Wer dringt auf den Bau?

Rolf Heinecke, Geschäftsführer von Christmann + Pfeifer, hält den Railport für unabdingbar. Das Unternehmen will nicht nur den Railport nutzen, sondern auch große Stahlbetonteile von seiner Fertigungshalle direkt auf Spezialwaggons verladen.

Ein Gleisanschluss von Buderus Guss, also quasi die Reaktivierung des alten Streckenabschnitts, ist nicht möglich. Buderus könnte aber mit Lastwagen den Railport anfahren – wie auch andere Betriebe in der Region, die damit weite Fahrtstrecken mit Lastwagen vermeiden können.

Welche Bedeutung messen die Betriebe dem Railport bei?

Der C+P-Chef wird deutlich: „Wir sprechen hier über die Zukunft der Unternehmen in der Region.“ Die seien von einer geeigneten Infrastruktur abhängig. „Für einige Firmen wird es Probleme geben, wenn sie nur über die Straße transportieren können. Deshalb ist es für das Hinterland eine existenzielle Frage“, sagt Heinecke. Am Beispiel von C+P sagte er: „Das meiste wird über die Bahn gehen.“

Wäre der Betrieb wirtschaftlich?

Joachim Koch vom Planungsbüro Railistics hat die Machbarkeitsstudie erstellt. Er sagt: ja, unter bestimmten Voraussetzungen, „die Wirtschaftlichkeit steht und fällt mit der Auslastung“. Je mehr Firmen be- und entladen, desto wirtschaftlicher ist der Railport. Anders sieht es mit dem Holzport aus: Der sei allein durch die Nutzungsentgelte wirtschaftlich. Koch kommt deshalb zu der Empfehlung, den Railport zu planen.

Wie hoch sind die Kosten und gibt es Zuschüsse?

Eine konkrete Summe wurde nicht genannt – und die Machbarkeitsstudie ist nicht öffentlich, es gab nur eine Präsentation der Ergebnisse. Joachim Koch bestätigte auf Nachfrage, dass die Kosten etwa im einstelligen Millionenbereich liegen. Und für den Bau gebe es eine Förderung vom Bund, Details müssen noch ermittelt werden.

Wie viele Züge können wöchentlich fahren?

Joachim Koch vom Planungsbüro Railistics hat die Machbarkeitsstudie erstellt. Er geht davon aus, dass bis zu neun Züge pro Woche den Railport ansteuern können: zum Beispiel zum Abtransport von Holz oder zur Anlieferung von Koks an Buderus Guss. Sogenannte kombinierte Züge könnten Waren für verschiedene Unternehmen anliefern. Jeder Zug ersetzt etwa 40 Sattelschlepper. Daneben könnten bis zu zehn Spezialzüge pro Jahr das C+P-Werk mit großen Stahlbetonteilen verlassen.

Wird eine Holzverladestation überhaupt noch benötigt, wenn das Holz der vergangenen Dürresommer abgefahren ist?

Ja, weil in den Wäldern auf Dauer genügend Holz vorhanden ist. Eigentlich wollte Mercer deshalb selbst die Verladestation sanieren und übernehmen. Das habe das Unternehmen, das unter anderem Zellstoffwerke beliefert, schon häufiger gemacht und plane jährlich dafür fünf Millionen Euro ein, sagte Logistikleiter Jürgen Köhler.

Dann schloss sich das Unternehmen aber den anderen Firmen an mit dem Ziel, den gemeinsamen Railport zu bauen. Auch Köhler verwies auf die enorm hohen Kosten durch Lastwagentransporte. Immer mehr Firmen würden verlangen, dass Zulieferer über einen Gleisanschluss verfügen. „Der Weg wird weltweit vom Lkw zurück zur Bahn sein.“ Hans-Martin König, Sprecher der Kurhessenbahn, bestätigte das. „Der Trend geht ganz klar dorthin. Da gibt es kein Zurück.“

Wie groß wird der Einzugsbereich sein?

Jürgen Köhler nannte die Holzspediteure als Beispiel: Die fahren das Holz keine weiten Strecken, sondern nur 80 Kilometer weit. In diesem Umkreis ist die Verladestation aus seiner Sicht für Unternehmen interessant.

Wie groß muss der Railport werden?

Nötig ist laut Joachim Koch ein 1,1 Kilometer langer Gleisbereich, also deutlich länger als bisher. Die Container und Waren werden mit einer Art Gabelstapler verladen, die statt der Gabeln über Greifarme verfügen. Große stationäre Kräne sind nicht nötig. Der Railport soll von bis zu 740 Meter langen Zügen angefahren werden können.

Warum ist eine Schienenanbindung für Firmen interessant?

Waren per Lastwagen zu transportieren, wird immer teurer. Die Treibstoffkosten steigen, und es fehlen Fahrer. Durch den Railport könnten Betriebe einen Teil der Fahrten einsparen, wenn sie nur bis Breidenstein fahren müssen und die Produkte dort auf Eisenbahnwaggons verladen werden.

Joachim Koch ging sogar so weit, dass eine Schienenanbindung neue Unternehmen anlocke – wie schon in der Industrialisierung Betriebe an Bahnstrecken bauten. So kam auch C+P nach Breidenbach: „Wir wären nicht an diesem Ort, wenn es damals nicht den Bahnanschluss gegeben hätte“, sagte Heinecke. Das war 1925.

Wie geht es weiter und wann wird gebaut?

Nun sollen die Fördermöglichkeiten ermittelt und die entsprechenden Anträge gestellt werden. Im Regionalplan Mittelhessen ist im Bereich des Railports ein interkommunales Gewerbegebiet von Breidenbach und Biedenkopf vorgesehen. Ist es für den Bau eines Railports nötig?

Laut Joachim Koch würden zwar die Betriebe von dem Bahnanschluss profitieren. Voraussetzung für die Wirtschaftlichkeit des Railports sei das Gewerbegebiet aber nicht. Angesichts der Diskussionen über das Gewerbegebiet bekräftigte der Biedenkopfer Bürgermeister Joachim Thiemig (SPD), dass sowohl Biedenkopf als auch Breidenbach weitere gewerbliche Flächen bräuchten. Das sieht der Erste Kreisbeigeordnete Marian Zachow (CDU) ähnlich: Die Wirtschaft brauche Wachstumsfläche. „Und das Gewerbegebiet der Zukunft braucht einen Gleisanschluss.“

In welchem Zustand ist die Bahnstrecke?

Die Brücke über die Lahn galt als Hauptgrund, weshalb die Strecke vor wenigen Jahren noch stillgelegt, die Holzverladestation aufgegeben werden sollte. Inzwischen ist klar: Die Brücke hält. Laut Hans-Martin König ist der Betrieb bis zum Jahr 2050 genehmigt. Die Strecke zwischen Marburg und Erndtebrück, von der das Nebengleis nach Breidenstein abzweigt, wird bis 2025 digitalisiert, zum Teil werden elektronische Stellwerke verbaut. Das ermöglicht mehr Züge und höhere Taktdichte.

Ist damit der ebenfalls geforderte neue Radweg zwischen Breidenstein und Breidenbach gestorben?

Nein. „Wir sind in konstruktiven Gesprächen“, sagte der Breidenbacher Bürgermeister Christoph Felkl (SPD). Der Radweg soll es unter anderem für Lehrlinge attraktiv machen, das C+P-Ausbildungszentrum auf zwei Rädern anzufahren. Ziel ist laut Felkl, dass die Bundesstraße nicht überquert werden muss. Das bedeutet: Bundesstraße, Schienen, Radweg, Railport und das neue Gewerbegebiet müssen miteinander harmonieren. Konkrete Pläne dazu gibt es noch nicht.

Wann soll der Railport in Betrieb gehen?

So schnell wie möglich. Rolf Heinecke gab als Ziel 2025 vor – dann wird C+P 100 Jahre alt. Eine Realisierung innerhalb von zwei bis drei Jahren hält auch Jürgen Köhler von Mercer Holz für realistisch.

Von Mark Adel